Person der Woche

Person der Woche Der grüne Blonde wankt

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Anton Hofreiter gilt seit Wochen als angeschlagen. Ihm wird vorgeworfen, die Grünen schlecht zu vertreten. Und nun blamiert ihn auch noch eine Steueraffäre. Wie lange wird er noch Grünen-Fraktionschef bleiben?

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Es geht um 2475 Euro. Dennoch ist Hofreiter in einer aussichtslosen Lage.

(Foto: dpa)

Die Grünen hatten von Anfang an ungewöhnlich charismatische Führungsfiguren. Von Petra Kelly und Jutta Ditfurth bis Renate Künast und Claudia Roth gab es diese Furor-Frauen, die den verbalen Barrikadenkampf zum Stilmittel erkoren und eine ganze Republik empören konnten. Und von Daniel Cohn-Bendit und Hans-Christian Ströbele über Joschka Fischer bis Jürgen Trittin posaunten diese Kommando-Kerle, die mehr Testosteron und Willen verströmten als Atombombentests Strahlung. Wahrscheinlich war es über Jahre hinweg sogar ein Faszinosum, ja ein Erfolgsgeheimnis der Grünen, dass die Sanftheit ihrer Anliegen und ihrer Wählerschaft so verblüffend kontrastierte mit dem Machtmachismo ihrer Führung. Fischer und Trittin waren von Morgenblütentanz und Biobauernhöfen so weit entfernt wie eine Panzerbrigade vom Friedenstaubenflug - und doch machten sie die grüne Bewegung stark, weil sie selber Stärke verkörperten.

Umso fataler ist für die Grünen das Erscheinungsbild der aktuellen, blassen Führungsriege. Das Wahldesaster des vergangenen Jahres hat die Partei in ihrem Selbstbewusstsein tief erschüttert. Der Linksruck mit Steuererhöhungsplänen wurde vom Wähler abgestraft. Dem Vorbild des grün-konservativen Schwaben-Großvaters Winfried Kretschmann wollen sie trotzdem nicht wirklich folgen. Unsicher wanken sie zwischen linken und bürgerlichen Perspektiven und sind darüber der starken Figuren verlustig gegangen. Die Große Koalition gibt reihenweise Anlass zu lustvoller Opposition, doch die grünen Attacken sind laue Lüftchen ohne strategisches Ziel.

Schon seit Wochen schwelt daher eine parteiinterne Debatte um die Führungspersonen. Insbesondere Toni Hofreiter steht in der Kritik, weil seine Auftritte als ungelenk und schwach empfunden werden. Mit seiner blonden Langhaarfrisur und seiner almkäsigen Tonlage wirkt er wie ein Grüner der ersten Stunde: gestrig und naiv. Hofreiter ist damit just in die gegenteilige Rolle seiner Vorgänger Fischer und Trittin geraten. Wo diese Machtwillen verkörperten, strömt Hofreiter Selbstzweifel aus. Die einen witzeln über seinen bajuwarischen Akzent, die anderen über seine rhetorische Schwerfälligkeit, Dritte über Humorlosigkeit und Vierte über seine inhaltliche Unsicherheit. Es sei, als habe sich die Partei nach einem röhrenden Porsche und einem glitzernden Maserati nun einen brummenden Skoda-Gebrauchtwagen zugelegt, hörte man es in Berlin raunen.

Ein Satz wie ein Fanal

Mitten in die schleichende Hofreiter-Demontage platzt nun die Nachricht von seiner Steuerhinterziehung - vielleicht ist sie sogar aus den eigenen Reihen an die "Bild"-Zeitung lanciert worden. Hofreiter hat jahrelang keine Steuern für seine Zweitwohnung gezahlt. Eigentlich eine Lappalie, es geht um 2475 Euro. Aber da Hofreiter sich ausgerechnet in Steuerdebatten auf ein hohes moralisches Ross gesetzt hat, fällt er nun besonders tief. Hofreiter schwadronierte noch vor wenigen Wochen, dass Steuerhinterzieher "das Gemeinwesen bestehlen", dass das "keine Kavalierdelikte" seien und dass jeder, der einem Steuerhinterzieher den Arm um die Schuler lege, "abstoßende Doppelmoral" zeige. In einer Presseerklärung, die nun auf seiner Homepage unter seiner eigenen Entschuldigung steht, schreibt Hofreiter im Gestus des Pharisäers über Uli Hoeneß: "Moralisch diskreditiert ist Uli Hoeneß schon jetzt. Adidas, VW oder Audi halten im Bayern-Aufsichtsrat trotzdem zu ihm. Das ist ein Skandal. Wer in ihren Unternehmen einen Diebstahl begehen würde, würde rausfliegen."

Dieser Satz wirkt nun wie ein Fanal für Hofreiter selbst. Wäre man nicht mitten in der heißen Phase des Europa-Wahlkampfes, Hofreiter hätte bereits zurücktreten müssen. So wie einst Cem Özdemir, der 2002 nach einer finanziellen Unregelmäßigkeit als Fraktionschef zurücktrat und so seine Ehre wiedererlangte. Nun aber muss Hofreiter wie ein angeschlagener Ritter der traurigen Gestalt durchhalten bis zum Wahltag am 25. Mai. Sein Fall wird wohl an die Staatsanwaltschaft gehen. Nach einer Verwaltungsvorschrift sind Verfahren bei Steuerstraftaten von Bundestagsabgeordneten an diese zu übergeben.

Die Konkurrenzparteien nutzen die peinliche Lage Hofreiters im Wahlkampf genüsslich aus. FDP-Generalsekretärin Nicola Beer befindet: "Höhere Steuern fordern und dann selbst keine zahlen, das ist die Doppelmoral der Grünen." Doch der Schaden für die Grünen geht über diesen Wahlkampf hinaus. Erst am Freitag hatte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble angekündigt, die von den Finanzministern der Länder beschlossene Verschärfung der Regeln für Bürger, die ihre Steuern nicht zahlen oder hinterziehen, beschleunigt umzusetzen. Kein Bürger kann sich der Verfolgung mit der Ausrede entziehen, die Meldung der steuerpflichtigen Umstände sei ihm "einfach durchgerutscht". Wie wollen die Grünen zu Steuerfragen noch selbstbewusst Positionen beziehen? Der Name Hofreiter reicht, um das Gelächter des Publikums auszulösen.

Hofreiter weiß um seine verzweifelte Lage und hat sich offenherzig entschuldigt. Er würde nach Canossa laufen, wenn es noch eines gäbe, und ist nach eigenen Angaben "tief zerknirscht". Das kann man ihm glauben, denn er ist ein gefühliger Mann, der es tatsächlich mit Blumen hat und in einer freien Stunde gern Pralinen fertigt, um sie zu verschenken. Seine Lage erinnert an eine Geschichte, die er selber über seinen Forschungsaufenthalt als Tropenbiologe in den Anden erzählt: "Ich habe Fotos gemacht und Ökosysteme dokumentiert, oft in entlegenen Gegenden. Einmal habe ich mir in Peru Wadenbein und Knöchel gebrochen. Es war so steil, dass man nicht einmal mit einem Esel vorangekommen wäre. Ich musste eineinhalb Tage zu Fuß hinunter humpeln und drei weitere im Bus und per Anhalter fahren, bis ich in Lima endlich auf ein Krankenhaus stieß." Im Moment humpelt er politisch verletzt umher. Ob er das Krankenhaus der politischen Rekonvaleszenz ohne Rücktritt überhaupt noch erreichen kann, ist eher zweifelhaft.

Quelle: ntv.de