US-Wahl 2020

Pressestimmen zum Biden-Sieg "Trump hat verloren, Trumpismus nicht"

2020-11-08T082649Z_981842303_RC2WYJ9JPO4V_RTRMADP_3_USA-ELECTION-REACTION-JAPAN.JPG

"Biden schlägt Trump" - die japanische Nachrichtenagentur Kyodo bringt es auf den Punkt.

(Foto: REUTERS)

Demokrat Joe Biden ist nach einem beispiellosen Krimi Sieger der US-Präsidentenwahl. Aber das war der einfache Teil, meint die nationale und internationale Presse. Jetzt muss er das "Trümmerfeld" aufräumen, das ihm sein Vorgänger hinterlassen hat. Noch aber habe Donald Trump zwei Monate Zeit, weiter zu zerstören, wird es einigen Kommentatoren bange.

"Gewonnen ist gewonnen, die US-Verfassung kennt da keine Grautöne", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" angesichts der Enttäuschung vieler Menschen, dass die Niederlage von Donald Trump nicht deutlicher ausfiel. "Der Präsidentschaftskandidat, der von den Wahlleuten im Electoral College mindestens 270 Stimmen bekommt, zieht ins Weiße Haus ein. Joe Biden mag sich einen klareren Sieg über Donald Trump gewünscht haben, einen Triumph, der ihm die Möglichkeit gegeben hätte zu behaupten, er habe ein großes Mandat des amerikanischen Volkes erhalten. So ist es nicht ganz gekommen, (...) aber das ist zweitrangig. Joseph Robinette Biden Jr. wird aller Voraussicht nach der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden."

"Jetzt, da dieser Wahlkampf endet, ist es an der Zeit, Wut und harte Rhetorik hinter uns zu lassen und wieder als eine Nation zusammenzufinden - Joe Bidens Reaktionen auf den Sieg hört sich beinahe altmodisch an", schreibt der "Spiegel". "Der Satz verrät die Sehnsucht nach einer Vergangenheit, als noch nicht Hass und Zwietracht die amerikanische Politik bestimmt haben. Wird sie nun erfüllt?"

"Der Sieg ist gewaltig, aber doch knapp", schreibt die "Welt". "Joe Biden hat jetzt einen klaren Auftrag: einen Kurs der politischen Mitte zu fahren, möglichst ohne den linken Flügel der Demokratischen Partei zu verprellen. Und er hat die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben - durch Verzicht."

"Bild"-Zeitung: "It's Joe Time".

"Zeit Online": "Die Befreiung"

"taz": "The Winners are Kamala and Joe."

Auch im Ausland haben die Menschen gebannt über den Atlantik gestarrt. Hier eine kleine Auswahl der europäischen Stimmen.

"Der größte Fehler wäre jedoch, sich mit einem Seufzer der Erleichterung zufriedenzugeben", schreibt die französische Zeitung "Le Monde". "Am Ende von vier Jahren eines verheerenden Mandats, ein paar Monaten eines erniedrigenden Feldzugs und Tagen oder Wochen eines entsetzlichen rechtlich-politischen Guerillakriegs wird Joe Biden in das von seinem Vorgänger verlassene Trümmerfeld vorstoßen, mit der gewaltigen Aufgabe, alles oder fast alles wieder aufzubauen. (...) Alles andere als unvorhersehbar, wird Donald Trump wahrscheinlich bis zum letzten Tag seiner Präsidentschaft weitermachen und sich dann wie ein schwarzes Loch des Egozentrismus verhalten, das lieber die Demokratie, das ganze Land und den Planeten verschlingt, anstatt eine Niederlage oder einen Fehler zuzugeben."

"Die Katastrophe wurde abgewendet", schreibt der britische "Guardian" kurz und bündig. "Lasst uns alle auf- und tief durchatmen."

"Joe Biden hat wenig Zeit, um etwas zu erreichen", kommentiert die belgische Zeitung "De Tijd". "Die Republikaner rücken bereits im Repräsentantenhaus vor. In zwei Jahren gibt es wieder Wahlen. (...) Und während Biden es in den kommenden Wochen mit der juristischen Guerilla zu tun bekommt, bleibt noch eine wichtige Frage offen: Werden seine Demokraten die Kontrolle über den Senat erlangen? Diese Entscheidung fällt erst Anfang Januar. (...) Und Trump? Der bleibt noch gut zwei Monate im Amt, hat noch sämtliche Machtbefugnisse und kann noch Entscheidungen fällen. Fest steht, das politische Theater in den USA ist längst nicht vorbei. Und in aller Deutlichkeit: es bleibt ein Schmierentheater."

"Joe Biden, ein Präsident, der für Tauwetter zwischen den USA und der Welt sorgen kann", meint die spanische Zeitung "El Mundo".

"Die Presse" aus Österreich befindet: "Eine gute Wahl für Amerika und die Welt."

Die "Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz glaubt, dass "Joe Biden zuzutrauen ist, das Vertrauen wiederherzustellen".

"Der Sieg des demokratischen Kandidaten Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten, der stärksten Macht der Welt, bremst den Vormarsch des Nationalpopulismus", schreibt die spanische Zeitung "El País". "Biden ist kein perfekter oder inspirierender Kandidat. Aber er steht dafür, dass das Weiße Haus zur Mäßigung, zur Achtung demokratischer Prinzipien und Institutionen zurückkehrt sowie zum Dialog und Multilateralismus auf internationaler Ebene. Sein Erfolg ist ein Zeitenwechsel für sein Land und für den Westen."

Zu guter Letzt noch der Blick in die Heimat von Joe Biden. So hat die US-Presse auf seinen Sieg reagiert:

"Die Bedeutung des Amtes lastete bereits auf Joe Biden, lange bevor er gewählter Präsident der Vereinigten Staaten wurde", schreibt die "Washington Post". "Nun, da ihm der Job sicher ist, erscheint das Ausmaß der Arbeit unvorstellbar. Aber zur Pracht dieses Tages gehört nicht so sehr, was Biden sich aufgeschultert hat, sondern was er anderen erlaubt hat, abzuladen. Als das Land auf das Wahlergebnis wartete, war es Biden, nicht der derzeitige Bewohner des Oval Office, der den Menschen versicherte, dass die Demokratie intakt ist und das System funktioniert. In stürmischen Zeiten war er die beruhigende Stimme des Optimismus."

"Ein Traditionalist, der als er selbst antrat", kommentiert die "New York Times".

Das "Wall Street Journal" schreibt, dass Biden ein "Mandat zur Moderation" erhalten habe.

"An einem außergewöhnlichen Punkt in der amerikanischen Geschichte rief Biden in seiner Heimatstadt Wilmington zu Geschlossenheit und Verständnis auf", kommentiert der Fernsehsender CNN, "während sich der derzeitige Bewohner des Weißen Hauses weigerte seine Niederlage einzugestehen, sondern stattdessen unaufhörlich die Fantasie verbreitete, er habe die Wahl gewonnen, sie sei ihm nur gestohlen worden."

"Präsident Donald Trump hat verloren, Trumpismus nicht", kommentiert der Trump-nahe konservative TV-Sender Fox News. "Die Idee hat in den Landesteilen gewonnen, in denen Trump vier Jahre lang jedes noch so umstrittene kulturelle Problem zum Thema gemacht hat. Es war die Wette, dass man mit Angst und Wut gewinnen kann. Es hätte fast geklappt. "

Quelle: ntv.de, chr/dpa/AFP