Reise
Weder grau noch trist oder trüb: Die Millennium Bridge und die Sage Concert Hall (im Hintergrund) sind die baulichen Symbole für die Wiederauferstehung Newcastles.
Weder grau noch trist oder trüb: Die Millennium Bridge und die Sage Concert Hall (im Hintergrund) sind die baulichen Symbole für die Wiederauferstehung Newcastles.(Foto: Volker Petersen)
Samstag, 25. November 2017

Rasanter Wandel in Nordengland: Newcastle hat sich neu erfunden

Von Volker Petersen, Newcastle

Nein, Großbritannien besteht nicht nur aus London, auch wenn manch ein Reisender das nicht wahrhaben will. Da gibt es ja noch andere spannende Regionen - den Norden zum Beispiel. Und dort: Newcastle.

Als Alex Jacobs in den 1990er-Jahren nach Newcastle kam, dachte er, da müsste doch etwas zu machen sein. Der junge Mann aus Lüdenscheid besuchte regelmäßig in die Stadt im Norden Englands, um Verwandte seiner Mutter zu besuchen, einer Britin, die aus der Gegend stammte. "Ich sah, dass sich jedes Mal wieder etwas verändert hatte", erzählt der heute 36-Jährige. Das wollte er bekannt machen, in Deutschland ahnte ja niemand, wie sich da im trüben Nordengland eine Stadt herausputzte. Jacobs zog schließlich in die Heimat seiner Mutter und gründete eine Incoming-Agentur - sie hilft Unternehmen und Organisationen, in der Stadt und der Region Fuß zu fassen. Und die ist mittlerweile nicht nur für Firmen, sondern auch für Touristen interessant geworden.

Zwei Universitäten mit zusammen rund 75.000 Studenten machen Newcastle zu einer ausgesprochen jungen Stadt.
Zwei Universitäten mit zusammen rund 75.000 Studenten machen Newcastle zu einer ausgesprochen jungen Stadt.

Das ist besonders gut am Tyne zu beobachten. Sieben Brücken spannen sich über den Fluss und verleihen der 280.000-Einwohner-Stadt Flair. Am anderen Ufer des Flusses erhebt sich die neue Konzerthalle, ein rundlicher Bau, der nach Plänen von Sir Norman Foster gebaut wurde. Die Sage Concert Hall liegt allerdings offiziell in Gateshead, der Stadt am anderen Ufer, die nicht zu Newcastle gehört. Für den Besucher macht das aber keinen Unterschied. Über eine der Brücken ist man schnell auf der anderen Seite. Die Millennium Bridge ist spektakulär: Um Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen, lässt sich die gesamte Konstruktion neigen.

Millennium Bridge und Sage Concert Hall sind Symbole für den Wiederaufstieg Newcastles nach dem Kahlschlag der ruinösen Thatcher-Jahre. Große Arbeitgeber wurden in die Region gelockt, Mitte der 80er-Jahre ließ sich etwa Nissan in der Gegend nieder. Heute arbeiten Tausende bei Hitachi, Nestlé oder Siemens, 80 deutsche Firmen sind insgesamt vor Ort. So hat die Industrie weiterhin in der Stadt eine Heimat, in der eine der größten Erfindungen aller Zeiten gemacht wurde: Es war im Kohlerevier um Newcastle, wo britische Ingenieure wie George Stephenson die ersten Dampflokomotiven entwickelten.

Ein Artikel veränderte die Stadt

Bilderserie

Es war auch in den 80er-Jahren, 1986 genauer gesagt, dass ein Artikel im Magazin "Time" erschien, der Newcastle bis heute prägt. Darin wurde die Stadt zu einer der Top-5-Partystädte der Welt erklärt – "warum auch immer", sagt Alex Jacobs. Das hatte zur Folge, dass plötzlich die Briten die Stadt für sich entdeckten - vermutlich nicht wegen der mittelalterlichen Kathedrale oder der namensgebenden "neuen" Burg. Heute ist Newcastle Ziel Nummer eins für Junggesellenabschiede, es gibt sogar eine Agentur, die sich nur damit beschäftigt. Den Briten gefällt's: Mittlerweile stehen 8000 Hotelbetten bereit, an Wochenenden sind diese meist zu 98 Prozent ausgebucht. Keine andere Stadt in Großbritannien außer London hat pro Kopf so viele Restaurants. Für deutsche Verhältnisse beginnt das Nachtleben ungewöhnlich früh: Am späten Samstagnachmittag sind die Pubs und Bars voll, über die Straßen schieben sich manchmal grell geschminkte Damen und zu allem bereite Herren - es wird laut, es wird verrückt und ziemlich wild.

