Österreich-Newsletter

Ischgl? "Alles richtig gemacht!" Tiroler Minister blamiert sich im ORF

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei ntv.de!

Eine Entschuldigung vorab: Heute kommt der Newsletter daher wie eine mittelmäßige Strandbar - außer Corona nicht viel zu bieten.

Österreich fährt ja seit Montag auf "Notbetrieb", wie es Kanzler Sebastian Kurz ausgedrückt hat. Das öffentliche Leben ist quasi eingestellt bis Ostermontag, die Menschen sollen möglichst daheim bleiben. Für viele Touristen kommt dieser Lockdown zu spät: Sie haben sich in Tirol die "skiferie-epidemi" eingefangen, wie Sars-CoV-2 in Norwegen heißt. Um die Nachwirkungen der skandalösen Vorgänge in der Corona-Drehscheibe Ischgl geht es in dieserAusgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert".

Und auch wer vom Virus partout nichts mehr lesen und hören will, sollte einen Blick auf die Fundstücke der Woche richten, wo Corona-Pathos auf den guten alten Wiener Grant trifft, und was soll ich sagen ... 1:0 für Wien.

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patschert: unbeholfen, missglückt

"Wir haben Ischgl überlebt", haben auch in dieser Skisaison wieder Zehntausende in den Après-Ski-Bars im Ballermann der Alpen gegrölt. Doch seit dieser Woche hat der Hütten-Hit einen schlimmen Beigeschmack: Über Ischgl hat sich das Corona-Virus in ganz Europa verteilt, vor allem nach Skandinavien, aber auch nach Deutschland. Rund 40 Prozent aller Infizierten in Norwegen waren auf Skiurlaub im Paznauntal, Island hat Ischgl schon am 5. März zum Risikogebiet erklärt.

Was danach passierte, umriss der Tiroler Gesundheitslandesrat Berhard Tilg so: Die Behörden haben alles richtig gemacht. Am Montagabend war Tilg in die wichtigste Nachrichtensendung Österreichs ausgerückt, in die "Zeit im Bild 2" - und lieferte, was der "Standard" als eines der "patschertsten" Interviews in Österreichs TV-Geschichte bezeichnete. Elfmal stammelte Tilg seine "Alles richtig gemacht"-Standardantwort, egal, wie ungläubig Moderator Armin Wolf ihn mit den Fakten konfrontierte: mit den Warnungen der Skandinavier, mit der früh bekannten Infektion eines Bar-Mannes im "Kitzloch", mit dem verräterischen Statement eines Tiroler Tourismus-Lobbyisten, man habe sich mit den Behörden auf einen "Konsens" geeinigt, dass die Pisten noch ein wenig offen bleiben, trotz alledem.

Wer eins und eins zusammenzählen kann, versteht, was in Tirol passiert ist: Die Hoteliers, Gastronomen und Liftbetreiber wollten noch ein paar Tage Geschäft mitnehmen, bevor die Regierung dann das unvermeidliche Ende der Skisaison verkündete - allerdings erst für den Sonntag, angeblich, um eine "geordnete Rückreise der Gäste" zu gewährleisten. Wie die aussah, recherchierten Medien: Hunderte Touristen mussten wegen der chaotischen Abreise noch eine Nacht in Tiroler Hotels verbringen, wo sie möglicherweise weitere Menschen angesteckt haben. Die Reaktion von Gesundheitslandesrat Tilg: "Das liegt in der Eigenverantwortung der Gäste." Und überhaupt sei das Virus ja nicht in Ischgl entstanden, sondern "ein internationales Problem, das leider auch in das Paznauntal hineingetragen wurde".

Aber eben nicht dort blieb, dank der zögerlichen Tiroler Behörden: Die verkündeten noch nach dem Positiv-Test des Bar-Mannes, dass eine Ansteckung in einer Après-Ski-Bar "unwahrscheinlich" sei. Und ließ die Virenschleudern noch einige Tage offen - das norwegische Gesundheitssystem sagt Dankeschön.

