Politik

CNN-Reporterin in Kabul Wer ist Clarissa Ward?

Seit der Machtübernahme der Taliban fällt sie besonders auf: Clarissa Ward, CNN-Korrespondentin in Afghanistan. Sie bleibt als eine der letzten westlichen Journalistinnen vor Ort, als die Lage bereits außer Kontrolle geraten ist. Über die Frau, die von den gefährlichsten Orten der Welt berichtet.

Clarissa Ward geht mit einem schwarzen Gewand bekleidet durch eine Straße in Kabul, spricht in die Kamera, schildert ihre Eindrücke. Im Hintergrund sind Schüsse zu hören. Plötzlich wird die Kamera zu Boden gedrückt, das Bild wackelt, Maschinengewehre erscheinen am Rande des Bildes. Bewaffnete Taliban-Kämpfer bedrängen sie und ihr Kamerateam. Es ist der 18. August und die CNN-Korrespondentin berichtet live aus Kabul. Sie ist bereits die dritte Woche in Folge in Afghanistan unterwegs. Aber seit einigen Tagen ist alles anders. Denn seit die Taliban in einem irren Tempo große Teile des Landes und letztlich auch die Hauptstadt in ihre Gewalt gebracht haben, schwebt die Reporterin während ihrer Arbeit in Lebensgefahr - so wie viele andere Menschen und vor allem Frauen in dem Land.

Es sei der aufregendste und gefährlichste Einsatz ihres Lebens gewesen, sagt Ward rückblickend, als sie am Wochenende in ihrer Wahlheimat Frankreich im Wohnzimmer sitzt und mit CNN-Kollege Brian Stelter über ihre Afghanistan-Reise spricht. Zusammen mit 300 anderen Menschen an Bord ist sie von einem Flugzeug des US-Militärs aus Kabul über Doha ausgeflogen worden. Die Erschöpfung sieht man der 41-Jährigen während des Interviews an. Sie war als eine der letzten westlichen Medienvertreterinnen im Land und berichtete, wie die Taliban das Land binnen weniger Tagen eroberten und welches Chaos darauf folgte.

Aber wer ist die Frau, deren Name es in der letzten Woche mehrfach in die Twitter-Trends geschafft hat, die als "Heldin" oder "eine Inspiration" gefeiert wird, weil sie blieb, als die meisten anderen schon weg waren? Um zu verstehen, was Clarissa Ward antreibt, rückt der 11. September 2001 in den Fokus. Denn seit dem Tag, der zum Ursprung des Afghanistankrieges wurde, wollte Ward Journalistin werden.

Die Terror-Anschläge am 11. September lösen Vieles aus - innerhalb der USA und weltweit. Verzweiflung, Unsicherheit, Angst. Präsident George W. Bush erklärt dem Terrorismus den Krieg. Clarissa Ward, damals 21 Jahre alt, beobachtet die Szenen der brennenden Hochhäuser auf dem Fernseher im Uni-Wohnheim. Das habe in ihr den Wunsch ausgelöst, die Welt besser zu verstehen. Sie habe sich für ihre Ignoranz geschämt und dafür, dass erst zwei brennende Wolkenkratzer inmitten von Manhattan sie wachrütteln konnten, schreibt sie in ihrer 2020 erschienenen Autobiografie "On All Fronts". Ab diesem Moment faszinieren sie Konflikte und deren Hintergründe.

Ward beginnt, beim Fernsehsender FOX in der Nachtschicht zu arbeiten und bewundert ihre Kolleginnen und Kollegen, die aus Krisenländern berichten, während sie in ihrem New Yorker Büro sitzt und nur aus der Ferne zusehen kann. Als die Stelle einer Planungsredakteurin in Beirut frei wird, ergreift sie ihre Chance. Lange bleibt Ward nicht bei FOX, auch aufgrund des Arbeitsklimas rund um Senderchef Roger Ailes, der später von mehreren Mitarbeiterinnen der sexuellen Belästigung beschuldigt wurde und zurücktrat.

Gespräche mit syrischen Rebellen

In den Jahren darauf ist Ward für diverse US-Fernsehsender tätig und berichtet nach Aufenthalten in Moskau und Peking vor allem über den Syrien-Krieg, wofür sie mehrfach undercover in dem Land unterwegs ist. Mittlerweile ist sie beim Nachrichtensender CNN unter Vertrag, für den sie heute Chefkorrespondentin ist. In Syrien trifft sie schwer bewaffnete Rebellen der Freien Syrischen Armee zum Gespräch, konfrontiert sie mit dem Video einer Enthauptung. Was sie dazu zu sagen hätten, fragt sie, und sieht deren Anführer durchdringend an. Solche Aufnahmen erwecken leicht den Eindruck, Ward sei furchtlos, gar lebensmüde.