Alternativer geht es am Stadtrand zu. In Ouseburn standen einst die Fabriken, dort wohnten die Arbeiter. Heute bekommt der Besucher dort das Kontrastprogramm zum Stadtzentrum: Hier verirren sich keine Junggesellen hin - hier wird Kultur groß geschrieben. Zum Beispiel in der Biscuit Factory, einer alten Keksfabrik, die seit 2002 eine Kunstgalerie samt Ateliers beherbergt. Schon viel früher, in den Thatcher-Jahren, entstand das Künstlerhaus in der 36 Lime Street. Damals lag das meiste in der Umgebung brach, Ouseburn war so gut wie tot.

Anreise

Per Flugzeug kommt man aus mehreren deutschen Städten (zum Beispiel Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart und München) nach Newcastle. Wer sein Auto auf die Insel mitnehmen möchte, kann auch von Amsterdam per Fähre über Nacht direkt in die nordenglische Stadt fahren. Die Reederei DFDS bringt Reisende dort ab 179 Euro hin (zwei Personen mit Pkw). dfds.de/newcastle

Da kam dem Theatermann Mike Mould die Idee, aus dem alten Fabrikgebäude einen Raum für Kreative zu machen, für Künstler und Musiker oder Leute wie Tim Kendall, der seit damals Möbel entwirft. "Wir waren Punks", sagt der heute ergraute und oft geheimnisvoll lächelnde Mann. Wenn er von seinem Balkon aus seinem geräumigen Atelier blickt, sieht er, dass sich viel getan hat seit damals: Nebenan entstand die City-Farm, gegenüber zog ein Reiterhof ein und direkt nebenan wurde ein Kinderbuchmuseum gegründet.

Als die deutschen Bomber kamen

Weiter die Straße herunter wartet die Erinnerung daran, dass es auch mal eine Zeit gab, gegen die die Thatcher-Jahre ein Kindergeburtstag waren. Für deutsche Bomberpiloten im Zweiten Weltkrieg sei der Tyne River wie ein silbern schimmernder Pfeil im Mondlicht gewesen, der nach Manchester zeigte, sagt der Guide, der durch den Victoria-Tunnel führt. Der war eigentlich mal für etwas ganz anderes gebaut worden: für den Kohletransport. Mitte des 19. Jahrhundert hatte man ihn angelegt, um einfach von Ouseburn aus Loren über schmale Gleise runter an den Hafen zu transportieren. Während des Krieges suchten dann mehrere tausend Menschen dort Schutz, kauerten stundenlang an den feuchten Wänden im Licht schummriger Funzeln. Bis die Deutschen wieder weg waren.

Das ist mittlerweile lange her und Leute wie Alex Jacobs mit seinem deutschen Vater und der englischen Mutter zeigen, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Probleme gibt es heute aber noch immer: Es steht ja immerhin der Brexit an. "Dass es der Region heute wieder gut geht, liegt auch an der EU", ist sich Jacobs sicher. Da sei es kaum zu glauben gewesen, dass nur 50,8 Prozent für den Verbleib in der Union gestimmt hätten. Eine Mitverantwortung daran trügen die Medien, sagt Jacobs, die nicht ausreichend über die Vorteile der Mitgliedschaft berichtet hätten.

Lernt der Besucher vom Festland dann in einem Pub einen Briten kennen, bietet das Thema also genug Diskussionsstoff. Und falls man dabei keinen common ground findet, gibt es ja immer noch den Fußball. Da bietet sich der Newcastle FC in der Premier League an, besonders dank des legendären Alan Shearer, der einst bei der EM 96 für England stürmte. Der St. James Park, das Stadion, steht mitten in der Stadt und bietet das Premier-League-Spektakel. All das macht Newcastle nicht einzigartig, bombastisch oder zum Geheimtipp - aber bestätigt, was Alex Jacobs schon damals ahnte: Da geht was. Und manchmal scheint sogar die Sonne.

Dieser Artikel ist im Rahmen einer Pressereise von Visit Britain und DFDS entstanden.

Quelle: n-tv.de