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Wehe, wenn das schiefgeht Eine Bundesliga riskiert das Corona-Debakel

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Ist das wirklich so eine gute Idee?

(Foto: imago images/spfimages)

Mit einem Notfallplan möchte die Basketball-Bundesliga ihre Saison retten. Doch ist eine Fortsetzung wirklich so viel besser als ein konsequenter Abbruch? Denn das Vorhaben offenbart gleich mehrere Probleme.

Zehn Mannschaften, sieben Spieltage und nach drei Wochen steht der neue deutsche Meister fest. Der Plan, den die Basketball-Bundesliga am Montag mit knapper Mehrheit gefasst hat, ist ambitioniert. Trotz des Coronavirus soll die Saison fertig gespielt werden, dafür sprachen sich zehn der 17 BBL-Klubs aus. Für die sieben, die einen Abbruch bevorzugt hätten, ist bereits jetzt Sommerpause, sie haben ihren Platz für die nächste Spielzeit bereits sicher. Absteiger gibt es keine, dafür soll der neue Titelträger in einem neuen Turniermodus ermittelt werden: In zwei Fünfergruppen spielt erst jeder gegen jeden, dann folgen Viertelfinale, Halbfinale und das große Endspiel. Ohne Zuschauer, nur mit dem nötigsten Personal, unter schärfsten Hygiene-Anforderungen.

Wobei "groß" an diesem Endspiel vor allem wäre, wenn es tatsächlich stattfinden kann. Auch wenn Liga-Chef Dr. Stefan Holz bereits vor dem Mehrheitsentscheid sagte: "Es könnte einen Push geben, die Scheinwerfer sind auf uns gerichtet." Das stimmt. Und lenkt zugleich den Blick auf die größte Schwachstelle des BBL-Plans. Die größte deshalb, weil sie längst nicht die einzige ist. Ein Überblick.

Das Aufmerksamkeitsproblem

Die BBL möchte nicht nur die stärkste Basketball-Liga Europas werden, sondern sich auch in Deutschland als Sportart Nummer zwei etablieren. Hinter dem Fußball, der sich gerade ebenfalls um eine Erlaubnis bemüht, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Sollte diese erteilt werden, teilen sich Basketball und Fußball das bereits erwähnte Scheinwerferlicht. Das klingt verlockend. Wer mit Fußball nichts anfangen kann und dennoch Lust auf Live-Sport hat, schaltet zum Basketball. Denn Handball, Volleyball & Co. haben ihre Saisons bereits abgebrochen, auch die Formel 1 steht still, die DTM kämpft ums Überleben, die Fußball-EM und Olympia sind verschoben. Die Auswahl wäre gering, die Aussicht auf steigende Einschaltquoten offensichtlich.

Doch es gibt etwas, das noch größer ist als die Chance, sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren: mit dem eigenen Plan zu scheitern und vor dem Finale zum Abbruch gezwungen zu werden. "Eine Infektion während des Turniers könnte das Ganze zum Zusammenbruch bringen", fasst Hermann Schüller, geschäftsführender Gesellschafter der EWE Baskets Oldenburg, zusammen. Der Idealfall sieht so aus: Die zehn Teams reisen an, tragen die Spiele aus, der Finalsieger ist neuer deutscher Meister und auch in den Wochen danach wird niemand von den Beteiligten positiv auf das Coronavirus getestet. Dann feiert ein Klub seinen nicht am grünen Tisch, sondern sportlich erkämpften Titel und die Liga, dass ihr Plan aufgegangen ist.

Deutlich nachhaltiger in Erinnerung bleiben jedoch große Pläne, die spektakulär scheitern. Das wäre der Fall, wenn irgendwann zwischen dem Tip-Off des ersten Spiels und dem finalen Buzzer der letzten Partie eine Ansteckung mit dem Coronavirus festgestellt wird. Egal, ob Spieler oder Trainer, ob Schiedsrichter oder Kameramann - die Konsequenz wäre der sofortige Abbruch des Turniers. Womit die BBL über Jahre hinweg zu der Liga würde, bei der sich der gemeine Sportfan vor allem daran erinnert, wie sie in der Corona-Krise ihre Saison retten wollte und vor den Augen aller gescheitert ist.

