Reise
400 PS starke Kundendienstleister: Pistenbullys auf dem Hintertuxer Gletscher.
400 PS starke Kundendienstleister: Pistenbullys auf dem Hintertuxer Gletscher.(Foto: Tobias Nordmann)
Mittwoch, 27. Dezember 2017

Was passiert, wenn der Gast ruht: Die unsichtbaren Pistenheinzelmännchen

Von Tobias Nordmann, Tuxertal

Rund 60 Pistenkilometer, bis zu 10.000 Brettl-Sportler, Schnee, Regen, Wind - für die Bully-Crew am Hintertuxer Gletscher ist jeder Tag Schwerstarbeit, mit unsicheren Arbeitszeiten. Denn was zählt, ist die perfekte Piste.

Wann Manfred Hochmuth und seine Männer Feierabend machen können, das bestimmt das Wetter - und ein kleines bisschen auch der Skifahrer. Die dringende Empfehlung zu einem pünktlichen Dienstende oder zu Überstunden kommt jeden Mittag. Sie kommt immer gegen 14 Uhr. Sie kommt auf Papier. Auf einem Papier mit Daten, mit drei besonders wichtigen: Mit der Wetter- und Neuschneeprognose bis zum nächsten Morgen und mit den Windgeschwindigkeiten. Manfred Hochmuth ist Flotten- und Pistenchef am Hintertuxer Gletscher, dem einzigen Ganzjahresskigebiet in Österreich. Seit 33 Jahren ist der Tuxer beinahe täglich auf "seinem" Berg. Er liest die Daten, er trifft die Entscheidung. 60 Kilometer Piste hat er zu betreuen und verantworten. 60 Kilometer Piste, die morgens für die Sportler unberührt schön, nachmittags von den Brett'l-Athleten wild "z'sammgefahren" sind.

Zahlen & Fakten zum Skigebiet
  • Die Region Tux-Finkenberg besteht aus den Skigebieten Penken, Rastkogel und Eggalm und dem Hintertuxer Gletscher, die sich zur Ski- und Gletscherwelt Zillertal 3000 verbinden.

  • Das Skigebiet Ski- und Gletscherwelt Zillertal 3000 (mit Mayrhofen) umfasst 196 Pistenkilometer. Insgesamt stehen 65 Lifte zur Verfügung, darunter unter anderem die neue 10er-Gondel von Finkenberg auf den Penken.

  • Während der Monate Mai bis November war der Gletscher in diesem Jahr unter anderem Trainingsort von 57 Nationen - Nationalmannschaften, Nachwuchsteams und Renncamps. Bis zu 17.000 Sportler trainieren während der Monate auf den Trainingspisten.

  • Insider-Tipp: Besuch des Natureispalasts am Gletscher, eine Eishöhle rund 25 Meter unter den präparierten Pisten, samt Bootsfahrt auf dem unterirdischen Gletschersee.

  • Hoteltipp: Viersterne-Haus Hotel Central, Lanersbach 433, 6293 Tux. vital-central.at

  • Informationen zur Region und Buchung: Tourismusverband Tux-Finkenberg, Tel.: 0043/5287/8560, Mail: info@tux.at; www.tux.at

Der Entschluss über Arbeit und Freizeit fällt zwei Stunden nach "High Noon": Weitere 30 Zentimeter Neuschnee sind für diesen letzten Samstagmittag vor Weihnachten angekündigt. Das Tal liegt bereits unter einer tiefwinterlichen Schneedecke, selbst die niedrigeren Gebiete Eggalm, Rastkogel und Penken haben auf ihren teilweise sportlich anspruchsvollen und vielerorts familien- und kinderfreundlichen Pisten bereits beste Verhältnisse bis ganz hinab. Die urigen Berghütten im gerade erst erweiterten Naturpark Zillertal werben mit dem perfekten Winteridyll, mit langen Wanderwegen und zünftigen Rodelabfahrten nach einem kräftigen Käsefondue und einem Mut machenden Schnapserl, die Langlaufen-Loipen im Tal sind gespurt. Für die Männer auf dem Gletscher bedeutet der angekündigte nächste Schneenachschub nun aber erstmal: Feierabend.

"Heute noch die Pisten zu präparieren hat keinen Sinn, dann haben wir morgen früh den ganzen Schnee drin", sagt der Chef. Für seine Mannschaft, die wegen Schneefalls in der Nacht zuvor bereits seit vier Uhr in den Cockpits der Pistenbullys gesessen hatte, ist das eine gute Nachricht - allerdings mit dem Subtext: Morgen geht es erneut um vier los. "Die Piste", sagt Matthias Dengg, Chef der Zillertaler Gletscherbahn und damit auch von Manfred Hochmuth, "ist das Produkt, das wir verkaufen." Ist die Piste gut, sind die Gäste glücklich: Knapp 1,4 Millionen - 900.000 im Winter - kamen im letzten Tourismus-Jahr in die Region Tux-Finkenberg, die mit rund 8000 Betten auslastungsstärkste Destination Tirols, ein urgemütliches und schneesicheres Hochtal ganz am Ende der Zillertaler Alpen.

