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Totalversagen bei EM-Aus Deutsche Handballer zerlegen sich selbst

Die Bilanz der deutschen Handballer fällt ernüchternd aus: Statt den EM-Titel zu verteidigen, scheitern die "Bad Boys" krachend gegen Spanien. Nun heißt es - auch im Hinblick auf die Heim-WM - den Scherbenhaufen zusammenzukehren.

So nah am Halbfinale, und doch so weit weg: Als die deutschen Handballer den letzten Schritt zu gehen hatten, um sich für die EM-Finalrunde in Zagreb zu qualifizieren, versagte das einst erfolgreiche Kollektiv der #badboys. Mit 27:31 unterlag die DHB-Auswahl im entscheidenden Hauptrundenspiel gegen Spanien und muss sich in der Endabrechnung mit dem neunten Platz begnügen. Der Titelverteidiger, der in Kroatien angetreten war, um mindestens eine Medaille mitzunehmen, war gescheitert: am Gegner, am Erwartungsdruck, an sich selbst. "Was wir heute hier gezeigt haben", sagte Christian Prokop nach Spielende, "war viel zu wenig, um ins Halbfinale einzuziehen".

Der Bundestrainer rang sichtlich um Fassung angesichts des Totalversagens seines Teams. Dabei hatte es nach einer ausgeglichenen ersten Halbzeit noch danach ausgesehen, als könnte die Mannschaft einen über weite Strecken mäßigen Turnierauftritt doch noch in die richtigen Bahnen lenken. Aber kurz nach dem Seitenwechsel begannen Uwe Gensheimer und Kollegen, sich selbst zu zerlegen. Ganze zehn Minuten brauchten die Spanier, um aus einem 15:15-Zwischenstand (34.) eine 23:15-Führung herauszuwerfen. Dass Prokops Mannschaft mit einfachsten Fangfehlern, die auf dem Niveau einer EM-Hauptrunde nicht passieren dürfen, kräftig mithalf, stürzte den Coach in allergrößte Verzweiflung.

"Katastrophale EM gespielt"

Die Fehlerquote stieg rasant, zu kompensieren war das nach dem bemerkenswerten 0:8-Lauf nicht mehr, weder über die Deckung und den Torhüter, noch über die von Prokop wenig geliebte taktische Angriffsvariante, den Keeper gegen einen siebten Feldspieler zu tauschen. Er versuchte es, doch auch das ging an diesem rabenschwarzen Abend in die Hose. Gleich drei Mal innerhalb von 120 Sekunden warfen die Iberer erfolgreich auf das verwaiste deutsche Tor. "Binnen weniger Minuten werfen wir das Spiel weg", so Prokop. "Spanien hat verdient gewonnen, weil wir uns in der zweiten Halbzeit selber schlagen."

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Kapitän Gensheimer ringt um Fassung.

(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Bob Hanning musste das Gesehene erst einmal verdauen, bevor er nüchtern analysierte, dass das, was sich Mannschaft und Trainer vorgenommen hatten, nicht erreicht wurde. "Das haben wir nicht geschafft", so der DHB-Vize, "obwohl es möglich gewesen wäre." Mit Blick auf das verlorene finale Hauptrundenmatch deutete Hanning damit an, dass der Gegner am gestrigen Abend nicht in einer unschlagbaren Form war. Im Gegenteil: Den Spaniern reichte eine solide Leistung, um nach dem Seitenwechsel die Weichen rasch auf Sieg zu stellen. Auch Andreas Wolff, als Keeper neben Heinevetter der einzige, der Normalform erreichte, bestätigte das. "Ich bin absolut schockiert. Die Spanier sind hier nicht so aufgetreten, dass wir dieses Spiel verlieren müssen." Und weiter: "Wir haben eine katastrophale EM gespielt."

Andere Spieler rangen um Erklärungen, so richtig plausibel wollte das alles jedoch nicht klingen. "Wir müssen uns fragen, ob wir mit der Bilanz dieser EM auf dem richtigen Weg sind", sagte Finn Lemke, Abwehrchef der deutschen Mannschaft. Die Antwort gab er sich gleich selbst. "Wohl kaum, wenn du bei einer EM nur zwei Mal gewinnst, zwei Remis einfährst und zwei Niederlagen kassierst." Und Torhüter Silvio Heinevetter sprach von einem "Rückschlag. Wenn du gegen Dänemark und Spanien nicht gewinnst, dann hast du im Halbfinale nichts zu suchen."

Blick in Richtung Heim-WM

In der Tat fällt die Bilanz ernüchternd aus. Als Europameister waren die deutschen Handballer angereist, angeblich mit einem historisch stark besetzten Kader, das Halbfinale war das Minimalziel. Als Geschlagene werden sie Kroatien schon heute verlassen. In den kommenden Tagen und Wochen gilt es nun für alle Beteiligten, Wunden zu lecken und den entstandenen Scherbenhaufen zusammenzukehren. Der Verband ist gut beraten, in seiner Analyse sehr genau hinzuschauen, denn bereits in einem Jahr ist der DHB Ausrichter der Welttitelkämpfe. Ein sportliches Desaster wie dieses darf sich dann nicht wiederholen, will die Sportart weiteren Schaden abwenden.

Bereits gestern verpasste der Handball eine Riesenchance, sich im kollektiven Sportbewusstsein seines Landes festzukrallen und Werbung in eigener Sache zu machen, weil das ZDF das traurige Match zur besten Sendezeit am Abend übertrug. "Wir werden alles auf den Prüfstand stellen, auch die Kaderzusammenstellung", sagte Prokop, der schwer mitgenommen wirkte. "Aber es wäre unseriös, direkt nach dem Spiel in die Analyse zu gehen."

Und dann ließ der Chefcoach, der während der gesamten zwei Wochen angespannt und verschlossen wirkte, doch noch ein paar Sätze raus, die Interpretationsspielraum boten. Er, Prokop, habe "einen wichtigen Erfahrungsschatz gesammelt. Das wird mir in Zukunft helfen." Was er damit meinte, blieb sein Geheimnis. Gut möglich, dass er auch sein Verhältnis zu den Medienvertretern meinte. Erstaunt waren er und seine Spieler, als sich die Kritiker nach der rumpeligen Vorrunde mehrten und der Ton in der Berichterstattung rauer wurde.

Und natürlich lag am Ende des Abends dem einen oder anderen auch die Frage nach der Prokop´schen Zukunft auf den Lippen, gestellt hat sie indes niemand. Immerhin deutete Hanning an, dass es in der anstehenden Fehleranalyse keine Tabus geben werde. "Jeder darf sich die Fragen stellen, was wir besser machen können und was wir besser machen müssen – ich, die Spieler und auch der Trainer." Schließlich steht auch nach dieser EM die ambitionierte Zielsetzung, sowohl bei der Heim-WM 2019 als auch bei den Olympischen Spielen 2020 jeweils eine Medaille gewinnen zu wollen – nach Möglichkeit die aus Gold.

Quelle: ntv.de