Politik

Die Herrscher der Ostukraine Von diesen Männern hängt die Waffenruhe ab

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Alexander Sachartschenko (r.) und Igor Plotnizki - die "Präsidenten" der selbsternannten Volksrepubliken in der Ostukraine.

(Foto: picture alliance / dpa)

Alexander Sachartschenko und Igor Plotnizki haben für die Separatisten das jüngste Minsker Abkommen unterzeichnet. Ihre Integrität ist allerdings äußert zweifelhaft.

Ihre Kampfmontur haben Alexander Sachartschenko und Igor Plotnizki zuhause gelassen. Sie kommen in schwarzen Nadelstreifenanzügen zu den Friedensverhandlungen von Minsk. Die Separatistenführer in der Ostukraine, die sich die "Präsidenten" der selbsternannten Volksrepubliken nennen, beherrschen diesen Rollenwechsel zwischen Soldat und Staatsmann scheinbar spielerisch. Zumindest solange sie den Mund nicht aufmachen.

Es ist kaum eine Woche her, da bezeichnete Sachartschenko die Mitglieder der ukrainischen Regierung als "armselige Vertreter des großen jüdischen Volkes". Plotznitzki warf dem Präsidenten der Ukraine vor, Jude zu sein. Eine Ansage, die nur für einen Antisemiten überhaupt ein Vorwurf sein kann.

Sachartschenko und Plotnizki haben in Minsk am Donnerstagmorgen die jüngsten Vereinbarungen der sogenannten Kontaktgruppe unterzeichnet. Als Führer der Milizen in der Ostukraine hängt es maßgeblich von ihrer Integrität ab, ob die Waffenruhe hält, die am Sonntag in Kraft treten soll. Die Integrität der Soldaten in Nadelstreifen ist allerdings zweifelhaft.

Nach Männern wie Igor Strelkow oder Alexander Borodai stellen Sachartschenko und Plotnizki eine neue Generation von Separatisten-Führern dar. Anders als ihre Vorgänger stammen sie nicht aus Russland, sondern sind wirklich in den Regionen aufgewachsen, für die sie jetzt kämpfen. Einige Osteuropa-Experten glauben darin einen Strategiewechsel in der Hybriden-Kriegsführung Moskaus zu erkennen.

Eine Maschinenpistole im Blumenbeet

Sachartschenko, 38 Jahre alt, ist der Sohn eines Minenarbeiters. Auch er, das lässt zumindest sein offizieller Lebenslauf erkennen, arbeitete lange im Bergwerk im Donbass. Dann machte er sich im Kohlegeschäft selbstständig.

Als sonderlich staatsmännisch erwies er sich dabei nicht. Verschiedenen Medienberichten zufolge verkaufte Sachartschenko Kohle, die illegal gefördert wurde. Sein Einstieg in die Politik begann mit Gewalt.

Einer russischen Journalistin beschrieb er seine Reaktion auf den Sturz des früheren ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch so: "Um nicht zum Sklaven zu werden, habe ich einen Spaten genommen und aus meinem Blumenbeet meine persönliche Maschinenpistole ausgegraben." Auf die Nachfrage, warum ein friedfertiger Mensch eine Maschinenpistole in seinem Garten vergraben sollte, antwortete er: "Außer der Maschinenpistole lagen da noch zwei Pistolen, eine Kiste mit Granaten und ein Scharfschützengewehr."

Sachartschenko war vor dem Aufstand in der Ostukraine Mitglied von "Oplot". Die Miliz hat ihren Namen von Kampfclubs, die in der Ukraine ohne Regeln in Käfigen kämpfen. Mit dieser Miliz stürmte er am 16. April 2014 das Rathaus von Donetzk. Unter anderem protegiert vom früheren Verteidigungsminister Strelkow schaffte er es bis nach ganz oben, als sich die alte Garde aus der Ukraine zurückzog. Sein offizieller Titel ist jetzt "Präsident der Volksrepublik Donetzk".

Wie eng Sachartschenkos Verbindungen zu Russland sind, ist unklar. Bekannt ist nur: Sachartschenko ist ein Fan von Präsident Wladimir Putin. Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Politik zu loben. Er gratulierte Putin zudem medienwirksam zu seinem 62. Geburtstag.

Ein Mann für ein Duell

Plotnizki ist vor allem dafür bekannt, dass er der Sowjetunion nachtrauert. Als in der Stadt Charkiw eine Lenin-Statue umgestürzt wurde, bezeichnete er das als "moralischen Völkermord".

Plotnitzki, 50 Jahre alt, war zu Sowjetzeiten Major in der roten Armee. Nach dem Kalten Krieg wurde er Geschäftsmann, kehrte aber Bald in den Dienst des Staates zurück. Er machte Karriere in der Verwaltung der Oblast Luhansk, beschäftigte sich vornehmlich mit Verbraucherschutz. An die Spitze der selbsternannten Volksrepublik Luhansk kam er, nachdem sein Vorgänger in Kämpfen verletzt wurde.

Plotnizkis politischen Methoden erwiesen sich ähnlich wie bei Sachartschenko schnell als unorthodox: Im November forderte er den Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko in einem offenen Brief zu einem "ehrlichen Duell" heraus. Das Motto: Wer gewinnt, darf der Gegenseite die Bedingungen diktieren. Er plädierte für eine Liveübertragung des Kampfes im Fernsehen. An Poroschenko gerichtet schrieb er: "Ich überlasse Ihnen die Wahl des Ortes und der Waffen."

Der Traum heißt Neurussland

Die beiden Anführer der Separatisten gaben bisher wenig Grund, ihnen sonderlich großes Vertrauen entgegenzubringen - und das nicht nur wegen ihrer rabiaten Sprache. Schon beim ersten Minsker Abkommen vom 5. September setzten Sachartschenko und Plotnizki ihre Unterschrift unter das Abschlussdokument. Die vereinbarte Waffenruhe hielt nicht, die Separatisten eroberten im darauffolgenden Winter hunderte Quadratkilometer Land. Nach dem Sturm des Donetzker Flughafens sagte Sachartschenko: "Von unserer Seite gibt es keine Versuche mehr, über eine Waffenruhe zu reden." Es würden lediglich noch Gespräche über Gefangenenaustausch geführt. Sich weiterhin im Minsk-Format zu treffen sei "sinnlos". Das ist kaum einen Monat her.

In einem "Memorandum" vom 5. Februar erklärte sich die Volksrepublik Donezk nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" zudem als Rechtsnachfolgerin der "Donetzk-Krivojroger Sowjetrepublik". Das längst untergegangene Gebilde, das 1918 ausgerufen wurde, umfasste Gebiete wie Charkiw, Dnipropetrowsk und die Krim. Also ungefähr die Gebiete, für die das noch ältere "Noworossija" (Neurussland) steht. Wollen Sachartschenko und Plotnizk diese Region wirklich erobern, kommen sie in Nadelstreifen nicht weiter.

Quelle: ntv.de

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