Reise
Radfahren geht nur, bevor die Tage zu heiß werden.
Radfahren geht nur, bevor die Tage zu heiß werden.(Foto: dpa-tmn)
Mittwoch, 16. August 2017

Fahrradtrip in Namibia: Entschleunigt durch die karge Steinwüste

Die Schönheit des Nationalparks im Grenzgebiet zwischen Namibia und Südafrika erschließt sich erst auf den zweiten Blick - auf einer Radtour durch eine steinige Mondlandschaft. Vegetation und Fahrer müssen Dürre und Hitze gleichermaßen trotzen.

Die Zahlen, die Pieter Van Wyk vor der Kulisse des Fish River Canyons herunterbetet, sind unvorstellbar. Vor zwei Milliarden Jahren haben Vulkanausbrüche die Berge geschaffen, die hier im Südwesten Namibias noch immer am Horizont thronen. Der Biologe spricht von 2000 Millionen Jahren, so als wäre diese ungeheure Zeit damit greifbarer.

Erosion ließ im Laufe der Zeit die bis zu 550 Meter tiefen Canyons entstehen. Der Fluss, der sich hier in die Erdkruste eingeschnitten hat, hat deren bewegte Geschichte wie ein Buch offengelegt. Vor 300 Millionen Jahren schob sich ein Gletscher über die Senke. Auch das ist kaum vorstellbar. Schon morgens brennt die Sonne unerbittlich über der kargen Steinwüste, nur vereinzelt sträuben sich Büsche mit kleinsten, knochenharten Blättern gegen das Vertrocknen. Die Landschaft gehört zu einem Nationalpark mit dem etwas sperrigen Namen "/Ai/Ais-Richtersveld Transfrontier Park".

Die Einzigartigkeit der Region erschließt sich auf einer kurzen Stippvisite per Auto oder Reisebus kaum. Deshalb gibt es eine entschleunigte Variante: Desert Knights, eine Fahrradtour von Namibias Süden über den Grenzfluss Oranje in den südafrikanischen Norden. Zweimal jährlich, wenn die Temperaturen im April und September einigermaßen erträglich sind und der Vollmond auch nach Sonnenuntergang für ausreichend Licht sorgt, durchqueren bis zu 100 moderne Abenteurer die fast unheimliche Stille der Wüste. Ohne Stoppuhr, jeder in seinem Tempo.

Touristische Höhepunkte des Transfrontier Parks in einer Tour

Nicht nur auf dem Fahrrad: 20 Kilometer der Desert-Knights-Tour werden in Kajaks zurückgelegt.
Nicht nur auf dem Fahrrad: 20 Kilometer der Desert-Knights-Tour werden in Kajaks zurückgelegt.(Foto: dpa-tmn)

"Die Absicht war, die touristischen Höhepunkte des Transfrontier Parks in eine Tour zu packen", erklärt deren Erfinder Roland Vorwerk, Marketing-Manager bei der Agentur Boundless Southern Africa. Doch es sind längst nicht nur die hervorstechenden Landmarken, der Blick in den Canyon oder das Bad in den heißen Thermalquellen von "/Ai/Ais", die diese Tour ausmachen. Auf den 300 Kilometern, 20 davon per Kayak auf dem Oranje, ist vielmehr der Weg das Ziel.

Nach dem Warmfahren am ersten Tag führt die Etappe am nächsten Abend von Hobas, einem kleinen Campingplatz samt Ferienhäusern nahe des Canyons, nach "/Ai/Ais". "Heiß wie Feuer" bedeutet der Name in der Sprache der Nama, der sich auf das 65 Grad warme, schwefelhaltige Wasser der Quelle bezieht. Seit den frühen 1970er-Jahren ist hier ein kleines Ferienparadies mit einem wohltemperierten Pool entstanden.

Kaum kühler fühlt es sich in den späten Nachmittagsstunden jedoch auf der Schotterstraße an, die sich von Hobas aus gen Süden durch die welligen Weiten zieht. Ein erbarmungsloser, staubtrockener Gegenwind lässt selbst dann den Schweiß laufen, wenn es einmal leicht bergab geht. Im Westen fallen Sonnenstrahlen durch die Wolken über den Canyon. So lila-rot sind die Farben, dass das Panorama fast schon kitschig wirkt. Nur der Wind rauscht hier in den fast blattlosen Bleistiftsträuchern, einer robusten Euphorbien-Art, die für Menschen hochgiftig ist, Nashörnern und Kudu-Antilopen aber als Nahrung dient.

Sonst ist Ruhe, 68 lange Kilometer. Unterbrochen werden sie nur von drei Verpflegungsstationen, an denen die Radler Wasser und Energie tanken. Letztere in Form von Datteln, Keksen und Biltong, dem in Namibia und Südafrika allgegenwärtigen Trockenfleisch.

Ökosysteme des Parks sind bedroht

Welche Mythen das Leben in der Namib produzieren kann, zeigt sich am nächsten Tag. Bei der Durchquerung der verlassenen Farm Kanabeam treibt tiefer Sand in der einzigen Jeep-Spur die Radfahrer zur Verzweiflung. Den Eignern, so erzählt es die Lagerfeuerlegende, sollen ähnliche Gefühle bekannt gewesen sein.

