Politik

Luftschläge oder keine Luftschläge? Türkei relativiert Beteiligung in Mossul

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Irakische Armee und Milizen rücken auf Vororte von Mossul vor.

(Foto: REUTERS)

Ankara drängt gegen irakischen Widerstand auf eine Beteiligung an der Offensive auf Mossul. Premier Yildrim spricht sogar von Luftangriffen. Auf Nachfrage rudert er jedoch zurück.

Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim hat seine Aussagen über türkische Luftschläge bei der Militäroperation zur Befreiung der nordirakischen Stadt Mossul relativiert. Der Regierungschef antwortete am Montag auf die Frage eines Journalisten, ob türkische Kampfflugzeuge wie von Yildirim selbst kurz zuvor behauptet tatsächlich an der Operation beteiligt seien, mit den Worten: "Wenn es notwendig ist, werden sie das ohnehin sein. Es gibt ein Abkommen, wonach sie prinzipiell an der Koalition beteiligt sind."

Der Journalist fragte nach: "Also haben sie bisher noch nicht teilgenommen, oder?" Yildirim antwortete: "Natürlich kenne ich die Details der dortigen Operationen nicht, aber wichtig ist, Teil der Koalition zu sein." Yildirim meint die internationale Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat, an der sich die Türkei beteiligt.

Zuvor hatte Yildirim vor der Fraktion der islamisch-konservativen AKP mit Blick auf die Operation zur Befreiung Mossuls vom IS gesagt: "Unsere Luftwaffe hat sich im Rahmen der Koalitionskräfte außerdem an den Luftschlägen beteiligt. Die, die sagen, die Türkei habe in Mossul nichts verloren, haben ihre Antwort erhalten." Über eine direkte Beteiligung der türkischen Armee an der Mossul-Offensive war davor nichts bekannt gewesen. Die Türkei fordert eine Rolle dabei, was die irakische Regierung jedoch ablehnt.

Armee macht weiter Gelände gut

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Auch kurdische Peschmerga-Kämpfer nehmen an der Offensive auf Mossul teil.

(Foto: REUTERS)

Ankara und Bagdad streiten seit längerem über die Präsenz türkischer Soldaten in der Region Baschika nahe Mossul. Die Türkei bildet dort kurdische Peschmerga und sunnitische Milizen aus, die nun auch an der Offensive teilnehmen. Die irakische Regierung fordert dagegen den Abzug der Truppen. Mossul hat für Ankara eine besondere Bedeutung. Die Türkei versteht sich als Schutzherr der Sunniten - Mossul ist im mehrheitlich schiitisch geprägten Irak die größte sunnitische Stadt. Zugleich will die türkische Führung auch den wachsenden Einfluss schiitischer Milizen im Irak und damit des Irans in der Region verhindern.

Am zweiten Tag der Großoffensive auf die IS-Hochburg meldeten irakische Sicherheitskräfte derweil weitere Geländegewinne. Die Armee rückte nach eigenen Angaben kampflos in die früher fast ausschließlich von Christen bewohnte Stadt Karakusch südöstlich von Mossul ein. Die Anhänger des IS seien zuvor aus dem Ort geflohen, erklärte ein Militärsprecher. In anderen Gebieten mussten die Sicherheitskräfte hingegen mehrere Gegenangriffe abwehren.

Nach Angaben von Bewohnern nutzen die islamistischen Extremisten auch Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Der IS hindere Einwohner an der Flucht aus der Stadt oder schicke diese sogar in Gebäude, die die Kämpfer kürzlich selbst genutzt hätten, berichtete ein Bewohner per Telefon. Der frühere Provinz-Gouverneur der Region, Abdul Rahman Waggaa, bestätigte dies. Zudem bat der Irak die internationale Gemeinschaft um weitere Unterstützung. "Wir befinden uns in einer finanziell schwierigen Situation", sagte der irakische Außenminister Ibrahim al-Dschafari nach einem Treffen mit der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini in Brüssel. Jegliche Unterstützung - finanzieller oder anderer Art - sei willkommen.

Konferenz berät über Zukunft Mossuls

Mossul ist die letzte Bastion des IS im Irak. Armee, kurdische Peschmerga-Kämpfer und lokale sunnitische Milizen hatten am Montag eine lang erwartete Großoffensive auf die Stadt begonnen und erste Orte eingenommen. Der Sprecher der US-Streitkräfte, John Dorrian, erklärte über Twitter, Armee und Peschmerga hätten ihre Ziele bisher im oder vor dem Zeitplan erreicht.

US-Präsident Barack Obama sprach von einem "schwierigen Kampf". "Es wird Fortschritte und Rückschläge geben", sagte er in Washington. Am Ende werde es aber ein "weiterer Schritt zur endgültigen Zerstörung des Islamischen Staates" sein. Obama warnte jedoch, dass der IS trotz militärischer Niederlagen noch die Kraft für Terroranschläge habe. "Auch wenn Isis (der IS) weiter Boden im Irak, in Syrien und in Libyen verliert, hat dieser immer noch die Fähigkeit, Attentate durchzuführen und zu planen, so wie wir sie im Nahen Osten, in Nordafrika, in den USA und in Europa gesehen haben", sagte der scheidende Präsident.

Die Rückeroberung könnte nach Ansicht des französischen Verteidigungsministers Jean-Yves Le Drian "mehrere Wochen, vielleicht Monate" dauern. "Das ist eine Schlacht, die lang sein wird. Das ist kein Blitzkrieg", sagte er beim Besuch einer Marinemesse bei Paris.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière sieht derweil keine entscheidend neue Sicherheitslage für Deutschland wegen der Offensive. "Ich sehe durch den Kampf gegen den IS vor Ort keine zusätzliche Gefährdung von Deutschland - die Gefahr ist bereits hoch", sagte er in Berlin. Eine Verlagerung der Gefahr von Syrien und Irak nach Europa "haben wir bereits", wie sich in Anschlägen und Anschlagsversuchen zeige.

Frankreich, der Irak und weitere Partner wollen am Donnerstag in Paris über die künftige Stabilisierung von Mossul beraten. Mehr als 20 Länder und Organisationen sollten an dem Treffen teilnehmen, wie das französische Außenministerium mitteilte. Außerdem soll dort auch über den Schutz der Zivilbevölkerung in den Kampfgebieten und humanitäre Hilfe gesprochen werden. Der französische Außenminister Jean-Marc Ayrault und sein irakischer Kollege Ibrahim al-Dschaafari leiten die Beratungen gemeinsam.

Quelle: ntv.de, mli/dpa