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Eine Zugfahrt und (k)ein Skandal Alle reden über Greta, keiner übers Klima

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Greta Thunberg besuchte den Weltklimagipfel in Madrid und fuhr dann per Zug nach Hause.

(Foto: imago images/Agencia EFE)

Die Nachricht des Wochenendes, könnte man meinen, sei die Zugfahrt einer 16-Jährigen gewesen. Ein Foto von Greta schreckte die Deutsche Bahn und die sozialen Netzwerke auf und sorgte für viel Häme. Dabei liegt das Problem ganz woanders.

Fakt ist: Zunächst musste Greta in einem ICE auf dem Boden sitzen, weil in Basel ein Zug ausgefallen war. Fakt ist auch: Später hatte sie einen Sitzplatz in der ersten Klasse der Deutschen Bahn. So einfach könnte man diese Geschichte erzählen. Aber es wäre nicht Greta Thunberg, wenn diese Geschichte nicht noch viel größere Dimensionen annehmen könnte.

Am Ende wurde in den sozialen Netzwerken über eine junge Frau gelästert, die Zug fährt, weil sie sich für mehr Klimaschutz einsetzt. Da wurde - auch auf n-tv.de - ausführlich berichtet, wie die Schwedin denn nun ihre Fahrt nach Hause bestritten hat: im bequemen Erste-Klasse-Sessel oder auf dem ICE-Boden. Kritiker warfen ihr vor, das Foto gestellt zu haben - was sich als falsch erwies - und kein Foto aus der ersten Klasse gepostet zu haben. Und die Deutsche Bahn blamierte sich mal eben mit ihrer beleidigten Reaktion auf Twitter.

Natürlich steht Greta Thunberg als Gesicht der Klimaschutzbewegung unter besonderer Beobachtung. Sie ist zur Reizfigur geworden und fordert Reaktionen heraus - was ihr auch eine größere Verantwortung auferlegt. Und natürlich können Kritiker anmerken, dass sie sich geschickt in Szene setzt. Nur hat diese Diskussion mittlerweile jedes Maß verloren. Thunberg ist weder eine Heilsbringerin und unfehlbare Klimaaktivistin, als die sie manche ihrer Anhänger gern sehen, noch ist sie die Erzfeindin aller Diesel-Fahrer und Kohle-Arbeiter. Sie setzt sich für mehr Klimaschutz ein. Und zum Werben um ihre Anliegen gehört wie bei anderen Interessengruppen auch eine gewisse Inszenierung - so sie denn nicht falsche Tatsachen vorspiegelt.

Der eigentliche Skandal ist ein anderer

Fast vergessen könnte man da, warum Greta überhaupt im Zug saß: Sie kam von der Weltklimakonferenz in Madrid. Dass diese um Haaresbreite gescheitert wäre, ging im Wirbel um eine Bahnfahrt allerdings unter. Dass die Staaten dieser Welt gerade mal einen Minimalkompromiss gefunden haben, sorgte für weit weniger Schlagzeilen. Dass die Gespräche um den Handel mit Klimaschutz-Zertifikaten ohne Ergebnis blieben und vertagt wurden, blieb eine Randnotiz. Dieses Beinahe-Fiasko ist der eigentliche Skandal - und entscheidender als die Zugfahrt einer 16-Jährigen.

Es wäre Zeit, das Thema Klimawandel nicht nur auf ihre Person zu beschränken. Die Klimakonferenz von Madrid hat gezeigt, wie bedroht der mühsam ausgehandelte Kompromiss von Paris ist. 2015 hatten sich dort nahezu alle Staaten darauf geeinigt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Mittlerweile hinkt nicht nur die Umsetzung auf nationaler Ebene hinterher. Viel schwerer wiegt, dass die Einigkeit der Weltgemeinschaft, das Paris-Ziel überhaupt anzugehen, bröckelt.

Die Folgen wären verheerend. Nicht wegen der Fahrverbote für Diesel-Autos oder weil deutsche Kohlekraftwerke bis 2038 vom Netz gehen sollen. Sondern weil wegen länger werdender Dürreperioden Millionen Menschen in Afrika zur Flucht gezwungen oder weil heute bewohnte Inseln und Küstengebiete in einigen Jahrzehnten überschwemmt sein könnten. Klimaschutz als globale Aufgabe zu begreifen, ist wichtiger als Greta Thunbergs Zugreise.

Quelle: ntv.de