Viel trinken muss sein. Manchmal muss aber auch einfach nur der Staub aus dem Gesicht gespült werden.
Viel trinken muss sein. Manchmal muss aber auch einfach nur der Staub aus dem Gesicht gespült werden.(Foto: dpa-tmn)

Ein US-amerikanisches Paar hatte die Farm einst in dem Glauben gekauft, dort Zink fördern zu können. Doch die ersten Funde waren fingiert. Windige Geschäftsleute hatten das Erz zuvor an den Stellen der Probegrabungen im ansonsten recht wertlosen Boden platziert. Von den enttäuschten Hoffnungen auf einen Zink-Boom zeugen heute nur noch die rostigen Minengerätschaften, die aus der sandigen Ebene ragen - und die weitgehend intakte Wüstenvegetation. So schiebt sich der runde Mond in fast gespenstischer Stille über die steilen Felswände der Gamkab-Schlucht, die nur zweimal jährlich zu den Fahrradtouren von Menschen betreten wird.

Bedroht sind die Ökosysteme des Parks dennoch. Am Grund des Oranje, dem einzigen ganzjährig Wasser führenden Fluss der Region, wimmelt es inzwischen vor exotischen Schnecken, deren Vorfahren vermutlich von Aquariumbesitzern stromaufwärts "entsorgt" worden sind.

Der dünne grüne Uferstreifen leidet zudem unter der Überweidung durch die Ziegenherden der örtlichen Bevölkerung. Diese Form der Landwirtschaft ist zwar Jahrhunderte alt, aber auch die hiesigen Kleinbauern haben sich der vorherrschenden Profitlogik anschließen müssen. So kollidieren am Oranje menschliche Vorstellungen von Wachstumsraten mit den realen der Natur.

Inzwischen schreibt Van Wyk einen Pflanzenführer

Die für ganz Afrika so charakteristischen Hirtenbäume, die sich hier mit einer hellen Borke vor der starken Sonneneinstrahlung schützen, können im Park locker 1500 Jahre alt werden. Hier trifft man auch Pieter Van Wyk, der sonst in der Gärtnerei des Parks arbeitet, auf einer seiner morgendlichen Botanikwanderungen. Der Baum, vor dem er steht, ist gerade groß genug, um einem Hirten Schatten zu spenden. Und doch steht er dort schon seit 300 Jahren. Von den einst 2000 Kilometern Auenwald ist nur noch ein Zehntel erhalten.

Pieter Van Wyk kennt alle Pflanzen der Region bei ihrem lateinischen Namen.
Pieter Van Wyk kennt alle Pflanzen der Region bei ihrem lateinischen Namen.(Foto: dpa-tmn)

Auch weiter weg vom Ufer sieht es nicht besser aus. Infolge der seit vier Jahren anhaltenden Dürre sind 40 Prozent der Pflanzen im Park abgestorben. Insbesondere bei den Köcherbäumen, zu denen drei baumartige Sukkulenten-Arten zählen, ist ein wahres Massensterben zu beobachten. Woran genau das liegt, kann auch Van Wyk nicht erklären, denn längere Trockenperioden sind in der Gegend eigentlich normal. Das Problem zehrt merklich an ihm. "Es muss mit dem Klimawandel zu tun haben", sagt er. "Diese Pflanzen sind so angepasst an Dürre und Hitze, wir verstehen nicht, was passiert."

Van Wyk ist ein Mann, der vor seinen Gästen fast entschuldigend erklärt, dass er zwar jede Pflanze der Region bei ihrem lateinischen Namen nennen könne, zum Lernen aber auch 17 Jahre gebraucht habe. Als er anfing, war er elf. Seine Familie lebt seit 1847 in der Landschaft Richtersveld. Inzwischen schreibt Van Wyk neben einem Pflanzenführer zeitgleich seine Master- und Doktorarbeit.

Der Mensch ist nur geduldeter Gast

Trocken und zurückgenommen wirkt die Heimat des 28-jährigen Biologen. Nach einer langen Vollmondfahrt über enge, steinige Pfade wartet schließlich das Ziel der sechstägigen Radtour am Grenzübergang Sendelingsdrift mit einem Glühwein. Wer hier ankommt und dann noch auf die Suche nach den 22 Gecko-Arten des Parks geht, der hat nicht einfach nur Urlaub gemacht. "Es ist die Möglichkeit, in einer der großartigsten Landschaften der Welt zu meditieren", sagt Raymond Siebrits, ein Teilnehmer aus Kapstadt.

Für seine Frau Hannah Baleta liegt die Besonderheit des Trips vor allem in dem engen Zeitfenster, das die Wüste bietet. Denn so meditativ die Ruhe auch sein mag, die kräftezehrenden Pisten sind mit dem Fahrrad nur an den relativ lauen Vollmondabenden zwischen Sommer und Winter sicher zu durchqueren.

Für den Rest des Jahres verschließt sich die oft so unwirkliche Landschaft wieder, dann wird die Sonne des Tages unerträglich oder der Wind der Nacht zu eisig. Einen Vorgeschmack gibt es dazu bereits am letzten Tag, als der Helskloof-Pass die Radfahrer bei dichtem Nebel und neun Grad Celsius empfängt. Der Mensch ist da nur kurz geduldeter Gast. Er darf sich die Zeit nehmen, um reisend zu lernen.

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Quelle: n-tv.de