Zwischen Formel 1 und Flugzeug

Sonntagmorgen, 4 Uhr, Dienstbeginn. Während in den stets hoch frequentierten und von allen Stars der Szene besuchten Apres-Ski-Bars die letzte Runde geordert wird, die anderen Gäste im Tiefschlaf in ihren Unterkünften liegen, geht es für Hochmuth und sein Team auf den Berg. Das Protokoll folgt einer eingeübten und fixen Routine, denn wenn um 8.15 Uhr die ersten Gäste auf 1500 Metern in die Gletscherbusse - so heißen die Gondeln - einsteigen und sich aufs Vergnügen auf den Naturschneeabfahrten in über 3000 Metern Höhe freuen, muss die Bully-Armada sich wieder unsichtbar machen. Hochmuth hat seine Männer eingeteilt. Die Piloten der Windenfahrzeuge - sie sind auf den steilen Pisten per Stahlseil und Hakenkonstruktion gesichert im Einsatz - fahren allein, der Rest in Kolonne. In jedem der hochmodernen Cockpits mit Formel-1-ähnlicher Lenkung und einem für Laien unüberschaubaren Tastenboard sitzt je nur ein Mann. Frauen, wie es sie in Nordamerika häufiger am Steuer gibt, haben sie in Tux noch nicht im Team. "Das wird schon noch kommen", glaubt Hochmuth. Bis ein Fahrer den Bully mit all seinen Tricks beherrscht und den Gletscher bestens kennt, vergehen übrigen zwei bis drei Saisons.

Ein futuristisches Cockpit - nichts für Anfänger.
Ein futuristisches Cockpit - nichts für Anfänger.(Foto: Tobias Nordmann)

Nach und nach werden die Bullys aus den Garagen ausgeparkt, über Eisenschienen rattern die 400 PS starken Maschinen mit ihren spitzen Metallspikes geräuschvoll rückwärts in den Schnee. Licht an. Radio an. Funk an. Dann teilt sich die Crew auf. Nur selten gibt es Verkehr über Funk. Obwohl ein Team, ist jeder Fahrer für sich. Von den insgesamt 13 Bullys sind 11 im Einsatz. Bis zu 5000 Liter Diesel verfahren die roten Kettenfahrzeuge täglich. Treibstoff, der mühsam auf den Berg gebracht wird, per Tankwagen im Sommer, per Gondeltransport (Fass für Fass) im Winter.

Ein Fahrzeug bleibt heute in der Garage, ein weiteres ist immer beim Gletschter-Tüv. "Alle 600 Stunden werden die Maschinen einmal komplett gecheckt", erklärt der Flottenchef. Denn in bis zu 3250 Metern Höhe, bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad und mitunter heftigem Gegenwind von bis zu 100 km/h (drüber wird es zu gefährlich) werden die Bullys extrem beansprucht. Die Sicht an diesem Sonntag ist schlecht. Zäher Nebel hängt auf der Gletscherebene. Als Orientierung in dieser vom grellen Licht des Fahrzeugs angestrahlten weißen Wand dienen neonrote Holzstangen. Das Team hat sie selbst aufgestellt und buddelt sie nach Neuschnee immer wieder frei. Denn die fixen Auffahrtsrouten außerhalb der gesicherten Pisten sind wichtig. Gerade auf dem Gletscher, wo anders als in niedrigen Gebieten gefährliche Spalten lauern.

So klappt's auch mit dem Fahren auf Eis.
So klappt's auch mit dem Fahren auf Eis.(Foto: Tobias Nordmann)

In eingeübter Choreografie schiebt sich die Kolonne Spur für Spur mit bis zu 16 Kilometern pro Stunde nebeneinander den Berg hinauf und wieder herunter. Fährt die von den Brettl-Sportlern in fleißiger Heinzelmännchenarbeit aufgefahrenen Haufen platt, schiebt frischen Schnee auf und "fräst" ihn eben. "Je früher wir die Pisten machen, desto länger halten sie," sagt Hochmuth. Bedeutet: Wird nachmittags präpariert, kann die Piste aushärten und bleibt länger schön. Gibt es am Nachmittag und über Nacht viel weißen Niederschlag, verbindet sich der neue nicht so schnell mit dem alten, mit dem bereits gewalzten Schnee. Trotz frischer Präparation in den ganz frühen Morgenstunden wachsen die Haufen dann schnell. "Uns ist wichtig, dass die Gäste verstehen, warum die Pisten manchmal so unterschiedlich sind. Wir entscheiden immer nach bestem Wissen."