Diese Frage bekommt sie auch in Interviews immer wieder zu hören. Denn in den USA ist Clarissa Ward längst zu einer Art Phänomen geworden und wird in diverse Talkshows eingeladen, um von ihren Einsätzen zu berichten. Wie sie es schaffen könne, so furchtlos zu sein? Was ihr durch den Kopf gehe, wenn Sie Angesicht zu Angesicht mit Kriegsverbrechern spricht oder nicht unweit ihres Hotels Schüsse zu hören sind? Wenn sie bewaffnete Taliban-Kämpfer fragt, wieso diese wollen, dass Frauen ihre Gesichter verschleiern und ob das wirklich vom Islam gewünscht sei?

Angst sei jedoch nicht ihr größtes Problem, so Ward. Besonders plagen sie die beinahe immer präsenten Schuldgefühle: "Am Ende des Tages kann ich abhauen, mich in einen Flieger setzen, meine Kinder umarmen, essen, schlafen. Wieso ist das so? Nur weil ich einen kleinen blauen Pass habe und andere Menschen nicht? Daran gewöhnst du dich nie."

Ward selber wächst in wohlhabenden Verhältnissen auf, wie sie in ihrer Autobiografie schreibt. Ihre Mutter ist Amerikanerin, ihr Vater Engländer, weshalb Wards Akzent zwischen breitem Amerikanisch und poliertem Britisch wechselt, ebenso wie sie selber zwischen verschiedenen Welten und Kulturen wechselt. Neben Englisch spricht sie sechs Fremdsprachen. Ihre eigene Kindheit - aufgewachsen in einem Londoner Nobelviertel, Sommerferien im Süden Frankreichs, Abschluss an der Elite-Uni - war privilegiert. Dessen sei sie sich bewusst, so Ward. Deshalb will sie über Menschen berichten, die ein weniger privilegiertes Leben führen.

Wie beispielsweise 2016, als Ward hautnah bei einem Bombenattentat im Norden Syriens dabei ist. Elf Menschen sterben damals - weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Inmitten des Chaos am Flughafen Kabul beobachtet sie jüngst, wie verzweifelte Eltern ihre Säuglinge über Stacheldrahtzäune werfen, um sie in Sicherheit vor den Taliban zu wissen.

Eine "Fallschirm-Journalistin"?

Allerdings gibt es auch immer wieder Kritik an ihrer Arbeit. Sie sei eine "Fallschirm-Journalistin" - käme also blitzschnell in ein krisengeplagtes Land, ohne sich mit den örtlichen politischen und kulturellen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Anfang des Jahres berichtet sie aus Myanmar und wird mit Vorwürfen konfrontiert - sie und ihr Team seien verantwortlich gewesen für die Festnahme von elf Menschen, die ihnen bei ihrer Berichterstattung geholfen und daraufhin ins Visier des Militärs geraten seien. In einem Statement sagt CNN daraufhin, dass der Großteil der Menschen nach kurzer Zeit wieder frei gelassen wurde.

Eine ganz neue Bedeutung bekommt Wards Arbeit als Kriegsreporterin schließlich, als sie 2018 zum ersten Mal Mutter wird. Plötzlich sei sie nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich gewesen, sondern auch für ihren kleinen Sohn Ezra. Das mache es besonders wichtig, dass sie wohlbehalten von ihren Reporterreisen zurückkehrt, schreibt sie in ihrer Biografie. Dennoch sei es ihr nicht in den Sinn gekommen, nach der Geburt ihres Sohnes auf die gefährlichen Einsätze zu verzichten. Von ihren männlichen Kollegen würde dies schließlich auch nicht verlangt, so Ward.

Immer wieder schreibt sie in ihrer Autobiografie, dass ihr Beruf ihre Berufung sei. Ihre Definition von Journalismus: Es sei nicht ihr Job als Journalistin, Probleme zu lösen, sondern diese sichtbar zu machen. Dafür wird sie wohl auch in Zukunft ihr Leben riskieren.

Quelle: ntv.de

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