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Was von der Aussage bleibt Zschäpe offenbart nicht das große Böse

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Beate Zschäpe betritt vor ihrer Aussage gelöst den Gerichtssaal.

(Foto: dpa)

Beate Zschäpe zeichnet in ihrer Aussage das Bild der schwachen, unwissenden Gespielin zweier Mörder. Egal, ob man ihr das glaubt: Der heutige Tag im NSU-Prozess ruft das jahrelange Versagen unserer Gesellschaft in Erinnerung.

Beate Zschäpe hat ihre lang erwartete Aussage im NSU-Prozess verlesen lassen – und sie muss den Angehörigen der Opfer der Neonazi-Terrorbande wie Hohn vorkommen. Die 40-jährige Hauptangeklagte zieht sich auf die Position zurück, von den Morden ihrer Weg- und Liebesgefährten allenfalls im Nachhinein erfahren zu haben. Über Jahre zieht das Duo durch Deutschland und Zschäpe sitzt zuhause, trinkt flaschenweise Sekt und kann nichts dagegen tun. Der normale Menschenverstand sagt: Das ist vollkommen unglaubwürdig.

Zschäpe ist das vermutlich egal. Sie versucht, sich durch ihre Aussage Vorteile zu verschaffen. Sie gesteht eine der ihr zur Last gelegten Taten – die Brandstiftung in der gemeinsamen Zwickauer Wohnung. Zugleich nutzt sie die Gelegenheit, sich von anderen zu distanzieren: Als sie das Feuer gelegt hatte, habe sie alles unternommen, um Unbeteiligte zu schützen. Von einem "Nationalsozialistischen Untergrund" hat sie nach eigenen Angaben nichts gewusst – es habe ihn nicht einmal gegeben. Also kann sie auch nicht Mitglied der Terrorgruppe gewesen sein.

Und dann ist da noch der unappetitlichste Teil ihrer Aussage: ihre rein taktische Entschuldigung bei den Opfern und deren Angehörigen. Man muss sich den Wortlaut nur einmal auf der Zunge zergehen lassen: "Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und allen Angehörigen der Opfer der von Mundlos und Böhnhardt begangenen Straftaten." Und: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte." Es müsste, auch nach allem, was sie ausgesagt hat, noch immer heißen: "… dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindert habe".

Zschäpe legt kaum Neues offen

Denn, selbst gesetzt, man nimmt Zschäpe ab, nichts von den Mordplänen von Mundlos und Böhnhardt gewusst zu haben, muss sie sich den Vorwurf gefallen lassen: Spätestens nach dem ersten Mord hätte sie sich von den beiden lösen, zur Polizei gehen, Hilfe holen – irgendetwas unternehmen müssen. Ihr angeblich labiler Zustand hin oder her. Stattdessen gewöhnte sie sich an die Existenz von Waffen in der gemeinsamen Wohnung. Ab und zu räumte sie eine umherliegende Waffe in den Schrank, damit war das für sie erledigt.

Was bleibt also vom 249. NSU-Prozesstag? Ratlosigkeit über eine angeblich passive, liebeskranke Zschäpe, die nicht anders konnte, als zu ihren Uwes zu stehen. Sonst wenig: Keine neuen Erkenntnisse über die Mitangeklagten E., G., S. und Wohlleben. Keine neuen Erkenntnisse über die Neonazi-Szene und eventuelle Hintermänner. Keine neuen Erkenntnisse über Staatsversagen und V-Leute. Nichts über ihre eigene politische Gesinnung. Nichts. Nur eine halbgare Entschuldigung.

Das ist womöglich das Unbefriedigendste an dem heutigen Vormittag: Dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zehn Menschen ermordet haben, wussten wir schon. Viele haben sich gewünscht, dass sich mit Zschäpes Aussage das große Böse offenbart. Doch so kam es nicht. Das hätte es vielen leichter gemacht, den NSU-Komplex abzuschließen. Politik, Strafverfolger und Medien taten die Fälle seinerzeit aus alltagsrassistischer Trägheit als mysteriöse "Döner-Morde" im sogenannten Ausländermilieu ab. Zschäpes Aussage erinnert nun schmerzhaft daran, dass nicht nur die Angeklagte selbst die Mordserie hätte verhindern können.

Quelle: n-tv.de

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