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Au-Pairs sind auch für Alleinerziehende eine Option.
Au-Pairs sind auch für Alleinerziehende eine Option.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 29. April 2018

Leben mit Au-pair: Worauf Familien achten müssen

Viele Familien holen sich bei der Betreuung ihrer Kinder die Hilfe von Au-pairs. Doch dabei gilt es einiges zu beachten - denn nicht für jede Familie eignet sich dieses Betreuungsmodell.

Halima Lohbeck und ihr Mann sind nicht nur Eltern, sondern auch Juristen. Das bedeutet: Sie sind oft in kurzfristigen Meetings, haben lange Arbeitstage und regelmäßige Geschäftsreisen. Arbeit und Kinderbetreuung lassen sich dabei nicht immer gut vereinen, vor allem weil die Familie keine Verwandtschaft in der Nähe hat. Und so kam es, dass sich die Familie vor zwei Jahren das erste Au-pair zur Unterstützung holte. Seither lebten drei junge Frauen bei den Lohbecks.

"Bei uns ist berufsbedingt kein Tag wie der andere", sagt Lohbeck. Mal müssen ihr Mann und sie länger arbeiten, mal wird ihr fünf- oder ihr siebenjähriger Sohn krank. In solchen Fällen benötigt die Familie kurzfristig Unterstützung. Genau diese Spontaneität fehle den meisten Babysittern. "Wir suchten nach einer festen Vertrauensperson, die für unsere Söhne eine Art große Schwester ist."

Viel Flexibilität, wenig Privatsphäre

Ein Au-pair, so schien es, ist eine gute Lösung. Auf eine Vermittlungsagentur verzichtete die Familie damals und vernetzte sich direkt im Internet mit einer 19-jährigen Spanierin, die dann für drei Monate zu den Lohbecks kam. Ein Glückstreffer. "Die Kinder und sie waren vom ersten Abend an ein Herz und eine Seele", sagt die Mutter. Die junge Spanierin sei herzlich gewesen, habe sich in die Familie integriert und ihre Arbeit mit viel Liebe und Verantwortung ausgeführt.

Schnell sah Lohbeck die Vorteile eines Au-pairs. Sie sei viel flexibler gewesen. War ihr Mann auf Geschäftsreisen, konnte sie sich spontan mit Freunden treffen oder zum Sport gehen. Doch diese Flexibilität hat auch ihren Preis: Ist ein Au-pair in der Familie, bleibt wenig Privatsphäre.

Im Normalfall lebt das Au-pair bei der Familie und soll in diese auch integriert werden. So schreiben es die Richtlinien für Au-pairs in Europa vor. "Ein Au-pair hat das Recht auf ein eigenes abschließbares Zimmer", sagt Cordula Walter-Bolhöfer, Geschäftsführerin der Gütegemeinschaft Au-pair.

In diesen Richtlinien steht auch, was ihre Aufgaben sind: Bis zu 30 Stunden müssen sie in der Woche arbeiten. In dieser Zeit sollen sie - je nach Absprache mit den Familien - die Kinder betreuen. Das kann bedeutet, sie von der Schule abzuholen, sie zum Musikunterricht zu fahren oder ihnen zu Hause eine kleine Mahlzeit zuzubereiten. In der Regel kommen zwei Abende in der Woche hinzu, an denen sie babysitten.

Auch leichte Hausarbeiten übernehmen sie. Dazu zählt das Saugen des Kinderzimmers, das Ein- und Ausräumen der Spülmaschine oder das Falten der Kinderwäsche. "Die Au-pairs sind aber keine Haushaltshilfen, die das Elternschlafzimmer putzen oder die kranke Oma beaufsichtigen müssen", sagt Walter-Bolhöfer.

Soziale Kompetenz erhöht sich bei mehreren Bezugspersonen

Die Familie wiederum kommt für die Kost und Logis des Au-pairs auf, muss ein monatliches Taschengeld von 260 Euro zahlen, 50 Euro zu einem Sprachkurs dazugeben und monatlich etwa 40 Euro für die Kranken-, Haftpflicht- und Unfallversicherung des Gastes zahlen.

Ein Geben und Nehmen also, das gut funktionieren kann. Auch Diplom-Psychologin Barbara Gmöhling-Schlögl sieht in dem Modell Vorteile für die Kinder, allerdings nur unter bestimmten Bedingungen: "Sind die Kinder im Vor- oder Grundschulalter, handelt es sich bei der Familie um eine stabile Gemeinschaft, in der die Eltern ihre Rollen bereits gefestigt haben." Hier kann sich ein Au-pair auf die Entwicklung eines Kindes positiv auswirken.

So haben Untersuchungen gezeigt, dass sich die soziale Kompetenz eines Kindes erhöht, wenn es zu mehreren Bezugspersonen Bindungen aufbaut. In manchen Situationen allerdings rät die Psychologin davon ab. Zum Beispiel, wenn die Kinder noch sehr klein sind, oder wenn die Eltern viel arbeiten und das Au-pair die eigentliche Bezugsperson wie Vater oder Mutter ersetzen würde. Auch kämen zu kleine Kinder mit dem Trennungsschmerz, wenn das Au-pair die Familie wieder verlässt, noch nicht gut klar. Grundsätzlich empfiehlt sie, dass ein Au-pair ein Jahr lang bleibt und die Familie nicht mehr als zwei oder drei hintereinander beschäftigt.

Lohbeck hätte sich auch gewünscht, dass ihr erstes Au-pair länger bleibt, doch das war nicht möglich. Direkt nach der Spanierin kam eine Neue, eine Ukrainerin, die die Familie mit Hilfe einer Agentur fand. Ein Jahr lang blieb die junge Frau, richtig zufrieden war die Familie aber nicht. "Sie hat ihren Job zwar gut gemacht, doch mit uns als Familie wollte sie wenig zu tun haben." Lohbeck hatte das Gefühl, dem Au-pair ging es nicht um die Kinder, sondern darum, sich eine dauerhafte Existenz in Deutschland aufzubauen.

Im Oktober 2017 kam das dritte Au-pair, wieder über die Agentur. Doch schon nach gut zwei Wochen schickte die Familie die 18-jährige Frau zurück. Sie war überfordert mit den vielen Aufgaben im Alltag. Ein viertes Au-pair will die Familie erst einmal nicht haben.

Lohbeck hat den Eindruck, dass viele Au-pairs gar nicht wissen, was dieser Job eigentlich bedeutet. Um das zu vermeiden, empfiehlt Walter-Bolhöfer, trotz manch negativer Erfahrung wie bei Familie Lohbeck trotzdem mit Agenturen zusammenzuarbeiten. Denn die meisten Agenturen achten darauf, die jungen Menschen auf ihre Aufgabe und die Familien auf ihren Gast vorzubereiten.

Quelle: n-tv.de