Politik

Ukrainischer Experte im Interview"Trumps Diesel-Deal stellt einen radikalen Bruch dar"

25.10.2026, 13:18 Uhr imageInterview: Denis Trubetskoy
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Auf und ab und hin und her: Zuletzt trafen sich Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump am 22. September am Rande der UN-Vollversammlung. (Foto: picture alliance / SIPA)

Der ukrainische Politologe Wolodymyr Fessenko hält den Diesel-Deal von US-Präsident Trump mit Kremlchef Putin für wirtschaftlich unbedeutend, "zumal die USA Diesel aus Russland eigentlich gar nicht brauchen". Das Problem sei ein anderes: "Bisher galt die Regel: Wir können gern über Wirtschaftsdeals mit Moskau sprechen, aber erst muss der Krieg gegen die Ukraine beendet werden. Das gilt nicht mehr. Das - nicht der Diesel-Deal an sich - hat die ukrainische Seite so schockiert."

ntv.de: Herr Fessenko, in den ohnehin komplizierten Beziehungen mit der US-Regierung von Donald Trump erlebt die Ukraine derzeit eine Art Oval Office 2.0. Was sind die Gründe für die erneute Krise?

Wolodymyr Fessenko: Der ukrainischen Regierung ging es im Umgang mit Trump von Anfang an um ein realistisches Maximalziel - den Verkauf von Waffen und Munition, die Teilung der Aufklärungsdaten und den Zugang zu Starshield, dem vom US-Verteidigungsministerium kontrollierten militärischen Ableger von Starlink.

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Wolodymyr Fessenko ist einer der führenden ukrainischen Politikexperten. Seit 2003 ist der Politikwissenschaftler Chef des Zentrums für angewandte politische Forschung Penta in Kiew. Fessenko ist auch als Politikerberater tätig. (Foto: privat)

Es ging also nur um den Erhalt des Status quo.

Recht früh in der zweiten Amtszeit von Trump wurde klar, dass mehr nicht erreichbar ist. Die aktuelle Krise findet vor den US-Zwischenwahlen statt, Benzin- und Dieselpreise in den USA haben Rekordwerte erreicht. Natürlich hat das vor allem mit dem Krieg der USA gegen den Iran und dessen Folgen zu tun. Es ist auch irgendwie logisch, dass Trump sich nicht selbst für die hohen Spritpreise verantwortlich machen kann. Frieden in der Ukraine interessiert den US-Präsidenten auch deutlich weniger als der globale Ölmarkt oder der Dieselpreis in den USA.

Das Ziel des Drucks, den Trump auf die Ukraine ausübt, ist klar: Die Ukraine soll mit ihren Angriffen auf russische Ölanlagen aufhören. Gleichzeitig guckt er, wie man russisches Gas und Öl auf den europäischen Markt zurückbringen kann. Die US-Vorschläge zur Einstellung des russisch-ukrainischen Krieges sind hier als Instrument zu sehen. Das erinnert stark an das deutsche Konzept vom "Wandel durch Handel", auf das auch Angela Merkel gesetzt hat.

Welche Rolle spielt der Diesel-Deal zwischen den USA und Russland?

Hier gibt es zwei Ebenen. Es ist im Prinzip ein Separat-Abkommen zulasten der Ukraine. Es zerstört die Idee eines gegenseitigen Energiewaffenstillstands und gibt Putin die Möglichkeit, die Ukraine in eine Falle zu locken. Denn für die Ukraine schafft der Diesel-Deal ein Dilemma: Entweder stellt man die Angriffe ein, dann würde Russlands Kriegsmaschine profitieren. Oder man setzt sie fort, was zu einer systematischen Krise in den Beziehungen mit den USA führen würde. Ich bezeichne den Diesel-Deal daher als eine Art "Diesel-München" [in Anlehnung an das Münchner Abkommen von 1938, bei dem der britische Premier Chamberlain Hitler das tschechoslowakische Sudetenland zubilligte]. Der Deal zwischen Trump und Putin mag für sich genommen wirtschaftlich unbedeutend sein, zumal die USA Diesel aus Russland eigentlich gar nicht brauchen. Er fixiert aber den radikalen Bruch der USA mit einer der wenigen bisherigen klaren Verhandlungslinien. Bisher galt die Regel: Wir können gern über Wirtschaftsdeals mit Moskau sprechen, aber erst muss der Krieg gegen die Ukraine beendet werden. Das gilt nicht mehr. Das - nicht der Diesel-Deal an sich - hat die ukrainische Seite so schockiert.

Und die zweite Ebene?

