Vor EZB-EntscheidZinsen für Festgeld steigen spürbar, bei Tagesgeld noch Luft nach oben

Heute steht erneut ein EZB-Zinsentscheid an. Nicht wenige Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Währungshüter die Leitzinsen um ein Viertelprozent anheben werden. Die Realzinsen durchschnittlicher Sparanlagen sind derzeit aber meist noch im Minusbereich.
Parken Banken und Sparkassen Geld bei der Europäischen Zentralbank (EZB), erhalten sie derzeit dafür noch 2,00 Prozent Zinsen. Heute steht erneut ein Zinsentscheid der Notenbanker an. Erwartet wird, dass die EZB den Zins unverändert lässt, trotz des Anstiegs der Teuerungsrate auf aktuell 3,2 Prozent im Euroraum.
Schon vor einer möglichen Leitzinserhöhung der EZB haben viele Banken ihre Festgeldzinsen angehoben. Die Durchschnittszinsen bundesweit verfügbarer Angebote mit zwei Jahren Laufzeit sind seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs um mehr als ein Viertelprozent von 2,07 auf aktuell 2,34 Prozent gestiegen. Vor einem Jahr standen die Zinsen im Schnitt bei glatt 2 Prozent.
Bei den Festgeldern mit fünf Jahren Laufzeit ging es ebenfalls nach oben. Hier stiegen die Durchschnittszinsen seit Kriegsbeginn von 2,39 auf aktuell 2,48 Prozent. Festgelder mit sehr langen Laufzeiten von zehn Jahren kletterten von 2,72 auf 2,80 Prozent, was dem höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren entspricht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Auswertung des Vergleichsportals Verivox.
Wichtiger als der nominelle Zinssatz ist für Sparer aber der Realzins - also die tatsächliche Wertentwicklung ihrer Anlagen unter Berücksichtigung der inflationsbedingten Teuerung. Bei einer Inflationsrate von aktuell 3,2 Prozent bringen durchschnittliche Festgelder unabhängig von der Laufzeit derzeit eine negative Realrendite.
Wer sein Geld in durchschnittlich verzinsten Sparprodukten anlegt, wird gemessen an der realen Kaufkraft gegenwärtig ärmer. Derzeit finden Sparer im Markt auch nur ein Festgeldangebot, das zumindest auf Höhe der Teuerung liegt. Die marktweit höchsten Zinsen für Anlagen mit zwei Jahren Laufzeit etwa liegen aktuell bei 3,2 Prozent (J&T Direktbank aus Tschechien).
Vier Prozent sind drin - kurzfristig
Beim Tagesgeld ging es bei den regulären Bestandskundenzinsen nur geringfügig nach oben. Im Schnitt liegen die Zinsen bundesweit verfügbarer Angebote derzeit bei 1,34 Prozent. Sie sind seit Ausbruch des Iran-Kriegs um 0,04 Prozentpunkte gestiegen. Vor einem Jahr standen sie bei 1,27 Prozent. Ebenfalls nahezu unverändert, aber auf einem deutlich niedrigeren Niveau, verharren die Tagesgeldzinsen bei den örtlichen Sparkassen im Schnitt bei 0,38 Prozent und bei den regionalen Genossenschaftsbanken bei 0,44 Prozent.
Dafür nimmt die Zins-Rally bei den Aktionsangeboten mit befristeten Neukundenkonditionen immer mehr Fahrt auf: Am 20. Mai ist Chase, die Digitalbank der amerikanischen Großbank J.P. Morgan, mit einem Tagesgeldzins von temporär 4 Prozent in Deutschland gestartet. Das war zu diesem Zeitpunkt mit Abstand der höchste Zins im Markt. Aber schon einen Tag später zog die Norisbank nach. Die Direktbank im Deutsche-Bank-Konzern bietet Neukunden unter bestimmten Bedingungen seitdem ebenfalls 4 Prozent.
Bei Chase gilt der hohe Zinssatz für vier Monate, danach greift der reguläre Bestandskundenzins von aktuell 2 Prozent. Bei der Norisbank müssen Sparer auch ein Girokonto eröffnen, um sich die hohen Zinsen zu sichern. Dafür gelten sie hier für ein halbes Jahr, bevor der reguläre Zinssatz von aktuell 0,75 Prozent greift.
Lange gab es Tagesgeldangebote mit hohen, aber befristeten Aktionszinsen vor allem bei überregionalen Banken. Doch inzwischen mischen im Wettbewerb um neue Spargelder auch Sparkassen mit. Zuletzt hat etwa die Stadtsparkasse Remscheid ein Aktionsangebot mit einem vier Monate gültigen Tagesgeldzins von 3,1 Prozent aufgelegt. Der reguläre Bestandskundenzins liegt aktuell bei 0,5 Prozent. Anders als bei den meisten überregionalen Banken gelten die Sonderkonditionen hier nicht nur für neue Kunden, sondern insbesondere auch für Bestandskunden, die ihre Einlagen aufstocken.
Ähnliche Aktionsangebote haben in den letzten Wochen etwa auch die Sparkassen in Hannover und Braunschweig sowie die Sparkasse Hildesheim Goslar Peine und die Sparkasse Celle Gifhorn Wolfsburg gestartet.
Wie sich die Sparzinsen in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln, wird auch von der anstehenden EZB-Entscheidung abhängen. "Wir gehen davon aus, dass die Währungshüter die Leitzinsen auf ihrer Notenbanksitzung um ein Viertelprozent anheben werden", sagt Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. "In dem Fall dürfte sich der Zinsanstieg beim Festgeld in ähnlichem Tempo wie zuletzt fortsetzen. Auch die durchschnittlichen Bestandskundenzinsen beim Tagesgeld dürften nach einer Zinserhöhung wieder etwas stärker anziehen, allerdings zumindest in der Breite des Marktes nicht zwangsläufig sofort und in derselben Höhe wie die EZB-Zinssätze. In der Vergangenheit haben viele Banken höhere Zinsen erst mit etwas Zeitversatz und auch nicht immer in vollem Umfang an ihre Tagesgeldanleger weitergegeben."