Politik

Mit Baerbock auf Sommertour Wie die Kanzlerin, nur grün

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Sommertour in Zeiten von Corona: Annalena Baerbock.

(Foto: Philip Scupin)

Habeck oder Baerbock? Wenn es nach Fachwissen geht, wird die Parteichefin Kanzlerkandidatin der Grünen. Weil sie zuhören kann und dazulernt. Doch reicht das? Beobachtungen vom Auftakt ihrer Sommertour.

Mit einem Stück verbrannter Kiefernrinde in der Hand steht Annalena Baerbock da. Sie schaut sich um und fragt: "Es brennt nicht so richtig durch offensichtlich, oder?" Die Mitarbeiterin der Försterei erklärt: Ja, so sei das mit Kiefern, die seien eben resistent, die brennen schwer durch. Wieder was gelernt. So geht das eigentlich den ganzen Tag, wenn man mit der Grünen-Vorsitzenden unterwegs ist. Ob im Umspannwerk von "50Hertz" in Neuenhagen bei Berlin oder im Waldbrandgebiet der Lieberoser Heide im Süden Brandenburgs: Annalena Baerbock hört zu und fragt und hört zu und fragt und hört noch mal zu. Der straffe Zeitplan an diesem ersten Tag ihrer Sommertour fällt ständig in sich zusammen.

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Keine knalligen Bilder, dafür Ballerinas im Wald.

(Foto: Philip Scupin)

So eine Tour soll immer auch Aufmerksamkeit erzeugen. In der nachrichtenschwachen Zeit zeigen: Hey, liebes Volk, ich, der Politiker, höre euch gerade auch in der Sommerpause zu. Das Erstaunliche bei Baerbock aber ist: Ihr geht es in Brandenburg offenbar wirklich mehr darum als um knallige Bilder. Sie ist mit ihren Alltags-Ballerinas in den Wald gekommen, nicht gespielt volksnah in Wanderstiefeln. Sie klopft dem Oberförster nicht spontan auf die Schulter und krault seinem Hund nicht kameratauglich das Fell. Das hat den Nachteil, dass sie in ihrer Außenwirkung distanzierter rüberkommt als sie ist. Aber es hat den Vorteil, dass sie aufmerksam ist. Nicht umsonst gilt die 39-Jährige als das inhaltliche Herz der Grünen-Spitze - und nicht Robert Habeck, der andere Parteivorsitzende. Wie nebenbei fordert sie beim Gespräch in Brandenburg eine "nationale Waldbrandstrategie".

Fachsimpelei statt großem Auftritt, Wissen statt Show - diesen Politikansatz hat Baerbock mit einer Frau gemeinsam, die ihn zu ihrem Erfolgsgeheimnis gemacht hat: Angela Merkel. Baerbock in den Fußstapfen der Kanzlerin? Auf die Frage des Reporters, ob sie so detailverliebt sei wie Merkel, muss Baerbock schmunzeln und sagt nur: "Der Teufel liegt im Detail. An diesem Sprichwort ist wirklich was dran und deshalb ist es mir auch wichtig, Details zu kennen." Das Fachwissen hat Merkel an der Regierung gehalten. Nach oben gebracht hat sie aber ihr unbedingter Machtwille. Hat die Grünen-Chefin den auch?

"Politiker und Tiere kommt gerade nicht so gut"

Das wird spätestens 2021 klar sein, denn dann müssen die Grünen klären, ob sie einen Kanzlerkandidaten oder eine -kandidatin aufstellen. Und wer das sein wird. Habeck ist der Favorit. Im Gegensatz zu Baerbock steht er auf den großen Auftritt. Dabei aber macht er in seiner Flapsigkeit Fehler. Zuletzt behauptete er, die Bankenaufsichtsbehörde Bafin sei gut darin, Mittelständlern falsch gebuchte Handwerkerrechnungen nachzuweisen. Dabei ist sie dafür gar nicht zuständig. Seine Instagram-Fotos, die ihn auch mal beim Kuscheln mit Wildpferden zeigen, finden einige Parteifreunde peinlich.

Ob sie ein Foto mit dem Försterhund machen wolle, wird Baerbock im Brandenburger Wald gefragt. Ihre Antwort: "Politiker und Tiere kommt gerade nicht so gut." Eine nicht böse gemeinte Spitze gegen Habeck.

Beide blocken bei der Kanzlerkandidaten-Frage ab. Baerbock sagt im Gespräch in Brandenburg: "Wir werden definitiv nicht jetzt, wie andere, um irgendwelche Personenfragen kreisen." Gemeint sind CDU und CSU, die schon ordentlich über mögliche Kanzlerkandidaten diskutieren. Die Grünen-Chefin mag noch nicht einmal verraten, nach welchen Kriterien sie und Habeck entscheiden werden, ob überhaupt einer von ihnen antritt. "Das Wichtige an Kriterien ist, dass diejenigen, die es entscheiden, die Kriterien für sich wissen, aber wenn man die vorher in die Welt hinausposaunt, dann ist es ja nicht mehr spannend." Ein schöner Schachtelsatz. Er hätte von Angela Merkel sein können.

Quelle: ntv.de