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Protest ist wichtiger als Regieren Wagenknecht beerdigt Rot-Rot-Grün

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In ihrer Partei einflussreich, aber auch umstritten: Sahra Wagenknecht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Linke, Sozialdemokraten und Grüne basteln eifrig an einem gemeinsamen Bündnis nach der Bundestagswahl. Die Chancen stehen jedoch schlecht. Weil Sahra Wagenknecht andere Ziele verfolgt.

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"Eine kluge Frau. Und ich meine nicht Merkel", twitterte Marcus Pretzell am Mittwoch. Der nordrhein-westfälische AfD-Chef bezog sich auf ein "Stern"-Interview, in dem Wagenknecht der Kanzlerin eine Mitverantwortung am Anschlag in Berlin gibt. Die Rechtspopulisten und die Linken stehen sich politisch alles andere als nah. Für Wagenknecht kann man das nicht sagen. AfD-Politiker, allen voran Vizechef Alexander Gauland, schwärmten in der Vergangenheit regelmäßig öffentlich für die Linke.

Neun Monate vor der Wahl ist Wagenknecht drauf und dran, die Hoffnungen vieler Politiker bei Grünen, Linken und SPD endgültig zu beerdigen. Ein Mitte-Links-Bündnis, an dem viele Abgeordnete der drei Parteien seit Monaten verstärkt basteln, mit Wagenknecht an der Spitze - wie soll das gehen? Eben, gar nicht.

Dabei ist Wagenknecht eine, wenn nicht sogar die alles entscheidende Person, wenn es um das Zustandekommen einer rot-rot-grünen Koalition nach der Bundestagswahl geht. Der pragmatische Teil ihrer Partei steht einer Regierungsbeteiligung aufgeschlossen gegenüber. Der linke Flügel, deren einflussreichste Person Wagenknecht ist, ist wesentlich reservierter. Von ihr dürfte es am Ende abhängen. Der Fraktionschefin muss bewusst sein, dass sie zu Beginn des Wahljahres deshalb besonders im Rampenlicht steht. Dass jede Äußerung untersucht wird. Ob sie inhaltliche Zugeständnisse macht und sich damit offen für Rot-Rot-Grün zeigt.

Wagenknecht handelt aus Überzeugung

Wagenknecht weiß um die Aufmerksamkeit, die auszulösen sie mit öffentlichen Statements im Stande ist. In der jüngeren Vergangenheit hat sie damit mehrfach Streit in ihrer eigenen Partei ausgelöst. Im Dezember 2015 forderte Wagenknecht Flüchtlingskontingente. Nach den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht sagte sie zum Ärger vieler Linker: "Wer sein Gastrecht missbraucht, der hat sein Gastrecht eben auch verwirkt." Erneut krachte es im Sommer. Nachdem Wagenknecht Merkels "Wir schaffen das" für gescheitert erklärte, forderten Linken-Abgeordnete öffentlich ihren Rücktritt. Der AfD-Politiker André Poggenburg applaudierte damals öffentlich: "Frau Wagenknecht, kommen Sie zur AfD."

Wagenknecht weiß um ihre Stellung bei den Linken. Um ihre Macht und ihren Einfluss. Sie ist zu wichtig, um ihre Zwischenrufe einfach zu ignorieren. Dass Wagenknecht sich so verhält, hat Gründe. Sie handelt aus tiefer Überzeugung. Mit ihrer neuen Kritik an der Flüchtlingspolitik versucht sie Protestwähler anzusprechen und diese davon abzuhalten, künftig ihr Kreuz bei der AfD zu machen. Wagenknecht will verhindern, dass ihre Partei weitere Wähler an die AfD verliert. Das ist ihr wichtiger, als durch eine Annäherung an SPD und Grüne weitere Verluste zu riskieren. Dass sie rhetorisch bisweilen kaum noch von den Rechten zu unterscheiden ist, nimmt Wagenknecht in Kauf.

Auch nimmt sie in Kauf, andere zu verärgern. Zahlreiche Linke, aber auch Grüne und Sozialdemokraten reiben sich seit Monaten für Rot-Rot-Grün auf. "Gibt es schon einen Termin für den Vereinigungsparteitag von AfD & die Linke?", twitterte der linke Grünen-Abgeordnete Volker Beck über Wagenknechts neueste Merkel-Kritik. Die dürfte nicht nur bei jenen für Ernüchterung sorgen, die Rot-Rot-Grün wollen. Der SPD-Abgeordnete und Sprecher des rechten Parteiflügels Johannes Kahrs kommentierte hämisch: "Beatrix von Wagenknecht. Unsäglich. Die ist Spitzenkandidatin der Linken. Oder auch die der AfD. Eine neue Variante der Doppelspitze." Auch Rot-Rot-Grün-Skeptiker wie Kahrs dürften jetzt kaum noch für ein Bündnis zu erwärmen sein. Stattdessen fühlen sie sich mal wieder in ihren Vorbehalten bestätigt. Spätestens jetzt ist klar: Ohne Wagenknecht geht Rot-Rot-Grün nicht, mit ihr aber auch nicht.

Quelle: n-tv.de

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