Politik

Gefängnisse als Brutstätten Viele Islamisten radikalisieren sich hinter Gittern

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Der Koran liegt auf dem Tisch einer Gefängniszelle in Hessen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der mutmaßliche Attentäter von Straßburg soll sich hinter Gittern radikalisiert haben. Schon lange ist bekannt, dass viele Häftlinge während ihrer Zeit im Gefängnis für gewaltbereiten Extremismus empfänglich sind. Die Haftanstalten reagieren darauf unterschiedlich.

Terroristen, Rückkehrer aus IS-Kriegsgebieten, Kleinkriminelle, Straftäter mit und ohne religiöse Prägung. Im Knast kommt eine spezielle Klientel auf engem Raum zusammen. Hochideologisierte treffen auf Haltlose. Gute Voraussetzungen für islamistische Radikalisierung. Experten warnen: Der Knast kann zur Brutstätte für gewaltbereiten Extremismus werden. Auch der mutmaßliche Attentäter von Straßburg soll sich im Gefängnis islamistisch radikalisiert haben. Er tötete fünf Menschen, es gibt viele Verletzte.

"Islamistische Radikalisierung hinter Gittern ist seit Jahren ein Problem", sagt der Psychologe und Islam-Experte Ahmad Mansour. "Die Gefängnisse könnten ohne eine richtige Strategie für Prävention und Deradikalisierung zu Fachhochschulen der Radikalen werden." In den Vollzugsanstalten treffen Islamisten besonders viele labile Menschen an, Kleinkriminelle und Gewaltaffine auf der Suche nach Orientierung. Auf sie wirke die radikale Ideologie hochattraktiv. "Ihnen wird gesagt, dass sie zu einer auserwählten Elite gehören, sie bekommen feste Verhaltensregeln und eine klare Alltagsstruktur."

"Müssen schneller sein als die Islamisten"

Die Prävention habe dem zu wenig entgegenzusetzen. "Wir müssen schneller sein als die Islamisten, wir müssen nachhaltig mit den Gefährdeten arbeiten, ihnen Alternativen aufzeigen, sie immunisieren, mündiger machen und in die Lage versetzen, Widerstand zu leisten", betont Mansour. Es brauche eine nationale Strategie.

Der Straßburger Fall des mutmaßlichen Islamisten Chérif Chekatt werfe auch ein Schlaglicht auf Defizite in den deutschen JVA, sagt der Bund der Strafvollzugsbediensteten. "Grundsätzlich läuft jeder Straftäter Gefahr, radikalisiert zu werden, wenn er auf die falschen Leute trifft, die ihren Glauben in extremem Gusto auf geschickte Weise vermitteln", sagt der BSBD-Vorsitzende René Müller. Ein Problem, das nicht nur Häftlinge mit muslimischem Hintergrund betreffe. "Die Radikalen bieten sich den Insassen, die oft aus zerrütteten Familien kommen, als vermeintliche Vaterfigur an, als Bruder oder Freund."

Dunkelziffer größer als angenommen

Um welche Dimension handelt es sich? Rund 170 islamistische Gefährder befinden sich in Deutschland laut Bundeskriminalamt in Haft. Viel schwieriger aber: Es gibt eine laut Experten wohl hohe, wachsende Zahl von radikal-islamischen Insassen, die sich nicht seriös schätzen lässt. "Die Dunkelziffer ist größer als angenommen", glaubt Müller. "Von vielen wissen wir es nicht, die offenbaren sich auch nicht dem Psychologen oder dem Imam." Für essenziell hält er die Schulung von Vollzugsbediensteten. Sie müssten früh erkennen können, wenn ein Häftling auf islamistische Propaganda anspreche.

Eine immer spartanischere Zelle etwa, ein verändertes Äußeres, erste ungewöhnliche Verhaltensweisen könnten Grund sein, Alarm zu schlagen. Aktuell bleibe aber auch wegen Personal- und Zeitmangels vieles unerkannt, weiß der BSBD-Chef. Zudem: Die bekannten Gefährder könnten nicht über Jahre hinweg isoliert werden. Man habe sie zwar scharf im Blick. "Aber es gibt nach wie vor keinen adäquaten Plan, wie man mit denen umgeht." Je nach Bundesland gebe es im Handeln große Unterschiede, berichtet Mansour. "Während Bayern Vorreiter ist, sehe ich bei manchen Bundesländern eine gewisse Fahrlässigkeit, denn das Problem ist seit Jahren bekannt - und es ist gewaltig." Sein pädagogisches Team von Mind Prevention geht in einem Projekt in bayerische Gefängnisse, um Häftlinge gezielt gegen salafistische, dschihadistische Gehirnwäsche zu wappnen.

NRW, Berlin, Bremen und Hamburg - Hotspots der Islamisten

In einigen Ländern gibt es spezielle Sicherheitsbeauftragte in den Anstalten. Mansour fordert: "Die brauchen wir überall." Besondere Hotspots der Islamisten seien Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bremen und Hamburg. Dort sei das Risiko in den Justizvollzugsanstalten entsprechend hoch einzustufen. Präventionsarbeit mit Sozialarbeitern, Psychologen und geschultem Gefängnispersonal sei für die Gesellschaft "viel billiger", als später die Folgen aufzufangen, wenn Radikalisierte draußen gefährlich werden, sagt Mansour. Oder wenn es zu barbarischen Taten mit Toten komme wie in Frankreich.

Chekatt hatte auch in Deutschland eingesessen. Klar müsse sein: Radikales Gedankengut fällt im Knast auf fruchtbaren Boden, betont Jens Borchert, der für den Vollzug sozialpädagogische Projekte konzipiert. Warum? Mit der Haft komme es zu einem "Identitätsverlust" - und viele suchten eine Ersatz-Identität. Appell des Wissenschaftlers der Hochschule Merseburg jüngst bei einer Kölner Tagung der Bundeszentrale für Politische Bildung: Niemanden aufgeben, sondern mit allen Häftlingen jeder Radikalisierungsstufe arbeiten. Mansour fordert ebenfalls mehr Engagement, selbst wenn er weiß: "Man kann nicht jeden erreichen, es gibt keine Erfolgsgarantie."

Quelle: n-tv.de, Yuriko Wahl-Immel, dpa

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