All die Fortschritte der vergangenen Jahre würden dadurch in den Hintergrund rücken. Dabei ist es ein Verdienst aller Verantwortlichen, dass viele ausländische Profis die BBL nicht mehr als reine Zwischenstation sehen, dass Spieler bei deutschen Klubs Mehr-Jahres-Verträge unterschreiben in einem Geschäft, das von Ein-Jahres-Deals geprägt ist. Statt des kontinuierlich steigenden sportlichen Niveaus bliebe vor allem das abgebrochene Corona-Turnier in Erinnerung. Während die Handball-Bundesliga womöglich dafür gerühmt wurde, umsichtigerweise auf einen frühzeitiges Saisonende gesetzt zu haben.

Das Personalproblem

Zehn Klubs haben sich für eine Fortsetzung der Saison ausgesprochen. Titelverteidiger FC Bayern München, die MHP Riesen Ludwigsburg, die Hakro Merlins Crailsheim, Alba Berlin, die EWE Baskets Oldenburg, Rasta Vechta, Brose Bamberg, die BG Göttingen, Ratiopharm Ulm und die Fraport Skyliners aus Frankfurt. Doch wer läuft in deren Trikots auf? Und wie viel Ähnlichkeit haben die Kader mit den Teams, die vor der Corona-Pause angetreten sind? Während beispielsweise die Münchner trotz der Unterbrechung Spieler in der bayerischen Landeshauptstadt halten konnten, stellte Berlin seinen ausländischen Profis frei, ob sie in ihre Heimat zurückreisen. Vechta vereinbarte zusammen mit der Freistellung zwar ein Rückholrecht - doch lässt sich das angesichts von Quarantäne-Verordnungen und Reise-Beschränkungen überhaupt umsetzen? [Anm.d.Red.: Zunächst hieß es an dieser Stelle, dass Brose Bamberg mehrere Verträge aufgelöst habe, um Personalkosten zu sparen. Das ist nicht richtig, Bamberg ließ lediglich Kurzzeitverträge wie mit dem nachverpflichteten Jordan Crawford auslaufen.]

"Der gesamte Ablauf wird entsprechend der aktuell gültigen Regelungen minutiös geplant", sagte Marco Baldi, Geschäftsführer von Alba Berlin. Frankfurts Gunnar Wöbke erklärte: "Wir werden die Spieler isolieren, wenn wir sie zurückholen und erstmal 14 Tage in Einzelzimmer in Quarantäne stecken." Das klingt nach einem gewaltigen Aufwand, und das für (maximal) sieben Spiele. Zwei Wochen Quarantäne für drei Wochen Spielbetrieb, und danach müssten alle Beteiligten wohl erneut in die Isolation. Also 28 Tage Quarantäne für 21 Tage Basketball.

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Berlins Spielmacher Peyton Siva hält sich derzeit in seiner US-amerikanischen Heimat auf.

(Foto: imago images/Andreas Burmann)

Und was passiert, wenn Spieler nicht zurückkehren? Weil ihnen das Risiko zu groß ist oder der Aufwand zu viel, die Belastung seelisch oder körperlich zu hoch? "Wir werden die Leute rausholen aus dem normalen Leben. Das ist natürlich auch eine besondere Belastung", sagte Wöbke in einem Podcast der Frankfurter. "Das ist eine Ausnahmesituation, das muss man ganz klar so sagen." Klubs wie Berlin oder Bamberg könnten dann auf ihre Kooperationspartner Bernau und Baunach zurückgreifen, deren Saison in der drittklassigen ProB zwangsweise zu einem verfrühten Ende gekommen ist. Was zum nächsten Punkt überleitet.

Das Gesundheitsproblem

Seit dem 12. März ist die BBL-Saison unterbrochen. Wenn es Mitte Mai wieder losgeht, sind seit dem letzten Spiel vor der Pause knapp zehn Wochen vergangen. Zehn Wochen ohne Mannschaftstraining, nur mit individuellen Einheiten, zehn Wochen ohne Basketball-typischen Körperkontakt. Das ist länger als die Sommerpausen der meisten Profis. Um Verletzungen vorzubeugen, bräuchte es idealerweise eine Vorbereitung "von sechs bis zehn Wochen", wie Marcus Lindner im Interview mit Basketball.de sagte: "Das wäre wahrscheinlich ein verantwortungsbewusster Ansatz." Lindner ist Athletiktrainer beim russischen EuroCup-Teilnehmer Unics Kazan, weiß also, wovon er spricht.