Nicht nur Putin lockt die Ukraine in eine Falle, auch Trump. Die Art und Weise, wie dieser Deal umgesetzt werden soll, ist für Kiew eine tickende Zeitbombe, weil die Diesel-Mengen, die Russland liefern könnte, kontinuierlich ansteigen sollen. Das gibt den USA einen permanenten Anlass, Druck auf die Ukraine auszuüben, die Angriffe auf russische Ölanlagen einzustellen. Heißt konkret: Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Thema nach den Zwischenwahlen am 3. November verschwindet.

Nach dem ersten Eklat im Oval Office am 28. Februar 2022 hat Trump sehr direkten Druck auf die Ukraine ausgeübt. Damals wurden die Lieferungen von Waffen, Munition und Aufklärungsdaten offiziell gestoppt. Diesmal ist es anders: Bei bestimmten ballistischen Angriffswellen hat das Frühwarnsystem nicht funktioniert, bei Starshield gab es auf einmal eine Geschwindigkeitsbegrenzung - und bis heute ist unklar, wer dafür die zentrale Verantwortung trägt und was der aktuelle Stand ist.

Der Unterschied ist wirklich auffällig. Im März und eigentlich auch noch im April 2025 übte Washington ganz direkten Druck auf Kiew aus. Jetzt handelt es sich um punktuellen Druck - und die USA geben nicht offen zu, dass es überhaupt gezielte Aktionen gibt, mit denen die Ukraine zum Einlenken gebracht werden soll. Das liegt zum einen daran, dass die USA gar nicht mehr so viele Instrumente haben, um Druck auf die Ukraine auszuüben. Zum anderen hat das wohl mit der öffentlichen Meinung in den USA zu tun. Washington kann es sich nicht leisten, den Eindruck entstehen zu lassen, man stehe in diesem Krieg auf der Seite des Aggressors.

Welche konkreten Auswirkungen hatte die Teileinschränkung der US-Unterstützung bisher?

Ich kann nicht beurteilen, ob die Tatsache, dass das Frühwarnsystem drei Mal nicht funktionierte, wirklich Absicht war. Das kann schon mal vorkommen. Wenn die russischen ballistischen Raketen auf Kiew fliegen, ist die Flugzeit extrem kurz. Hinzu kommt der russische Einsatz von umgebauten S-400-Flugabwehrraketen im Boden-Boden-Modus, deren Starts schwer erkennbar sind. Da geht es um Minuten, die entscheidend dafür sein können, ob Zivilisten sich rechtzeitig in den Schutzraum bringen können. Mich würde aber nicht überraschen, wenn der eine oder andere Vorfall von der US-Seite so gewollt war.

Das größte Problem bleibt Starshield. Die Geschwindigkeitsbegrenzung ab 160 km/h betrifft ebenfalls den Bereich der Flugabwehr: Abfangdrohnen gegen neuartige russische Jet-Drohnen sowie Kampfhubschrauber, die ebenfalls gegen Jet-Drohnen vom Typ Geran-4 und Geran-5 eingesetzt werden. Die Ukraine konnte die Frontlage in diesem Jahr nicht zuletzt durch sogenannte Middle Strikes gegen russische Kriegslogistik tief auf dem besetzten Gebiet stabilisieren. Dafür wurden Drohnen eingesetzt, die größtenteils Starshield benutzen. Ein Problem ist natürlich auch die Verzögerung von Lieferungen der Patriot-Flugabwehrraketen aus Beständen der europäischen Drittstaaten, denn nichts anderes kann ballistische Raketen derart effektiv abfangen. Aufgrund des weltweiten Defizits sprechen wir hier allerdings nicht über große Mengen.

Immerhin scheint das Frühwarnsystem wieder zu funktionieren. Wie lässt sich die Situation um Starshield aus ukrainischer Sicht managen?

Das ist keine leichte Aufgabe. Ich kann mir vorstellen, dass die Idee ursprünglich von Elon Musk stammt. Letztlich hängt es zwar vom US-Präsidenten ab, ob und wie ein militärisches Produkt verwendet werden darf. Aber weil Trump nicht dafür bekannt ist, sich für Details zu interessieren, ist die konkrete Umsetzung entscheidend, die das Pentagon verantwortet. Die Ukraine muss ihre guten Beziehungen zum US-Verteidigungsministerium auf der Fachebene einsetzen, was sie auch tut. Auch die öffentliche Meinung in den USA ist wichtig. Wir wissen aber auch, dass die politische Führung des Pentagons aktuell weder besonders Ukraine-freundlich noch sonderlich kompetent ist, um ehrlich zu sein. Ich würde darüber hinaus auf ein Detail hinweisen: Noch vor dem Treffen mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff in Oslo hat Präsident Wolodymyr Selenskyj mit US-Außenminister Marco Rubio telefoniert, auf Rubios Initiative hin. Das war das erste Gespräch dieser Art überhaupt - und es wurde unterstrichen, dass es ganz konkret um drei Fragen ging, auf die es aus ukrainischer Sicht gerade ankommt: Frühwarnsystem, Starshield, Patriot-Raketen.

