Politik

Unerwünschter klebriger Weckruf Tortenwurf zeigt Dilemma der Linkspartei

Aufmerksamkeit wollte die Linkspartei in Magdeburg wohl anders erregen. Dass Aktivisten sich verleitet sehen, Sahra Wagenknecht eine Torte ins Gesicht zu schleudern, zeigt aber, wie sehr die Partei um ihren Kurs ringt.

Gerade hat sich Bernd Riexinger richtig in Fahrt geredet, da bricht in der ersten Reihe vor der Bühne ein Tumult aus. Blätter fliegen durch die Luft, Kameraleute rennen nach vorn und Riexinger, der zunächst einfach weitergeredet hat, bricht ab. "Was ist denn das hier?", fragt er genervt. Auch er hat nicht gleich gesehen, was passiert ist. Der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Sahra Wagenknecht, war eine Torte ins Gesicht geschleudert worden. Die Störer, die nach wenigen Sekunden eingefangen werden, nennen es "Aktion gegen Menschenfeinde". In dem Flugblatt vergleichen sie Wagenknecht mit der AfD-Hardlinerin Beatrix von Storch.

Sahra Wagenknecht verlässt sofort den Saal, bevor noch mehr Fotos von ihr in dieser misslichen Lage geschossen werden. Für die Partei, die sich vorgenommen hatte, mit dem Magdeburger Parteitag den großen Aufbruch aus monatelanger Lethargie zu feiern, ist die Tortenaktion ein Schockmoment und Weckruf zugleich. Geistesgegenwärtig genug ist die Parteitagsregie allerdings noch, um den Livestream von der Veranstaltung kurzerhand unterbrechen zu lassen.

Wagenknecht hat polarisiert mit ihren Aussagen zum Umgang mit AfD-Wählern und Flüchtlingen. Viele in der Partei empfanden diese als populistisch und als ein Hinterherrennen hinter der AfD, die momentan zu ihrem Leidwesen die erfolgreichere Protestpartei ist. Doch jetzt ist die Solidarität mit der Getroffenen groß - zunächst wegen der Torte und nicht wegen des nicht minder gemeinen Vergleichs mit von Storch. "Das ist kein Anschlag nur auf Sahra, das ist ein Anschlag auf uns alle", mischt sich die Parteivorsitzende Katja Kipping ein. Wagenknechts Co-Fraktionsvorsitzender Dietmar Bartsch nennt die Aktion dumm, asozial und nicht links. Riexinger, der seine schwungvoll begonnene Rede dann trotzdem noch zuende bringt, empört sich vor allem über die Gewalt gegen Frauen, die er obendrein in der Tortenaktion sieht.

Die Linke und ihr AfD-Trauma

Immerhin: Der Parteitag hat dank des unerwünschten Zwischenfalls nun ein zusätzliches Aufmerksamkeitsmoment. Einen wunden Punkt haben die selbsternannten Aktivisten jedenfalls getroffen. Die Linkspartei ringt um ihre Position als "eigentliche" Protestpartei und kann nicht mehr anders, als sich der AfD an die Fersen zu heften. In den vergangenen Monaten jedenfalls hatte die Linkspartei keine größere öffentliche Aufmerksamkeit mehr auf sich gezogen, stattdessen den Einzug in zwei Landtage verpasst (Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg) und in Sachsen-Anhalt einen Absturz von knapp 24 auf 16 Prozent erlitten.

Der Bezug zur AfD zieht sich durch fast alle Redebeiträge auf dem Parteitag. Für die Linke gilt es nun offenbar, sich als Alternative zur immer weiter nach rechts driftenden (und damit für manche Wähler vielleicht wieder unwählbar werdenden?) "Alternative für Deutschland" zu positionieren. Der Bundesvorsitzende Riexinger sagte in seiner Rede, die Niederlagen bei den Landtagswahlen hätten ihn auch persönlich getroffen. Die AfD müsse angegriffen und bekämpft werden, bis sie dort lande, "wo sie hingehört: auf dem Müllhaufen der Geschichte". Überzeugt werden sollen vor allem jene, die "sich abgehängt fühlen" und aus Frust ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben.

Quelle: n-tv.de

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