Politik

"Eine Schande für Europa" Tricks der Schlepper werden grausamer

Sie hoffen auf ein besseres Leben. Sie zahlen Unsummen für ihre Flucht - und werden im Mittelmeer ihrem Schicksal überlassen. Europa aber hält sich zurück. Doch gegen die Schlepper muss in den Herkunftsländern gehandelt werden.

Die Tricks der Schlepper werden immer grausamer. Der Tod der 29 Flüchtlinge in den Schlauchbooten vor libyschen Küste ist ein weiterer Beweis. Sie waren ja keineswegs in Gummibooten von der Küste aus losgerudert, bei Windstärke 9 und bis zu sechs Meter hohen Wellen. Sie waren, man ist versucht es zu sagen, ganz "regulär" an Bord der Schlepperschiffe gegangen, nachdem sie wie immer die vermeintliche Überfahrt nach Italien mit 4000 Dollar im Schnitt bezahlt hatten. Doch die Schlepper haben sie dann kurz nach der Abfahrt in Schlauchbooten ausgesetzt, per Satelliten-Telefon die Küstenwacht auf Lampedusa informiert und sind verschwunden. Die Flüchtlinge aber blieben im Meer, bei eisigem Wind und durchnässt bis auf die Knochen.

Die Küstenwachtboote brauchten einige Stunden, um den - von den Schleppern gemeldeten - Koordinatenpunkt auf dem Meer zu erreichen. Zu lange für 29 Menschen, sie wurden als Sterbende an Bord geholt, die italienischen Seeleute konnten sie nicht mehr retten.

Die andere Methode der Schlepper ist nicht weniger zynisch. Sie mieten oder kaufen alte Schiffe im östlichen Mittelmeer und fahren dann meist aus türkischen Häfen in Richtung Italien. Einige Stunden vor der Ankunft geht wieder ein Notruf an die Küstenwacht heraus, angeblich sei die Besatzung verschwunden, das Schiff treibe mit dem Auto-Piloten auf die Küste zu. Fest steht: Der Flüchtlingsstrom nach Italien übers Meer ist nicht abgerissen, obwohl Italien die vorgeschobene Rettungsaktion "Mare Nostrum" abgebrochen hat. Heute heißt die Aktion unter finanzieller und organisatorischer Beteiligung Europas Triton.

3815 Flüchtlinge - in sechs Wochen

Seit Jahresbeginn sind schon wieder 3815 Flüchtlinge nach Italien gekommen. Wie viele Menschen den Fluchtversuch mit dem Leben bezahlt haben, ist unbekannt. Die Reaktion in Italien auf die 29 auf dem Meer erfrorenen war von großer Härte. Innenminister Angelino Alfano erklärte unmissverständlich, dass es kein Zurück zu "Mare Nostrum" gebe, dass die italienische Marine maximal 30 Seemeilen vor Lampedusa patrouillieren werde, nicht weiter. Doch die Schlepper unterlaufen diese Grenze sehr klug, weil sie nun selbst die Notrufe absetzen. Und diesen muss nach internationalem Recht Hilfe geleistet werden. Sie kennen keine 30-Seemeilen-Grenze.

Italiens Problem mit den Flüchtlingen ist weniger, dass die meisten von ihnen in Italien bleiben wollen. Von der Flüchtlingswelle der vergangenen anderthalb Jahre wissen wir, dass von den 160.000 Flüchtlingen übers Meer weniger als ein Drittel in Italien geblieben ist. Wer in Italien politisches Asyl erhalten hat, hat zwar ein Aufenthaltsrecht, aber sonst nichts weiter: Keine Sozialhilfe, keine Bleibe, nichts. So stehen heute in Italiens Städten Tausende afrikanische Flüchtlinge an Straßen vor den Bars und betteln. Ausländerfeindliche Gruppierungen wie die Liga Nord haben auch deswegen einen enormen Zuspruch erfahren, weil sie gegen die angebliche Invasion Italiens durch die Flüchtlinge protestieren.

Patrouillenfahrten sind keine Lösung

Das Verhalten der Schlepper macht deutlich, dass die Lösung nicht in Patrouillenfahrten im Mittelmeer liegen kann. Den kriminellen Schlepperbanden kann nur in den Ländern das Handwerk gelegt werden, in denen diese operieren. In Libyen, Ägypten, der Türkei, auch in Griechenland, durch deren Hoheitsgewässer die sogenannten Geisterschiffe mit ihren knapp tausend Flüchtlingen an Bord ungestört fahren dürfen. Europa sollte ein Interesse daran haben, in den Ausgangsländern andere Lösungen für die Flüchtlinge zu finden. Sind sie erst einmal in Italien gelandet, dauert es schließlich nicht lange und sie haben ihren Weg in anderen Länder Europas gefunden.

Die Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, ist entsetzt. Wieder ist Lampedusa die erste Anlaufstation für die Flüchtlinge - wie immer schon. Europa habe nichts aus der Katastrophe vom 3. Oktober 2013 gelernt, als 366 Menschen direkt vor der Mittelmeerinsel ertranken. Danach begann die Hilfsaktion "Mare Nostrum", die aber Ende vergangenen Jahres eingestellt worden war: weil es einfach zu viele Flüchtlinge wurden, weil sich Europa mit seinen 515 Millionen Einwohner nicht auf die Verteilung der Hilflosen und der Kosten einigen konnte. "Es ist eine Schande für Europa, dass Menschen wieder sterben müssen, die vor grausamen Kriegen fliehen, die ihr Leben auf der Überfahrt riskieren", sagt Nicolini. Nun werde man wieder Decken und Notbekleidung unter den Einwohnern sammeln, als erste Hilfe für die Menschen, die nach Europa kommen, weil sie doch tatsächlich glauben, hier sicher vor Tod und Verfolgung zu sein.

Quelle: ntv.de