Pressestimmen

Festnahme von Fifa-Funktionären "Saustall steht kurz vor seiner Ausmistung"

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Wenige Tage vor der geplanten Wiederwahl von Fifa-Präsident Sepp Blatter wird der Weltfußball durch einen massiven Korruptionsskandal erschüttert: Auf Ersuchen der New Yorker Staatsanwaltschaft nehmen Zivilfahnder in Zürich sieben hochrangige Fifa-Funktionäre wegen Korruptionsvorwürfen fest. Darunter sind mit Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo zwei Vizepräsidenten des mächtigen Fußball-Weltverbandes. Gegen Chef Blatter gibt es keine offiziellen Vorwürfe. Er "bleibt die 'heilige Kuh'" und ruft damit teils heftige Reaktionen in der deutschen Presse hervor.

"Die Folgen dieses Zugriffs könnten die Welt des Fußballs wie ein Erdbeben erschüttern. Denn dieses Mal ist die Wahrheit umzingelt", schreibt die in Berlin herausgegebene Welt. Der Kommentator ist überzeugt, dass nun Licht ins Dunkel gebracht werden könne: "Denn neben den Daten und Computern, die von der Schweizer Polizei ebenfalls sichergestellt wurden, sind es vor allem die verhafteten Fifa-Funktionäre, von denen nun die Wahrheit zu erwarten ist, so kurios das klingen mag. Bei der Schwere der Vorwürfe und zu erwartenden Strafmaße wird wohl kaum ein Täter dem Angebot widerstehen können, als Kronzeuge die eigene Position zu verbessern".

Optimistisch gibt sich auch der Mannheimer Morgen: "Der 27. Mai 2015 wird als der Tag in die Geschichte eingehen, der den Anfang vom Ende des mafiösen Systems Fifa mit Blatter an der Spitze markiert.(…) Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann die kriminellen Strukturen im Weltverband nachgewiesen werden können, in deren Mittelpunkt die Person Blatter steht, auch wenn er seine Hände immer in Unschuld gewaschen hat. Damit ist es nun zum Glück vorbei: Der Zürcher Saustall steht kurz vor seiner Ausmistung".

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung erhebt schwere Vorwürfe gegen den Fifa-Boss Blatter, der "seine Hände (...) wieder einmal in Unschuld wäscht": "Blatters jahrzehntelange Untätigkeit ist die Quelle eines unermesslichen Image-Schadens für die Fifa. Dabei spielt es keine Rolle, ob er die der Korruption verdächtigten Kollegen gewähren ließ oder ihnen nicht beikommen konnte. Als Oberhaupt wäre es seine Aufgabe gewesen, den Verband vom Ruf einer korrupten Funktionärsclique zu befreien. Er trägt die politische Verantwortung für ein Desaster, das weit über den Fußball hinausreicht. Denn der Fifa-Schmuddel färbt ab".

Konsequenzen fordert auch die Stuttgarter Zeitung: Blatter "ist seit 1998 das Oberhaupt dieser ehrenwerten Familie und müsste endlich persönlich die Verantwortung für diesen Augiasstall übernehmen. Mehr denn je benötigt die Fifa einen Neuanfang. Ohne seinen Paten".

Die Schwäbischen Zeitung aus Ravensburg ist überzeugt: "Der 79-jährige Schweizer, seit 1998 im Amt und seit der ersten Wahl von Schmiergeldverdächtigungen begleitet, wird sich am Freitag vermutlich erneut zum Fifa-Chef wählen lassen. Als wäre nichts geschehen". Und genau dies sei "der eigentliche Skandal hinter den Festnahmen und der Razzia in der Verbandszentrale in Zürich", so der Kommentator: "Selbstdarsteller Blatter hängt an der Macht wie eine Klette am Wollpullover, Personen unter ihm sind austauschbare Erfüllungsgehilfen. Dass die US-Justiz nun durchgreift und Unterstützung von den Schweizer Behörden erhält, ist zwar überfällig. Doch unter Blatter wird die Fifa so selbstgerecht bleiben wie ihr Präsident. Wer von diesem Mann Offenheit, Ehrlichkeit und Aufklärung erwartet, ist ein Träumer".

Auch für die Berliner Zeitung ist es "nicht unwahrscheinlich, dass Blatter nun erst recht in seinem Amt bestätigt wird". Nach Ansicht des Blattes wäre es "naiv zu erwarten, dass nun ein Ruck durch die Mitgliederverbände und ihre saturierten Repräsentanten gehe". Keineswegs ausgeschlossen aber sei, "dass Mario Götze das letzte Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft der Männer erzielt hat, wie wir sie kannten".

Der Tagesspiegel stellt - in Anbetracht des von der Bundesstaatsanwaltschaft eröffneten Strafverfahrens im Zusammenhang mit den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022 - die Frage nach den Aussichten eines WM-Boykotts. Und kommt zu dem Schluss: "Der würde nur funktionieren, wenn alle mitmachen, Sponsoren, Fernsehanstalten und die Fans. Solange die Fifa die WM sicher in ihren Händen hält, hat sie auch die Fans in ihrer Hand. Der europäische Verband Uefa könnte die Besten der Welt zu einer erweiterten EM einladen und die Fifa ausstechen. Aber auch europäische Funktionäre haben oft mitgemauschelt und beispielsweise für eine WM in der Wüste von Katar gestimmt". Und so lautet der Ratschlag aus Berlin: "So hoch der Preis dafür auch wäre - eine Milliardenentschädigung für Russland und Katar -, weniger als eine Neuvergabe der nächsten Turniere und eine Abwahl der Führung sollte man gar nicht erst versuchen. Sonst bleibt die Korruption treu an der Seite der Fifa. Bis dahin hilft nur der Traum, UN-Blauhelme besetzten die Fifa-Zentrale. Im Namen aller Fans des beliebtesten Spiels der Welt".

Zusammengestellt von Susanne Niedorf

Quelle: ntv.de