Dossier

Fortschritt oder moralischer Verfall? PID - ein unlösbares Dilemma

Die Präimplantationsdiagnostik erhitzt die Gemüter. Vorteile wie Nachteile liegen klar auf der Hand, und dennoch bleibt stets eines: das moralische Dilemma. Einen Ausweg gibt es nicht.

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PID spielt bei der künstlichen Befruchtung eine Rolle. Wenige Tage nach der Eizellen-Befruchtung werden 1-2 Zellen entnommen und untersucht.

(Foto: dpa)

Die einen sprechen von Designerbabys, die anderen von ungeahnten Chancen für die Heilung von genetisch vererbten Krankheiten – an der Präimplantationsdiagnostik (PID) scheiden sich die Geister. Und mehr noch. Die Debatte führt unweigerlich zu einem moralischen Problem, egal, welche Position man bezieht. Wer dagegen ist, nimmt das Leid der Betroffenen Kinder und Eltern in Kauf; wer sich dafür ausspricht, muss sich dem Vorwurf der Selektion stellen. Dieses Dilemma sorgt dafür, dass viele dem Thema zwiegespalten gegenüberstehen. Eindeutig äußerte sich die Bundeskanzlerin, indem sie auf dem Deutschlandtag der Jungen Union ein Verbot der PID forderte.

Damit stellte sich gegen ein , in dem das Gericht ein Grundsatzurteil gefällt hatte: Die PID ist in Deutschland unter bestimmten Bedingungen de facto erlaubt. Das Kanzleramt forderte, das Thema zu einer Gewissensentscheidung zu machen. Bei einer Abstimmung im Bundestag sind die Abgeordneten daher vom Fraktionszwang befreit.

Keine Frage der politischen Gesinnung

Die Diskussion um PID lässt sich nämlich nicht entlang politischer Lager führen. Zwar schreibt Roland Koch in seinem Buch "Konservativ", dass Konservative bei Fragen wie der nach der PID einhellig auftreten und so überhaupt erst als Konservative in Erscheinung treten könnten. Das trifft aber nicht zu, wenn man sich die Praxis anschaut. Auch in den eigenen Parteireihen stoßen Koch und Merkel auf Widerstand. Die Diskussion um die Präimplantationsdiagnostik scheint wirklich vor allem eines zu sein: Die Frage nach dem moralischen Dilemma im eigenen Gewissen. Ist die PID ein sinnvoller medizinischer Fortschritt oder ein Schritt hin zur Selektion von Menschen durch Menschen?

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Skeptiker warnen vor einem Dammbruch, Befürworter fordern klare Richtlinien, um diesen zu verhindern.

(Foto: dpa)

Der deutsche Ethikrat erarbeitete eine Stellungnahme zu dem Thema. Ethikrat-Mitglied Professor Frank Emmrich bezog schon im Vorfeld klar Position. "Ich bin ein Befürworter der PID", sagte er n-tv.de. Das schlagende Argument sei seiner Ansicht nach die gültige deutsche Rechtslage: In Deutschland ist der Schwangerschaftsabbruch nach amtlich geprüfter Beratung bis zum dritten Schwangerschafts-Monat erlaubt. Und selbst wenn dieser Zeitraum vorbei ist, kann eine Schwangerschaft noch abgebrochen werden, falls es schwere Schäden für die Mutter durch die Fortführung gibt. "Ein Fötus im dritten Monat ist schon weit entwickelt. Deswegen leuchtet mir nicht ein, dass man ein winziges Zellhäufchen nicht verwerfen darf – wie es geschieht, wenn bei der PID ein Defekt festgestellt wird", argumentiert der Mediziner. Man müsse sorgfältig und behutsam jeden Einzelfall prüfen und die Entscheidung letztlich in die Hände der Eltern legen.

Ein ethisches Problem sieht Emmrich in der Präimplantationsdiagnostik nicht. "Im Gegenteil", erwiderte er, "ich halte es eher für eine ethische Verfehlung, die Möglichkeiten, die die moderne Medizin bietet, nicht zu nutzen."

