Politik

Ministerpräsident in Lauerstellung Was macht ein Linker mit Thüringen?

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Bodo Ramelow könnte Ministerpräsident von Thüringen werden. Wie beim Urlaub an der Ostsee wirkt er auch im Wahlkampf ganz entspannt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bald könnte das erste deutsche Bundesland einen Regierungschef der Linken bekommen. Der Kandidat Bodo Ramelow nennt sich schon "MP i.L. - Ministerpräsident in Lauerstellung". Eine Revolution hat er nicht vor. Aber was dann?

Bodo Ramelow fährt quer durch Erfurt und zeigt mal nach rechts, mal nach links. Meistens deutet sein Finger dabei auf eine Erfolgsgeschichte: ein saniertes Gebäude, ein instandgesetztes Krankenhaus oder eine vor dem Zerfall gerettete Altbausiedlung. Wenn Ramelow auf ein Haus zeigt und gerade keine Erfolgsgeschichten erzählt, sagt er: "Da habe ich mal gewohnt." Der Politiker kommt gerade von einem Kinderfest. Hüpfburg, Eismann, Rostbratwurst. Er hat einen Scheck übergeben, über Politik hat er nicht gesprochen. Er hat nur gesagt: "Ich bin Bodo Ramelow. Mein Hund Attila wittert schon die Grillwurst."

Ramelow will Ministerpräsident werden, indem er so tut, als wäre er es längst und als hätte er Wahlkampf eigentlich gar nicht nötig. Den Leuten reicht das, in Umfragen zur Landtagswahl am 14. September zeigt sich eine Mehrheit für seine angestrebte Koalition. "Ich will ihm mal eine Chance geben", sagt eine betagte Dame. Welches Thema gibt denn den Ausschlag? Schulterzucken.

"Bei dieser Wahl geht es um Lieberknecht oder Ramelow", sagt Ramelow und fühlt sich damit sichtlich wohl. Ramelow ist für einen Landespolitiker enorm bekannt und gleichzeitig enorm beliebt. Wenn er in der Fußgängerzone Zettel verteilt, erkennen ihn die Leute und freuen sich. Die Wenigsten haben ein Anliegen oder eine Frage. Die meisten wünschen einfach nur viel Erfolg. An diesem sonnigen, spätsommerlichen Tag spricht er über die historische Wahl, als würde sie ihn selbst gar nicht so sehr interessieren. Er freut sich über bekannte Gesichter, duzt diesen und jenen. Manchmal lässt er sich einfach die Sonne ins Gesicht scheinen. Auch der Kameramann, der ständig um ihn herum tanzt, kann ihn heute nicht aus der Fassung bringen.

Von NSU bis Reinhardsbrunn

Der Weg, der Ramelow in die thüringische Staatskanzlei führen soll, begann im Westen. Neun Jahre lang arbeitet er dort als Gewerkschaftssekretär. 1990 kommt er nach Erfurt, eigentlich nur, um einen Vortrag zu halten. Tatsächlich wird er aber Landesvorsitzender seiner Organisation. Als die DDR-Betriebe abgewickelt werden, können die Thüringer einen erfahrenen Aktivisten gut gebrauchen. 1993 unterstützt er den Kampf um ein Kali-Bergwerk, die Kumpel gehen in den Hungerstreik. Letztlich kann Ramelow nur Abfindungen aushandeln, aber er hängt sich rein. Nach einer durchverhandelten Nacht schläft er am Steuer ein und rast in eine Leitplanke. Die Thüringer vergessen ihm seinen Einsatz nicht.

Auch heute gibt Ramelow den Kümmerer. Nie spricht er romantisch von der sozialistischen Idee, ein Umsturz ist von ihm nicht zu erwarten. Stattdessen wühlt er sich in die Themen von der Terrorzelle NSU bis zur Rettung des historischen Schlosses Reinhardsbrunn. Das Vorhaben, jedem Kind ein Instrument zu spendieren, ist ihm wichtiger als der Kampf der Arbeiterklasse. Ramelow will kein Revoluzzer sein, sondern einer, der weiß, wo die Probleme der Menschen liegen.

Als Westdeutscher im Osten und als frommer Christ ist Ramelow eine ungewöhnliche Figur in seiner Partei. Seiner Karriere schadet es nicht. Nur zwei Jahre nach dem Eintritt in die PDS wird er 2001 Abgeordneter, 2005 geht er für eine Wahlperiode in den Bundestag, hat einigen Erfolg, kehrt aber 2009 zurück. Die Wahl geht gut aus für die Linke. Mit SPD und Grünen würde es für eine Koalition reichen, doch keine der Parteien ist auf ein Linksbündnis vorbereitet.

Lieberknechts Schwäche ist Ramelows Stärke

Jetzt ist das anders, vor allem, weil Ramelow die Partei im Griff hat. Die Linken treffen sich schon seit zwei Jahren mit den möglichen Koalitionspartnern. Laut Umfragen wird die Linke bei der Landtagswahl mehr als ein Viertel der Stimmen bekommen. Das würde reichen, um eine rot-rot-grüne Koalition anzuführen. Weil die SPD deutlich schwächer ist, würde die Linke zum ersten Mal in Deutschland einen Ministerpräsidenten stellen können. Während sich die Partei auf Bundesebene die schmalen Wege zu einer Regierungsbeteiligung immer wieder selbst verbaut, gibt sie sich in Thüringen großherzig: Selbst wenn man die Grünen nicht für eine Mehrheit braucht, könnte man sie in eine Koalition einbeziehen, sagt Ramelow.

Der SPD wird es nicht schmecken, einen Linken zum Ministerpräsidenten zu wählen, sie will sich aber auch nicht weiter in der ungeliebten Koalition mit der CDU aufreiben. Die Grünen haben mit Rot-Rot-Grün kein Problem, für Schwarz-Grün stehen sie eigentlich zu weit links. Selbst wenn die AfD in den Landtag einzieht, wird Ramelow wohl die Hälfte der Abgeordneten hinter sich vereinen können. Die Stärke des Linken ist auch die Schwäche seiner konservativen Gegenspielerin. Die Thüringer nehmen ihrer Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht übel, dass sie einen 38-jährigen Staatssekretär in den lukrativen Ruhestand versetzt hatte - auch wenn die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Lieberknecht letztlich einstellte.

Ramelow führt. Er muss das Spiel jetzt nur noch zu Ende bringen, sich keine Fehler erlauben. Ein neues Thema will er nicht mehr in den Wahlkampf einbringen. Zwar sind nicht im ganzen Land die Straßen so frisch geteert wie in Erfurt, aber ein echtes Aufregerthema findet sich eh nicht. Die Leute wählen eine Person, kein Programm. Und Ramelow gefällt das. "Noch ein paar Wochen in die Kameras lächeln, und das war's", sagt er scherzhaft. Auf dem Kinderfest begrüßt ihn jemand mit "Herr Ministerpräsident". Ramelow weist das nicht zurück, er relativiert nur: "MP i.L.", nennt er sich selbst. "Ministerpräsident in Lauerstellung".

Quelle: ntv.de