Ratgeber

Meerblick statt Mietwohnung Sind wir jetzt alle Digitalnomaden?

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Der Traum vom Büro unter Palmen. In Pandemiezeiten kann er Wirklichkeit werden.

(Foto: REUTERS)

Digitale Nomaden bereisen als Freiberufler die Welt. Das Konzept klingt auch für Festangestellte verlockend, die jetzt dauerhaft im Homeoffice sind. Also: Rückzug auf die Insel. Kann das klappen?

Die Corona-Pandemie beschleunigt die Debatte über Arbeitsmodelle. Effizienz und Sinnhaftigkeit des Homeoffices zum Beispiel waren lange umstritten, nun sehen viele Firmen notgedrungen, wie gut es doch funktionieren kann. Wenn es also nicht mehr nötig ist, dass die Beschäftigten eines Unternehmens zusammenkommen, kann man seinen Arbeitsplatz dann nicht auch an einen neuen, aufregenden Ort verlegen?

Raus aus dem Trott, ein neues Land kennenlernen oder sich an einem abgelegenen Ort voll auf ein Projekt konzentrieren und nebenbei weiter Geld verdienen: Digital-Nomaden sind in der Regel Freelancer, die einer Tätigkeit nachgehen, die rein digital funktioniert und somit von jedem Ort der Welt möglich ist. Eine Internetverbindung vorausgesetzt. Webdesigner etwa, Programmierer oder Blogger.

Und nicht nur die: "Arbeiten läuft bei mir genauso, wie bei vielen anderen Leuten im Homeoffice. In meiner Freizeit erkunde ich dann das Land", erzählt Carolin Müller. Die Diplom-Psychologin bietet therapeutische Online-Beratungen an und reist seit sechs Jahren als digitale Nomadin um die Welt. Sie betont, dass dieser Lebensstil sehr viel Planung und Selbstdisziplin erfordert, da digitale Nomaden selbstständige Unternehmer sind.

Unternehmen müssen mehr Autonomie ermöglichen

Festangestellte Arbeitnehmer müssten sich da natürlich nach ihrem Arbeitgeber richten. Aber ist es realistisch, dass der mitspielt? "Bislang gibt es eigentlich nur einen geringen Teil der Festangestellten in Deutschland, deren Arbeit vollständig ortsunabhängig funktioniert, dazu zählen überwiegend Bürotätigkeiten", sagt Romana Dreyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Universität Hamburg.

Die Unternehmensstrukturen müssten sich ihrer Einschätzung nach nicht zwangsläufig stark ändern, damit ortsunabhängiges Arbeiten reibungslos abläuft. "Allerdings ist der technologische Aufwand natürlich größer. Was sich aber in vielen Firmen verändern müsste, wäre die Aufgabengestaltung, denn diese müsste den Arbeitnehmern größere Autonomie und Flexibilität zugestehen", so Dreyer, die im Bereich der Arbeits- und Organisationspsychologie zum Thema entgrenzte Arbeit und psychische Gesundheit forscht.

Arbeiten, von wo auch immer: Grundsätzlich machbar

Den zwischenmenschlichen Aspekt solle man ebenfalls nicht unterschätzen. Spontane Gespräche mit Kollegen etwa fallen weg, obwohl sie oft wichtig für den Teamgeist und die Kommunikation untereinander sind. Ebenso könnten Mitarbeiter aus der Distanz oft nicht sehen, wie ihre Arbeit bei den Kollegen ankommt. Hier sollte unbedingt auf regelmäßiges Feedback und Wertschätzung geachtet werden.

Auch für die Kollegen vor Ort ist die Zusammenarbeit mit jemandem, den man fast nie sieht, eine Umstellung. "Das wichtigste sind eine gute Planung und Kommunikation, sowie gegenseitiges Vertrauen im Team, dass Absprachen eingehalten und Aufgaben erledigt werden, sobald es den reisenden Kollegen eben möglich ist. Grundsätzlich halte ich das für machbar", sagt Dreyer.

Unfall- und Sozialversicherung im Ausland beachten

Und wie sieht es rechtlich aus? Prinzipiell ist es möglich, den Arbeitsplatz nach Absprache mit dem Arbeitgeber jenseits des eigenen Wohnorts zu verlegen. "Allerdings gibt es für viele Aspekte dieser Thematik noch keine genauen Regelungen, etwa was die Gewährleistung des Datenschutzes, Arbeitsschutzes und des Arbeitszeitnachweises angeht", erklärt die Arbeitsrechtsexpertin Miruna Xenocrat vom Arbeitnehmerhilfe-Verein Berlin.

Die gesetzliche Unfallversicherung kommt außerdem nur für Arbeitsunfälle auf. Arbeitet man etwa unterwegs in einem Café und kippt einem jemand versehentlich heißen Kaffee über den Schoß, greift der Unfallschutz nicht unbedingt. Es ist also ratsam, den privaten Versicherungsschutz entsprechend anzupassen.

Innerhalb der EU wird ein Arbeitnehmer, der über 25 Prozent seiner Arbeitsleistung im Ausland erbringt, dort auch sozialversicherungspflichtig. Für die besondere Situation digitaler Nomaden, die permanent unterwegs sind, gibt es aber keine eindeutigen Regelungen. Hier sollte man sich im Zweifelsfall von den Sozialversicherungsträgern beraten lassen, empfiehlt Xenocrat.

Wen multilokales Arbeiten bereichert

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Das digitale Nomadentum ist ein Lebensstil mit Herausforderungen. Es lohnt sich also, genau zu wissen, warum man sich dazu entscheidet. Eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbstreflexion kann helfen, nicht schon nach kurzer Zeit die Motivation zu verlieren. Arbeitnehmer sollten ihre Motivation und Erwartungen in jedem Fall mit Vorgesetzten und Kollegen besprechen, um sie an Bord zu holen.

Wem das gelingt, der kann den Lebensstil als sehr bereichernd erleben. Arbeiten, von wo immer man möchte, kann nämlich die sogenannte Selbstwirksamkeit fördern, wie Psychologin Romana Dreyer erklärt. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, besonders im Umgang mit neuen, ungewohnten Situationen, sei dann größer, auch im Job. Wenn es zudem eine starke Vertrauenskultur im Unternehmen gibt, könne sich dies auch insgesamt positiv auf das Team auswirken und zu einem Innovationstreiber werden.

Quelle: ntv.de, Victoria Vosseberg, dpa