Politik

Interview mit "Charlie Hebdo"-Chefin "Wir hatten eine Art Déjà-vu"

Heute erscheint die vierte deutsche Ausgabe der französischen Satirezeitung – die Redaktion in Paris hat nach dem Berliner Attentat fieberhaft gearbeitet, um darauf zu reagieren, dass der Terror nun auch Deutschland erreicht hat. Am 7. Januar 2015 ermordeten islamistische Terroristen fünf Karikaturisten von Charlie Hebdo. Seitdem arbeitet die Redaktion unter enormen Sicherheitsvorkehrungen. Wie schwierig ist es, für immer noch emotional direkt betroffene Journalisten, diesen Spagat hinzukriegen, zwischen Trauer und schonungsloser Satire? Ein Gespräch mit Chefredakteurin Minka Schneider.

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(Foto: dpa)

n-tv.de: Wie war die Stimmung bei "Charlie Hebdo", nachdem der Anschlag in Berlin bekannt wurde?

Minka Schneider: Die Stimmung bei "Charlie" war sehr angespannt und gleichzeitig bedrückend. Wir wussten, dass wir darauf reagieren wollen, und deswegen sind extra Zeichner und Redakteure in die Redaktion gekommen, die gar nicht hätten arbeiten sollen an diesem Tag. Aber es gab das Bedürfnis, etwas zu machen. Vielleicht auch, weil wir eine Art Déjà-vu hatten und so an die Thematik herangehen konnten. Mit einem gewissen, man muss leider sagen, zynischen Abstand zu den  Ereignissen - anders womöglich als die deutschen Journalisten, die natürlich sehr unter Schock standen. Das Drastische in der Arbeit von "Charlie" stellt ja auch oft dar, wie furchtbar paranoid und grotesk so ein Ereignis ist. Diesen Charakter des Terrors nehmen wir vielleicht in der normalen Nachrichtenberichterstattung gar nicht mehr wahr.

Sie gehen sehr aktuell auf den Berliner Anschlag ein - wie schwierig ist die Gratwanderung zwischen Satire und Trauer in diesem Moment?

Eine Zeichnung sagt in solchen Fällen oft mehr als tausend Worte, weil sie diffuse Gefühle kanalisieren kann, die in einer solchen Situation entstehen bei den Menschen. Eine Zeichnung kann sogar auf satirische Art zum Ausdruck bringen, was manche Menschen wirklich denken und sich in einer solchen Situation nicht trauen zu sagen. Und in der Vergangenheit musste "Charlie Hebdo" ja selbst auf den eigenen Schmerz reagieren, die eigene Nummer der Überlebenden herausbringen und jede Woche bleibt auch das Schicksal der Zeitung präsent. Aber "Charlie" hat versucht, das mit der gleichen spitzen schonungslosen Feder zu tun und eben mitunter auch in die Kiste des Unzumutbaren zu greifen. In Bereiche, wo es weh tut, zu lachen, weil man lieber weinen möchte, so absurd erscheint einem das, was passiert - und das ist natürlich besonders schwer, wenn man selbst betroffen ist.

Tagesaktuelle Karikaturen gegen den Hass – in großer Aktualität – und in diesem Falle sogar ohne zu wissen, was nun wirklich hinter dem Anschlag steckte – wie schwierig ist das? 

Die Ausgabe stand ja eigentlich schon. Wir haben dann die komplette Seiten zwei und drei geändert, weil wir viele Zeichnungen über Berlin unterbringen wollten. Es ist auch ein Text entstanden, der thematisiert, wie schwierig es ist, mit Werten gegen Fanatismus, egal welcher Couleur, anzukommen. Gleichzeitig war bei Redaktionsschluss noch nicht klar, welcher Natur nun das Attentat war, deswegen wollten wir keine vorschnellen Schlüsse ziehen - aber das Titelbild erschien uns gültig zum Thema Angst und Abschottung - da brauchte es keinen gefassten Täter, um dies zu thematisieren, denn die Reaktionen waren ja bereits deutlich heraus zu hören und auch die politische Instrumentalisierung, wie wir sie aus Frankreich vom Front National ja bestens kennen.

Charlie Hebdo auf deutsch. Können Sie schon sagen, ob das Erfolgsgeschichte ist? Ist französischer Humor auf Deutschland übertragbar? Und wie wichtig ist Humor in diesen Zeiten?

Ich glaube nicht, dass für uns das Wichtigste ist, eine Erfolgsgeschichte zu schreiben, denn uns allen war klar, dass es ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang ist. Denn auch, wenn wir "Charlie" nach Deutschland bringen wollten, müssen letztlich unsere Leser entscheiden, ob sie es interessant finden, wie wir das Weltgeschehen verarbeiten, eben auf die spezielle "Charlie"-Art. 

Es war schwierig, verständlich zu machen, was "Charlie Hebdo" eigentlich ist, denn allein der Begriff des Satiremagazins wird dem Format der Zeitung nicht gerecht. 

Wir haben viele ermutigende Leserbriefe und Reaktionen bekommen, die uns Mut machen, das Abenteuer weiterzugehen, es ist auch eine Frage des Sich-Aneinander-GewöhnensDas heißt, so wie wir zum Beispiel momentan weiter in Deutschland Reportagen machen, so werden auch die Leser schauen, wie sich "Charlie" entwickelt, und ich hoffe natürlich sehr, dass wir diesen Weg des gemeinsamen Kennenlernens weiter gehen werden, weil gerade in diesen Tagen Deutschland sich sicher sehr an Frankreich erinnert fühlt. Und die gesellschaftlichen Themen, die dort schon lange präsent sind, auch in Deutschland immer dringlicher werden.

Mit der – unter Pseudonym schreibenden – deutschen Chefredakteurin Minka Schneider sprach der langjähriger Frankreich-Korrespondent von n-tv, Alexander Oetker.

Die aktuellen Entwicklungen bei den Ermittlungen nach dem Anschlag von Berlin lesen Sie hier in unserem Liveticker.

Quelle: ntv.de