Politik

Große Aufgaben für Macron Wer hier keine Gänsehaut bekommt, ist klinisch tot

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Will nicht mehr als elitär erscheinen: Frankreichs alter und neuer Präsident Emmanuel Macron

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

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Macron bleibt Präsident, auch, weil viele Wähler ein Zeichen gegen Rechts setzen wollten. Doch die Herausforderungen sind groß: Er muss das gespaltene Land einen - und in einer außenpolitisch schweren Zeit Europa zusammenhalten, weil Deutschland derzeit in dieser Führungsrolle fehlt.

Ja, es war ein packender Wahlkampf. Ja, Frankreich ist gespalten. Ja, Marine Le Pen hat mehr Stimmen erhalten als je zuvor.

Und doch muss man allen Analysten entgegensetzen: Emmanuel Macron ist erst der dritte Präsident, der überhaupt wiedergewählt wurde - und zwar nach dieser Amtszeit mit all ihren Krisen. Allein Corona hat die Franzosen so müde gemacht, dass diese Wiederwahl schon etwas Besonderes ist.

Der Auftritt am Abend hat klargemacht: Macron hat verstanden. Er will nicht mehr der elitäre Präsident sein, der vor fünf Jahren am Louvre à la Sonnenkönig ganz allein seinen Triumph gefeiert hat. Stattdessen ein Auftritt mit Kindern und seiner Frau an der Hand, wieder zu Beethovens Ode an die Freude, Europas Hymne, auch das ein Symbol. Wer bei diesen Bildern keine Gänsehaut bekam, musste klinisch tot gewesen sein. Und Macron war dann auch gerührt von all dem, sein mehrfach gehauchtes "Merci", Tränen in den Augen inklusive, zeigte: Hier ist jemand wirklich bereit, sich seinem Volk zuzuwenden, auch aus Dankbarkeit, dass sie ihm noch mal ihr Vertrauen gaben.

Ja, die Franzosen können Inszenierung und Macron beherrscht sie meisterlich, das wurde gestern Abend einmal mehr klar. Gut, Pathos geht den Deutschen aus Gründen ohnehin ab - aber vielleicht ist das angesichts des politischen Personals auch besser. Olaf Scholz in solcher Geste würde ja auch weiterhin aussehen wie - nun ja - Olaf Scholz eben.

Eine Menge Mammutaufgaben für Macron

Aber nun gilt es, Macron muss ranklotzen, an so vielen Fronten gleichzeitig: Er muss jene zumindest zu überzeugen versuchen, die rechts wählten. Besonders in den abgelegenen Regionen Frankreichs und in den Überseegebieten. Das wird nur funktionieren, wenn sich der Präsident um die Kaufkraft kümmert und um die Infrastruktur in den entlegenen Ecken des Hexagons. Dann gilt es, den Jungen zu danken, die Le Pen verhinderten. Ihnen versprach er die ökologische Wende, die muss er vorantreiben. Und er muss Europa einen - weil es sonst niemand tut, auf Deutschland jedenfalls sollte er nicht warten.

Die erste Mammutaufgabe wird sein, Putin irgendwie zu einem Waffenstillstand zu bewegen - an seinen diplomatischen Erfolgen wird sich Macron messen lassen wollen. Und an seinen innenpolitischen Erfolgen wird er sich messen lassen müssen. Da ist ja immer noch die Rentenreform, die er nach den Gelbwesten-Protesten aufgeschoben hat. Viele Franzosen wollen große Reformen, damit ihr Land sich weiter von der Wirtschaftskrise erholt.

All die Reformen kann er nun recht befreit angehen, denn er muss nicht mehr auf eine sofortige Wiederwahl schielen. 2027 kann Macron nicht erneut gewählt werden.

Rechtsaußen könnte der große Kampf losbrechen

Doch nun braucht er erst mal eine funktionierende Regierung: Mitte Juni finden die Parlamentswahlen statt, eine absolute Mehrheit für Macrons One-Man-Show "La République en marche" scheint ausgeschlossen. Also wird sich der Präsident dem linksgrünen Lager andienen, alle Äußerungen der letzten Tage deuten darauf hin. Da kann sich der grüne Yannick Jadot schon auf ein Ministeramt freuen, genau wie viele linke Politiker.

Und die Rechte? Noch ist viel Katzenjammer. Doch Éric Zemmour, der Rechtsaußen, geiferte schon am Wahlabend, es sei das zwölfte Mal, dass der Name Le Pen mit einer Niederlage verbunden sei. Rumms, das saß, und es zeigt: Auch Marine ist auf der Rechten nicht unangefochten. Vielen extremen Wählern ist sie mittlerweile zu angepasst, sind ihre Forderungen zu konsensfähig. Spannend, ob sie sich wird halten können oder ob der große Konkurrenzkampf jetzt losbricht.

Quelle: ntv.de

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