Stattdessen müssten die Profis sich innerhalb von zwei, vielleicht drei Wochen wieder spielfit machen. Basketball wird zwar gern als körperloser Sport bezeichnet, in der Realität aber knallen dort regelmäßig zwei Meter große und 100 Kilogramm schwere Athleten aufeinander. Wer darauf nicht vorbereitet ist, riskiert schwere Verletzungen. Die Liga hätte wenig davon, wenn sie zwar einen deutschen Meister ermittelt, sich dabei aber ein Aushängeschild wie Oldenburg-Legende Rickey Paulding verletzt.

Dazu kommt Risiko durch das, was den Notfallplan überhaupt erst notwendig gemacht hat: Covid-19 ist eine neue, weitgehend unerforschte Erkrankung. Täglich gibt es neue medizinische Erkenntnisse zu Übertragungswegen, zu milden und schweren Verläufen, zu möglichen Folgeschäden. Von Spätfolgen ganz zu schweigen, dazu ist das Virus schlicht zu neuartig. Nicht zufällig sind physische Kontakte zu anderen Menschen so weit es geht zu vermeiden, ist das öffentliche Leben weltweit eingeschränkt.

Warum also sollten Basketball-Profis eine Ansteckung riskieren, nur um einen deutschen Meister zu ermitteln? Die europäischen Top-Ligen Russlands und Italiens haben ihre Saison abgebrochen, in Frankreich scheint das nur noch Formsache, in Spanien ist eine Wiederaufnahme mithilfe eines Turniers zwar Thema, allerdings noch weniger konkret als in der BBL. Die europäischen Wettbewerbe sind bis auf Weiteres ausgesetzt.

Das Problem des sportlichen Werts

Am Ende des Turniers soll ein neuer deutscher Meister stehen. Vermutlich wird dieser FC Bayern München heißen. Der Titelverteidiger verfügt nicht nur über den wohl größten Etat der Bundesliga, sondern hat damit auch den besten Kader zusammengestellt. FCB-Geschäftsführer Marko Pesic zeigte sich entsprechend "sehr zufrieden" über die Entscheidung der Klubs. Wohl auch, weil sein Team im Vergleich zu vielen anderen über das selbe Personal wie vor der Unterbrechung verfügt. BBL-Chef Holz sieht die Chance auf das große Scheinwerferlicht angesichts der sportlichen Schmalkost, die derzeit geboten ist.

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Doch die BBL sollte nicht nur die Chance auf eine womöglich deutlich gesteigerte Reichweite sehen. Sondern sich auch fragen, wie weit das eigene Produkt von der bestmöglichen Präsentation entfernt ist. Steigert es wirklich nachhaltig die Begeisterung für die Liga, wenn der in voller Stärke antretende FC Bayern München gegen dezimierte Konkurrenz dominiert? Wenn Teams aufeinandertreffen, die wie eine schlechte Kopie der Mannschaft wirken, die vor der Pause auf dem Feld stand? Schlechter Basketball könnte schlimmer nachwirken als kein Basketball.

Das Fazit

Der Plan der Basketball-Bundesliga, mit einem Turnier doch noch einen Meister zu ermitteln, hat gleich mehrere Schwachstellen. Die Scheinwerfer sind nach dieser Absichtserklärung auf die Liga gerichtet, damit hat Liga-Chef Dr. Stefan Holz zweifellos recht. Genauso wie mit dem Push, den es geben könnte, wenn die Rückkehr in den Spielbetrieb tatsächlich genehmigt wird. Doch dieser Push könnte aber aus den genannten Gründen auch in die falsche Richtung gehen. Wenn vor der Pause aussichtsreich platzierte Klubs mit Rumpfkadern antreten müssen, weil mehr gerade nicht möglich ist. Wenn sich wichtige Spieler verletzen, weil die Vorbereitungszeit zu kurz und die Belastung zu groß ist. Und vor allem: Wenn der Plan schiefgeht, mitten im Scheinwerferlicht. Was die Liga nachhaltig beschädigen könnte.

Quelle: ntv.de