Ethischer Dammbruch?

Roland Koch sieht solche Positionen mit Sorge. Er warnt vor der Gefahr eines ethischen Dammbruchs, die bei der  PID besonders groß sei. "Historische Beispiele dafür, dass Manipulationen vor der Geburt nicht selten tödlich für die Kinder enden, gibt es ausreichend", schreibt der CDU-Mann. Ein besonders tragisches Beispiel sei die Tatsache, dass in China deutlich mehr Mädchen als Jungen abgetrieben würden. Emmrich weist solche Ängste  zurück – es gehe in der aktuellen Diskussion nicht um eine Selektion nach Augenfarbe und Geschlecht. "Es geht darum, schwere Defekte, die Kind und Eltern Leid und Kummer bereiten, nicht zu akzeptieren."

Es bleibt die Frage, wo die Grenzen zu ziehen sind. Ab wann ist ein Embryo so schwer "defekt", dass es dessen Nichtverwendung rechtfertigt? Und wer entscheidet das? "Man sollte sich an denselben, praxisgeprüften Regeln orientieren, die es auch bei der pränatalen Diagnose gibt", unterstreicht Emmrich.

PID ist faktisch Selektion

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Was kann PID - und was nicht?

(Foto: picture alliance / dpa)

Professor Ingolf Schmid-Tannwald, Vorsitzender des Vereins "Ärzte für das Leben", ist skeptisch. Schon der Begriff "Diagnostik" sei falsch, da dieser Begriff nur im Rahmen der Behandlung einer Krankheit zutreffe. Im Gespräch mit n-tv.de fand er klare Worte: "PID ist eine 'Diagnostik', die die Embryonen aussortiert, die nicht transferiert werden sollen. Und damit ist es eine Selektion." Eine Parallele zur Pränataldiagnostik wie etwa der Fruchtwasseruntersuchung sieht er nicht. "Das ist Diagnostik im wirklich ärztlichen Sinn." Im Fokus stehe dort das Wohl des Fötus und der Mutter, und sie geschehe im Rahmen ärztlicher Behandlungen und Untersuchungen. "Nur in drei Prozent der Fälle findet man da eine genetische Auffälligkeit. Und dann erst entsteht die Frage, was man tut", sagte der Gynäkologe.

Keine der Diskussionen erfasst die Problematik bei der moralischen Frage nach der Präimplantationsdiagnostik in der ganzen Tiefe. Immer wieder wird von Befürwortern auf die Möglichkeiten verwiesen, die die PID bietet. Erfolge wie vergangenes Jahr in Spanien sind unstrittig: Dort wurde ein siebenjähriger Junge von einer schweren Erbkrankheit geheilt – durch seinen kleinen Bruder, der mittels PID als geeigneter Stammzellen-Spender "vorselektiert" wurde.

US-Studie schürt Bedenken

Doch ist die Präimplantationsdiagnostik unfehlbar? Eine US-Studie an Embryonen, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, liefert erstaunliche Ergebnisse: Nur neun Prozent der so gezeugten  Embryonen sind genetisch unauffällig. Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf: Was bringt eine PID, wenn über 90 Prozent der Embryonen genetisch auffällig sind? Berücksichtigt das Verfahren die Selbstheilungsmechanismen des Embryos? Und welchen Handlungen darf die PID vor dem Hintergrund dieser Unsicherheiten rechtfertigen? "Es könnte durchaus sein, dass man menschliche Embryonen aussortiert, obwohl sie an sich zwar auffällig sind, aber eigentlich eine normale Entwicklung vor sich haben", warnt Schmid-Tannwald.

Das Hinterfragen der medizinischen und naturwissenschaftlichen Möglichkeiten ist das eigentliche Dilemma; dort stößt man in jeglicher Hinsicht an Grenzen. Denn dann wird deutlich, dass hinter der ganzen Debatte eigentlich eine Frage steht, die viel tiefer reicht: Es geht plötzlich nicht mehr um krank oder gesund, um Augenfarbe oder Geschlecht - sondern schlicht um Leben oder Tod.

Quelle: ntv.de