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Seit Montag 0 Uhr gilt in Österreich die Ausgangsbeschränkung. Aus dem Haus zu gehen ist nur noch in drei Fällen erlaubt: für unverzichtbare Wege zum Arbeitsplatz, für notwendige Besorgungen und um anderen Menschen zu helfen. Spaziergänge sind auch erlaubt (solange man zur Anreise nicht die Öffis nutzt), allerdings nur zusammen mit Menschen, mit denen man auch in einem Haushalt lebt. Von allen anderen Mitbürgern sollen die Österreicher einen Meter Abstand halten, auch in den Supermärkten. Baustellen sind geschlossen, ebenso alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte, Restaurants und Bars sowieso. Kurzum: Es ist verdammt fad geworden in Österreich.

Der "Kurier" berichtet, die Polizei habe bis Donnerstag 600 Anzeigen wegen Verstößen gegen die Corona-Maßnahmen verteilt. Wer den Ein-Meter-Abstand nicht einhält, dem drohten "einige 100 Euro Strafe", drohte der Wiener Polizeipräsident live in der ZiB2. Hinter ihm im Bild: zwei Beamte in der Einsatzzentrale auf Kuschelkurs. Anzeige ist raus.

Was aber sollen die Bürgerinnen tun, um sich ohne Gefahr eines teuren Strafmandats in der de-facto-Quarantäne bei Laune zu halten? Einige Wiener Musiker wollten das italienische Konzept der Balkonkonzerte kopieren - und riefen für Sonntag 18 Uhr einen "Flashmob-Gig" aus. Nun wäre Wien aber nicht Wien ohne den tief verankerten Grant, und so ernteten die Musiker nicht nur Applaus. Auf Twitter tauchte ein Video auf, in dem eine Frau sich lautstark beschwerte, in breitestem Wienerisch: "Ruhe! So schen is des net!" Wien sorgt eben für alle: für die, die ein bisschen Aufmunterung und Gemeinschaftsgefühl brauchen. Und für die, die nichts mehr sehen und hören wollen von Sars-CoV-2.

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++ Freitagmorgen verzeichnete Österreich 2.203 bestätigte Coronavirus-Fälle. Sechs Personen sind bislang verstorben, neun wieder genesen. Aktuell verdoppelt sich die Fallzahl alle drei Tage. ++ Besorgniserregender Zuwachs auch bei den Arbeitslosenzahlen: 97.500 Menschen haben sich allein von Montag bis Donnerstag arbeitssuchend gemeldet. Laut dem Arbeitsmarktservice AMS waren 36.000 vorher im Tourismus beschäftigt, 11.000 im Bausektor. Vor dem Ausbruch der Corona-Epidemie waren Stand Februar insgesamt 334.000 Menschen in Österreich arbeitslos. ++ Mama, der MAN mit den Masken ist da: Tagelang saßen wegen des deutschen Exportverbots Transporte mit medizinischer Schutzausrüstung an der Grenze fest. Am Mittwoch der Durchbruch - das deutsche Wirtschaftsministerium erteilte nach langen Verhandlungen Ausfuhrgenehmigungen. ++ So gut wie niemand kam Mittwoch an der Grenze zu Ungarn durch: Tausende Reisende und Arbeiter aus Rumänien, Serbien und der Ukraine versuchten, Richtung Heimat zu gelangen. Weil die Ungarn den Transit von ausländischen KfZ unterbinden wollten, staute sich der Verkehr auf 35 Kilometern. Nun sollen Transitreisende in Korridoren von 21 bis 5 Uhr durch Ungarn reisen dürfen. ++

Falls Sie noch immer nicht Ihre tägliche Dosis Corona-News überschritten haben - der Kollege Kevin Schulte hat die irre Geschichte der Virenschleuder Ischgl im ntv.de-Podcast "Wieder was gelernt" aufgearbeitet und auch mich dazu befragt. Ich schlage vor, Sie hören sich das mal an.

Wenn Sie Lob, Kritik, Wünsche oder Anregungen loswerden möchten, schreiben Sie mir gern eine Mail. Wenn Sie diesen Newsletter bequem jeden Freitag per Mail erhalten wollen, tragen Sie sich bitte einfach hier in den Verteiler ein.

Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de