Politik

Geheime Stollen aus dem Libanon Wie gefährlich sind die Hisbollah-Tunnel?

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Die israelische Armee zerstört an der Grenze zum Libanon einen Tunnel der Schiitenmiliz Hisbollah.

(Foto: dpa)

Innerhalb weniger Tage entdeckt Israels Armee mehrere Tunnel der Hisbollah-Miliz. Experten zufolge könnten die schiitischen Kämpfer die Gänge aus dem Libanon nutzen, um "wie Guerillas in den Untergrund" zu gehen und Israel zu bekämpfen.

Am Samstagabend sind die israelischen Streitkräfte erneut fündig geworden. An der Grenze zum Libanon spürten Soldaten einen Tunnel auf, den die Hisbollah-Miliz von libanesischem Gebiet in den Norden Israels gegraben hat - mutmaßlich, um ihn für Angriffe auf das Nachbarland zu nutzen. Das Militär drang daraufhin nach Angaben eines Sprechers in den Tunnel ein und präparierte ihn mit Sprengstoff.

Es ist bereits der dritte unterirdische Gang, den das israelische Militär entdeckt hat, seit es in der vergangenen Woche den Beginn der Operation "Northern Shield" - auf Deutsch "Nördlicher Schild" - verkündete, mit der die Hisbollah-Stollen aufgespürt und zerstört werden sollen. Nahe der Stadt Metulla machte die israelische Armee nach eigenen Angaben einen zwei Meter hohen Tunnel unbenutzbar, der bereits 40 Meter in israelisches Staatsgebiet reichte und mit Strom, Luftzufuhr und Kabeln ausgestattet war. Ein dritter unterirdischer Gang wurde zwar entdeckt, aber noch nicht zum Einsturz gebracht. Israel hat die UN-Mission Unifil im Libanon gebeten, bei der Zerstörung der Anlage zu helfen. Nach Einschätzung der Sicherheitskräfte war jedoch noch keiner der Tunnel für etwaige Angriffe nutzbar.

In Metulla gelang in der vergangenen Woche auch die Identifikation eines mutmaßlichen Tunnelbauers. Eine von den israelischen Streitkräften installierte Kamera zeichnete auf, wie sich zwei Männer durch den unterirdischen Gang bewegen. Bei einem der beiden soll es sich laut übereinstimmenden Medienberichten um den Hisbollah-Kommandeur Imad Fahs handeln. Die schiitische Terrormiliz ließ hingegen verlauten, es handele sich bei den Personen im Video lediglich um Drogenkuriere ohne Bezug zur eigenen Organisation.

"Mich überrascht das nicht besonders"

Die vom Iran unterstützte Hisbollah hat sich dem Kampf gegen Israel verschrieben, was in der Vergangenheit zu blutigen Auseinandersetzungen führte. 2006 kam es zum zweiten Libanonkrieg, nachdem die Miliz zwei israelische Soldaten entführt hatte. Knapp 1500 Menschen, davon die meisten Zivilisten, kamen bei den 33 Tage andauernden Kämpfen ums Leben. Dann vereinbarten die Kriegsparteien einen Waffenstillstand. Die Spannungen blieben jedoch. Militärexperten vermuten schon seit Jahren, dass die Hisbollah Tunnel nach Israel gräbt.

"Mich überrascht das nicht besonders", sagt etwa Daphné Richemond-Barak vom Interdisciplinary Center Herzliya. Die Juristin hat ein Buch über die Tunnelkriegsführung in aller Welt geschrieben. Die libanesische Miliz habe sich demnach den Tunnelbau einfach von der radikalislamischen Hamas abgeschaut, die seit 2007 den Gazastreifen beherrscht und seitdem regelmäßig Tunnel nach Israel gräbt, um dort Menschen zu entführen oder zu töten. Allein während des letzten Gaza-Krieges entdeckte das israelische Militär mehr als 40 unterirdische Gänge.

Die Tunnel dienten den Terrorgruppen vor allem dazu, ihre militärische Unterlegenheit auszugleichen, analysiert Richemond-Barak. "Sie haben es in Israel mit einer Hightech-Armee zu tun, die ihnen überlegen ist. Also gehen sie wie Guerillas in den Untergrund." So blieben sie unentdeckt und könnten den Gegner überraschen. Neben diesem strategischen Nutzen erfüllen die Tunnel aber auch den psychologischen Zweck, die israelische Zivilbevölkerung in Angst zu versetzen. Die abstrakte Gefahr, Opfer einer Entführung zu werden, stellt für die Einwohner der Orte rund um Gaza eine starke Belastung dar.

