Pressestimmen

Solidarität nach Absturz "Wer trauert, ist nicht allein mit dem Leid"

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Es sind die traurigen Anlässe, die zusammenschweißen. Die sonst so streitlustigen Staaten Europas zeigen sich angesichts des Germanwings-Unglücks vereint wie selten. Frankreichs Einsatzkräfte helfen Deutschland und Spanien unermüdlich bei der Bergung der Opfer und werden für ihre Solidarität nicht nur von den Nachbarländern, sondern auch von der Presse gewürdigt.

"Die europäische Familie hat viel gestritten in den letzten Monaten und Jahren. So viel, dass mancher schon vergessen hat, dass man eine Familie ist", erinnert der Münchener Merkur. Doch nach dem Absturz von Flug 4U9525 in den französischen Alpen zeigt sich Europa "vereint im Schmerz". Dieser Absturz "im Herzen des Kontinents", bei dem dutzende Spanier und Deutsche starben, schweißt Europa zusammen. "Er führt uns inmitten eines Meeres von Tränen auch vor Augen, wie nah wir Europäer uns, jenseits des Gezänks um Euro und EZB, zu unserem Glück heute sind."

Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung erkennt die schlichtende Wirkung der Trauer. "In den vergangenen Jahren hat gerade Europa erleben müssen, wie schnell, vor dem Hintergrund der großen Krise, alte Ressentiments wieder in das Denken vieler Leute und das Handeln vieler Politiker eingedrungen sind." Nun erkennen Frankreich, Spanien und Deutschland, dass diese Streitigkeiten angesichts der verheerenden Flugkatastrophe in den Hintergrund rücken. Die Zeitung bekräftigt: "In Trauer vereint - das heißt auch, dass eine solche Tragödie uns manchmal eher zusammenzubringen vermag als der Alltag mit seinen oft nur vermeintlichen Gegensätzen und aufgebauschten Streitereien."

Die Welt schließt sich diesem Gedanken an und schreibt: "Die Repräsentanten der Republik - Deutschland, Frankreich, Spanien - spüren, dass sie aus dem Alltag heraustreten müssen, um Trost zu spenden und zu beweisen, dass es Gemeinschaft gibt." Gleichzeitig lobt das Blatt den Einsatz der französischen Helfer als "bewundernswert". Bewunderung gilt jedoch auch der Empathie, die den Angehörigen der Opfer entgegengebracht wird. Ohne sie ist die Verarbeitung der Ereignisse noch schwerer, denn "Schmerz macht einsam. Am Ende aber ist, wer trauert, nicht allein mit dem Leid."

Dass Staatsoberhäupter und Politiker ihre Trauer so offen zeigen dürfen, hänge auch mit einer neuen Zeitordnung zusammen, stellt der Tagesspiegel aus Berlin fest. "Anders als vor 20 oder 30 Jahren, als es in der Generation der vom Krieg seelisch und körperlich verwundeten Menschen als unschicklich galt, Gefühle öffentlich zu zeigen, werten wir es nun als Zeichen der Empathie, wenn der Bundespräsident, den Tränen nahe, eine Südamerikareise abbricht, oder wenn die Bundeskanzlerin, zusammen mit dem französischen Präsidenten und dem spanischen Regierungschef, an den Ort des furchtbaren Geschehens fliegt, um den Hilfskräften für ihren Einsatz zu danken."

Diesen zum Teil pathetischen Worten der Presse widersetzt sich die Ludwigsburger Kreiszeitung entschieden, wenn sie die offensichtliche Trauer der Politiker mit der Sensationslust der Bürger erklärt. "Die Menschen wollen Bilder, die ihre Oberen zeigen, wie sie irgendetwas tun. Egal was", schreibt die Zeitung nüchtern. Auch die Tatsache, dass Bundespräsident Gauck seine Südamerika-Reise abbreche, helfe nicht. "Wahrscheinlich können wir gar nicht anders. Nicht die Medien, nicht die Politiker, nicht die Bürger." Man solle sich selbstkritisch seiner Taten bewusst werden "und es nicht übertreiben."

Zusammengestellt von Katja Belousova.

Quelle: ntv.de

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