Sonnenschein-Belohnung oder Nebel-Frust

Läuft der Skibetrieb, ist der Tag für die Bullycrew längst nicht vorbei. Ein Teil des Teams kümmert sich gemeinsam mit zwei Mechanikern um die Betriebsfähigkeit der selbst auf Eis stabil fahrenden Ketten-Monster, ein anderer Teil befindet sich immer auf dem Gletscher, kontrolliert die Pistenmarkierungen, setzt neue Schilder, kümmert sich um den möglichen Abtransport von verletzten Sportlern oder versetzt Liftpfosten, wie in den kommenden Wochen am Olperer, dem höchsten Lift am Gletscher. Denn die Eismassen bewegen sich bis zu acht Metern im Jahr Richtung Tal. Ein ganz natürlicher Prozess, der immer wieder Revisionsarbeiten erfordert. "So ist kein Tag wieder der andere. Das ist Wahnsinn", sagt Hochmuth trotz seiner Routine von 33 Jahren. "Mal wirst du belohnt mit einem fantastischen Sonnenauf oder -untergang. Mal wird es brutal anstrengend, wenn du durch den Nebel fährst und vier, fünf Stunden kaum etwas anderes siehst als Weiß." Und es gibt diese Momente, die du nie vergisst. Glückliche und tragische.

"Ein Mädel ist mir besonders in Erinnerung geblieben", erzählt Hochmuth. "Ihre Freunde waren im Tal, da fiel ihnen auf, dass die Steffi (Name geändert) weg ist." Im Rausch der Abfahrt hatte sich die Gruppe getrennt. "Das Wetter war schlecht, wir hatten sehr viel Wind", erinnert sich Hochmuth. Mit den Bullys ging es zu der Stelle, wo Steffi das letzte Mal gesehen wurde. Einer Stelle außerhalb der gesicherten Pisten mit vielen Gletscherspalten. "Normalerweise siehst du Spuren im Schnee, der Wind hatte sie aber verblasen."

Der Pistenchef fährt an die gefährlichen Brüche heran - nichts. Er wendet seinen Bully und dreht ab. Er schaut kurz aus dem Fenster. Rechts. Doch noch eine kleine Spur, ein Bruch. "Den kannte ich nicht." Er steigt aus und hört die Schreie. Steffi liegt in einer Spalte, ist stark unterkühlt. Sie halluziniert bereits, wähnt Tote neben sich. "Wir haben den Heli bestellt, den erfahrensten Piloten. Der Wind hat es richtig schwer gemacht." Steffi wird geborgen und ins Krankenhaus geflogen. Sie überlebt beinahe unverletzt. Schreibt Wochen später einen Brief. Ein emotionales Dankeschön, eines, wie es die Bergcrew selten bekommt. "Das ist mir schon sehr nahe gegangen."

Genau wie der erste Tote. Es ist Ende der 80er-Jahre, als Hochmuth zum Ende der langen Wintersaison (sie geht von Oktober bis Mai) die letzten Markierungen von den Pisten holt. Hinter einem Schneefeld steht noch ein Schild im freiem Gelände. Er fährt seinen Bully so nah wie möglich heran, steigt aus, stapft über das Matsch- und Geröllfeld. "Ich habe mich die ganze Zeit gewundert, was da so komisch riecht", erinnert er sich. Er zieht die Markierung ab, rutscht aus und den Berg einen Meter hinab. Als er liegen bleibt, sieht er einen verwesten Körper. "Es war ein Wanderer, er galt seit den 70er-Jahren als vermisst." Eine riesige Schneewehe war von einem Bergkamm abgestürzt und hatte ihn unter sich begraben. "Das hat mir sehr zugesetzt." Anders als heute gab es damals noch kein Kriseninterventionsteam. Hochmuth verarbeitete das Erlebte mit sich und seinem Team.

Das Team steht in diesem rauen, sich ständig ändernden Umfeld ohnehin an oberster Stelle. "Wir brauchen diese absolute Verlässlichkeit, wir brauchen niemanden, der sein eigenes Ding macht." Und kommt es doch mal vor? "Dann gibt es eine Ansage", sagt Hochmuth und lacht laut. "Aber das kommt eher selten vor. Wir sind schon ein bisschen wie eine Familie." Und wie sich das für eine Familie gehört, wird auf der Hütte Tuxer Ferner in 2660 Metern Höhe auch zusammen gegessen, morgens, am Mittag oder abends. Und wie sieht's mit Skifahren aus? "Nur wenn das Wetter schön ist", sagt Hochmuth. "Und nie auf dem Gletscher." Die Pisten überlässt er lieber den anderen, den Gästen, bis zu 10.000 am Tag.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Pressereise entstanden.

Quelle: n-tv.de