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Vom Verfassungsschutz gesteuert V-Mann "Piatto" plaudert im NSU-Prozess

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"Piatto" erschien mit einer auffälligen dunkelhaarigen Perücke als Tarnung im Gerichtssaal.

(Foto: dpa)

Geheimnisvoll tritt der frühere V-Mann "Piatto" im NSU-Prozess auf. Viele Details über die Unterstützerszene der mutmaßlichen Terroristen bleibt er schuldig. Dafür plaudert er einiges aus, was den Geheimdiensten nicht recht sein kann.

Verkleidet mit einer dunklen Perücke, einem Tuch vor dem Gesicht und einer Kapuze über dem Kopf - so betritt der frühere Geheimdienst-V-Mann "Piatto" als Zeuge den Gerichtssaal. Im Münchner NSU-Prozess soll er aussagen, wie die mutmaßliche Unterstützer-Szene des "Nationalsozialistischen Untergrunds" das untergetauchte Trio im mit Geld, Waffen und einem Pass versorgen wollte. Es geht um das Jahr 1998 - zwei Jahre vor dem ersten der zehn Morde, die dem NSU vorgeworfen werden. Am Ende erzählt der Zeuge - durchaus freimütig - sehr viel mehr über die Gedankenwelt der Szene und über das Vorgehen seiner Auftraggeber.

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Vermutlich war aus Tarnungsgründen auch "Piattos" Kleidung ausgestopft, so dass er fülliger erschien, als er möglicherweise ist.

(Foto: dpa)

"Piatto" hieß bis zu seiner Enttarnung als V-Mann mit bürgerlichem Namen Carsten Szczepanski. Vor 14 Jahren war er aufgeflogen und lebt seitdem unter neuem Namen an einem geheimen Ort. Anfang der 90er Jahre habe er sich aus eigenem Antrieb und "aus tätiger Reue" beim Verfassungsschutz gemeldet, sagt der Zeuge. Da habe er im brandenburgischen Königs-Wusterhausen in U-Haft gesessen und sei seit vielen Jahren ein überzeugter Neonazi gewesen. Im Gefängnis saß er, weil er zu einer Gruppe gehörte, die einen Nigerianer halbtot geprügelt hatte.

Die Entscheidung, V-Mann zu werden, sei ein "radikaler" Schritt gewesen, aus der Szene auszusteigen und Reue zu üben, erzählt Szczepanski. Mit vielen Gesinnungsgenossen sei er auch persönlich befreundet gewesen. Die habe er nun vorsätzlich hintergangen und gehofft, dass sie ihm nichts anmerkten, "jedenfalls, solange ich für den Verfassungsschutz tätig war".

Kontakte im Gefängnis geknüpft

Noch im Gefängnis lernte er ein Ehepaar aus Chemnitz kennen, das ihn dort besuchte. Auf diese Weise habe er Zugang zur sächsischen Sektion der Organisation "Blood & Honour" bekommen. Das Ehepaar habe zu den Anführern gezählt. Außerdem geht es um zwei Männer, die schon mehrfach im NSU-Prozess als Unterstützer des mutmaßlichen Terrortrios genannt wurden.

1998, so steht es in der Prozessakte, soll er seinem V-Mann-Führer dann brisante Informationen überbracht haben: Die Chemnitzer Gruppe sammle Geld für das Trio. Eine Waffe solle beschafft werden, außerdem ein Pass für "die weibliche Person des Trios". Vor Gericht erinnert sich der Zeuge nicht mehr an diese Details. Sehr klar berichtet er dagegen, wie die Szene damals dachte und handelte. Man habe geglaubt, dass das System der Bundesrepublik demnächst zusammenbreche. Es werde Anarchie herrschen. Ständig sei darüber geredet worden, dass es gut wäre, "für den Tag X" gerüstet zu sein und sich rechtzeitig Waffen zu beschaffen.

Vom Verfassungsschutz gesteuert

Ein rassistischer Roman aus den USA, die "Turner-Tagebücher", hätten die Inspiration geliefert. Auch da kollabiert der bürgerliche Staat, nicht zuletzt deshalb, weil kleine Zellen einen blutigen Rassenkrieg entfachen. Geteilt habe er diese Meinungen da schon längst nicht mehr, sagte der Zeuge. Er habe vielmehr Aufträge des brandenburgischen Verfassungsschutzes ausgeführt.

Einer der Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe, Wolfgang Stahl, kommentierte dies mit den Worten, er sei demnach eher ein "Geheimagent" gewesen und weniger ein Verbindungsmann. Szczepanski bestätigte das, indem er ausführte, er sei erst nach Rücksprache mit dem Amt Mitglied der NPD geworden - ausschließlich deshalb, um "Einblick in die Strukturen zu bekommen" und "Informationen zu gewinnen".

Quelle: ntv.de, Christoph Lemmer, dpa