Doch wie gefährlich sind die Tunnel wirklich? Der Vergleich zu Gaza zeigt: Militärische Erfolge kann man damit nur begrenzt erreichen. Hamas-Kämpfern gelang es mit ihrer Hilfe zwar mehrfach, nach Israel zu gelangen und dort auch israelische Sicherheitskräfte zu töten, allerdings handelte es sich immer um kleinere und für die Palästinenser verlustreiche Angriffe. Die Entführung eines israelischen Staatsbürgers gelang nur einmal. 2006 nahm die radikalislamische Miliz den israelischen Soldaten Gilad Shalit gefangen und brachte ihn durch einen unterirdischen Gang nach Gaza. Erst nach fünf Jahren wurde Shalit freigelassen - im Tausch gegen mehr als 1000 palästinensische Gefangene. Doch das ist bereits der größte militärische Erfolg, den die Hamas mit ihren Tunneln erreichen konnte.

Geologe: Tunnel aus Libanon effektiver

Allerdings gelten im Gazastreifen auch andere logistische Voraussetzungen als im Südlibanon. Das Küstengebiet am Mittelmeer ist seit 2007 von Israel und Ägypten weitestgehend abgeriegelt, für den Tunnelbau stehen nur vergleichsweise begrenzte Ressourcen zur Verfügung. Die Hisbollah operiert hingegen aus einem souveränen Staat, dessen Grenzen Israel nicht kontrollieren kann. Die schiitischen Kämpfer sind militärisch außerdem besser ausgerüstet als die Hamas und werden großzügig vom Iran finanziert. Der israelische Geologe Joel Roskin geht deshalb davon aus, dass die Tunnel aus dem Libanon effektivere Angriffe zulassen als die Tunnel der Hamas. Es sei in kurzer Zeit möglich, eine große Anzahl an Kämpfern nach Israel zu schmuggeln. In weniger als einer Stunde könnten sie Roskin zufolge am Highway 90, der wichtigen israelischen Nord-Süd-Autobahn, sein und versuchen, Gebiete zu erobern.

Angesichts der militärischen Stärke der israelischen Armee erscheint es aber unwahrscheinlich, dass es einer technisch und personell unterlegenen Miliz gelingen könnte, auch nur kleinste Teile Israels zu erobern, geschweige denn zu halten. Auch als Mittel der psychologischen Kriegsführung waren die Tunnel - zumindest bis zu ihrer Entdeckung - ungeeignet, weil die Bürger im Norden Israels von deren Existenz ja
nichts wussten.

Es ist naheliegender, dass die Tunnel entweder zur Entführung oder Ermordung einzelner Israelis genutzt werden sollten oder Teil einer militärischen Strategie für einen etwaigen künftigen Krieg gegen Israel darstellen. In diesem Fall könnten die Tunnel gemeinsam mit Raketenangriffen als Teilkomponente eines mehrgliedrigen Angriffsplans genutzt werden.

Dass es zu einem Krieg kommt, scheint aber zumindest im Moment eher unwahrscheinlich. Die israelischen Streitkräfte versuchten bisher nur, die Tunnel von der israelischen Seite aus zu neutralisieren, sagt Joel Roskin. Eine Operation im Libanon wolle man vermeiden. Daphné Richemond-Barak ist jedoch skeptischer. "Ich bin mir nicht sicher, dass man dieses Problem von israelischem Gebiet aus lösen kann."

Eine solche Operation könnte aber zu einer erneuten Eskalation des Konflikts führen. Bei einem solchen könnte die Hisbollah die bis zu 130.000 Raketen einsetzen, über die sie nach Angaben der israelischen Streitkräfte verfügt. Am Sonntag kamen bereits Drohungen aus dem Südlibanon. "Es gibt keinen Ort in den besetzten Gebieten", sagte der stellvertretende Hisbollah Generalsekretär, Sheikh Naim Qassem, und meinte damit Israel, "außerhalb der Reichweite der Hisbollah-Raketen".

Quelle: ntv.de