Politik

Trotz Angst vor den Folgen Wie die Griechen ihr Nein feiern

In Athens Innenstadt herrscht nach dem Referendum eine Stimmung wie nach einer gewonnenen Fußballmeisterschaft. Doch trotz aller Freude der Regierungsanhänger über das Nein, ist die Angst spürbar.

Hupende Autokorsos, Motorradfahrer mit zum Triumph gereckter Faust und Griechenland-Flaggen überall: Das Nein beim Referendum über die Gläubigervorschläge wird im Zentrum von Athen Sonntagnacht wie der Sieg bei einer Fußball-Weltmeisterschaft gefeiert. Viele tausend Menschen strömen auf dem Syntagma-Platz zusammen und feieren, dass sie sich dem Druck aus Brüssel und Berlin nicht gebeugt haben. In den Jubel mischen sich aber auch Sorgen vor der schwierigen Zukunft.

"Wenn Du etwas erreichen willst für Dein Land, dann musst Du kämpfen", sagt Sokrates auf den Stufen vor dem Parlament. "Wir haben heute gekämpft. Ich habe keine Angst vor dem Grexit. Man hat uns so viel erzählt, aber wir haben uns nicht einschüchtern lassen, weil wir Griechen sind." Europa werde sein Land schon nicht fallen lassen, meint der 21-Jährige.

Vassilious Kontogiannis ist sich da nicht ganz so sicher. Der Radiologe ist mit seiner Frau auf den Syntagma-Platz gekommen um zu feiern, aber er hat auch Angst: Gut 60 Prozent für das Nein-Lager, das sei "ein schönes Ergebnis", sagt er. "Nur was wird morgen kommen? Die Banken sind geschlossen, die Wirtschaft ist in Trümmern. An meiner Klinik fehlen Personal und Gerät."

Der 50-jährige Mediziner setzt darauf, dass Regierungschef Alexis Tsipras nach seinem gefährlichen Erfolg ein neues Verhandlungsteam nach Brüssel schicken wird. "Das alte hat ein Scheiß-Ergebnis mitgebracht. Ich hoffe, Europa versteht unsere schlimme Lage."

Griechen machen Hongkong Hoffnung

Erste Reaktionen aus Deutschland lassen allerdings anderes befürchten. SPD-Chef Sigmar Gabriel beispielsweise erklärt Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm für "kaum noch vorstellbar".

Eine Konfrontation mit den Geldgebern will auch auf dem Syntagma-Platz kaum jemand. "Wir werden ein faires Programm akzeptieren", sagt Maria, die mit ihrem Mann und ihrer zweieinhalb Jahre alten Tochter aus einem Vorort ins Zentrum gefahren ist. Die drei haben sich Griechenland-Flaggen auf die Wangen gemalt. "Heute sind wir glücklich, wir fühlen uns frei und erleichtert. Und das haben wir verdient."

Die Grexit-Warnungen von den Euro-Partnern sind in Griechenland wie ein Erpressungsversuch aufgenommen worden. Mit "Ochi! Ochi!"-Sprechchören - griechisch für Nein - zeigen die Menschen auf dem Platz jetzt ihren zurückgewonnenen Stolz. Doch das Referendum wird Narben hinterlassen, weil es das Volk gespalten hat.

Von der Feierstimmung auf dem Syntagma-Platz lässt sich auch ein Professorenpaar aus Hongkong anstecken. "Es ist wunderschön, an diesem historischen Abend hier zu sein", sagt er, während ausgelassene Griechen um ihn herum ihre Flaggen schwenken. "Sie haben frei und friedlich ihren Willen ausgedrückt. Ich kann die Menschen verstehen und unterstütze sie, wenn sie laut sagen, was sie wollen." Die beiden wollen ihre Namen nicht nennen, aus Angst vor Repressalien daheim. "Wir sind noch nicht so weit", sagt der Mann. "Aber auch wir kämpfen."

Quelle: ntv.de, Tobias Schmidt, AFP