Wie würden Sie den Umgang der ukrainischen Staatsführung mit der Krise einschätzen? Selenskyj traut sich aktuell zu, sich etwas schärfer über Trump öffentlich zu äußern, oder?

Man kann darüber streiten, ob seine Worte zum Diesel-Deal, dieser sei eine "schwache Entscheidung eines starken Staates", klug gewählt waren. Dies wurde natürlich gleich an Trump weitergetragen, der den Vorwurf von Schwäche persönlich genommen haben dürfte. Davon abgesehen muss man nicht in Panik geraten. Viele haben nach dem ersten Eklat im Weißen Haus vor anderthalb Jahren gesagt, Trump werde Selenskyj nie mehr empfangen. Seitdem haben sich die beiden mehr als zehn Mal getroffen. Das typische Auf und Ab von Trump kann sich auch wieder zugunsten der Ukraine drehen.

Es bleibt grundsätzlich dabei, dass wir uns strategisch auf Europa als wichtigsten langfristigen Partner ausrichten müssen. Darüber hinaus ist der wichtigste Sicherheitsgarant der Ukraine ihre eigene Armee und nicht die Versprechen ihrer Partner. Weil wir es uns aber nicht erlauben können, die USA komplett zu verlieren, kommt es auf Flexibilität und die Bereitschaft zu taktischen Kompromissen an, aber zusammen mit Prinzipientreue bei der Verteidigung der eigenen zentralen Interessen. Dazu gehört, dass die Ukraine die besetzten Gebiete keinesfalls offiziell als russisch anerkennt. Zentral ist ebenfalls, dass eine Beschränkung des Verteidigungspotenzials der ukrainischen Armee indiskutabel wäre. Wenn überhaupt, dann gegenseitig und rund um das eigentliche Konfliktgebiet selbst.

Was ist von der nächsten Runde der Verhandlungen zwischen der Ukraine, Russland und den USA zu erwarten, die im November in Abu Dhabi stattfinden soll?

Wir müssen alle Friedensgespräche unterstützen, die auch nur die geringsten Chancen bieten, zu einer Einigung zu gelangen. Zum einen, weil die Ukraine selbst den Frieden am meisten braucht. Zum anderen, weil dadurch der Druck der USA auf Kiew reduziert werden kann. Das Ziel wäre zunächst einmal ein Waffenstillstand entlang der Frontlinie. Dazu ist die Ukraine längst bereit. Das Problem ist: Russland hat keinerlei Absichten, den Krieg bald einzustellen. Wladimir Putin glaubt, den Krieg gewinnen zu können, er rechnet damit, den Widerstand der Ukrainer in diesem Winter durch Zugeständnisse der USA, durch Angriffe auf Energieanlagen und die ukrainische Wirtschaft zu brechen. Und er schaut natürlich ganz genau auf die kommenden Wahlen in wichtigen EU-Ländern wie Frankreich und Italien. Für Moskau ist jeder Ausgang der Zwischenwahlen in den USA akzeptabel. Der Kreml könnte zwar auf einen Sieg der Demokraten verzichten, hat aber auch nichts gegen eine gegenseitige Blockade von Kongress und Weißem Haus.

Gleichzeitig hat die Ukraine die Frontlage stabilisieren können. Aus ukrainischer Sicht war die Front seit 2023 nicht mehr so stabil. Unter diesen Umständen kann man nicht darüber reden, dass die Ukraine sich aus welchem Grund auch immer aus dem Norden der Region Donezk zurückziehen sollte, den Russland militärisch nicht besetzen kann. Eine andere Frage ist, ob Putin die eigenen Siegesmeldungen glaubt. Ich bin nicht mehr so sicher, ob er nicht zumindest stark daran glauben will. Seit dem letzten Jahr ist sehr offensichtlich geworden: Was Putin zum Frontverlauf sagt, hat jeglichen Bezug zur Realität verloren. Alles in allem sehe ich keine Grundlage für ernsthafte Friedensverhandlungen in den kommenden Monaten. Russland wird seinen derzeitigen Vorteil im Luftkrieg gegen das ukrainische Hinterland voll ausnutzen wollen.

Mit Wolodymyr Fessenko sprach Denis Trubetskoy

Quelle: ntv.de

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