Fußball-WM 2019

Jugend forsch, "Maro" im Herzen Die DFB-Elf zündet gerade erst den WM-Turbo

Zufrieden ist das DFB-Team mit seiner bisherigen Leistung bei der Fußball-WM in Frankreich nicht. Einige Spielerinnen seien zu nervös, moniert Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Doch dank ihres Kampfgeistes erarbeitet sich die deutsche Auswahl zwei Siege in den ersten zwei Spielen und hat das Achtelfinale so bereits fast sicher. Und die Deutschen liefern Gründe, warum sie es als Team weit bringen werden.

1. Junge Wilde bringen DFB-Elf auf Trab

Vieles gibt es zu kritisieren am Spiel der Deutschen. Zu nervös, zu hektisch, zu wenig genau, zu geringe Chancenverwertung. Wobei: Die Teenager des Teams sind davon explizit ausgenommen. Drei im WM-Kader sind unter 20. Die jüngste von ihnen ist Lena Oberdorf, mit gerade einmal 17 Jahren, auch Klara Bühl mit 18 und Giulia Gwinn mit 19 Jahren könnten noch für das Jugend-Nationalteam auflaufen. Doch sie haben Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mit ihren Leistungen überzeugt. Und nach zwei Partien auch die Zuschauer.

Sie brechen Rekorde: Oberdorf ist bei ihrer Einwechslung zur Halbzeit im Spiel gegen China mit 17 Jahren, fünf Monaten und 20 Tagen die jüngste DFB-Spielerin aller Zeiten bei einer WM. Sie löste keine Geringere als Rekordnationalspielerin Birgit Prinz ab, die mittlerweile als Psychologin im Team arbeitet. Gwinn legte dann in der 66. Minute nach, als sie von der Strafraumgrenze abzog und das erlösende 1:0 schoss: Sie ist somit erst die dritte Teenagerin, die für den DFB ein WM-Tor erzielen konnte. Außerdem schaffte sie einen besonderen Hattrick: Sie wurde bei ihrem WM-Debüt zur besten Spielerin des Spiels gewählt - das war ihr zuvor schon im Trikot der U17 und U20 gelungen. Gwinn mit ihrem Treffer und Oberdorf mit ihrer Ruhe und Präsenz beeindruckten bereits in Spiel eins. Gegen Spanien schlug dann auch die Stunde der Dritten im Bunde: Bühl durfte in der zweiten Halbzeit ran, brachte die deutsche Offensive mächtig auf Trab und sorgte dafür, dass die spanische Defensive nicht länger nur mit dem Spielaufbau beschäftigt sein konnte. Das pusht die älteren Spielerinnen, die merken, dass sie sich nicht ausruhen dürfen. Der sichergeglaubte Stammplatz ist in Gefahr. Und Konkurrenz schadet eher selten.

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Giulia Gwinn ist auch zum Social-Media-Star avanciert.

(Foto: imago images / Xinhua)

Es ist aber nicht nur ihre Leistung auf, sondern auch ihr Auftreten neben dem Platz, das die Drei auszeichnet. Mit ihrer positiven Art und ihrer Unbekümmertheit gewinnen sie Sympathien. Das wird auch in den Sozialen Netzwerken deutlich. Gwinns Instagram-Followerzahlen explodierten über Nacht, mehr als 69.000 Leute interessiert, was die zukünftige Spielerin des FC Bayern München so zu posten hat. Zum Vergleich: Am 23. Mai waren es laut Auswertung noch 12.000. Auch die Follower von Oberdorf und Bühl haben sich verdoppelt. Was haben Social-Media-Zahlen aber mit dem Fußball zu tun? Nun, die Aufmerksamkeit der Fans verlagert sich. Nicht mehr ein oder zwei erfahrene Spielerinnen tragen die Last auf ihren Schultern, sondern sie verteilt sich. Die jungen Stars verhelfen ihren Teamkolleginnen damit indirekt zu etwas mehr Ruhe.

2. Auf Almuth Schult ist Verlass

Ihre Abwehr wirkt nervös und hektisch, doch Torfrau Almuth Schult ist die Ruhe selbst. Im Spiel gegen China bügelte sie so manchen Patzer ihrer Vorderleute aus, indem sie sich in jeden noch so gefährlichen Ball warf. Auch beim 1:0-Sieg gegen Spanien hielt sie alle Bälle fest, die es zu halten gab. Sie strahlte Ruhe aus, versuchte dem Spiel vor ihr Sicherheit zu geben und erledigte ihren Job besonnen und zuverlässig. "Sie ist präsent, sie war heute ganz, ganz wichtig", sagt Voss-Tecklenburg über ihre Nummer eins. "Ich persönlich bin sehr froh, dass Almuth eine große Hilfe für das Team ist." Denn lange war wegen einer hartnäckigen Schulterverletzung nicht klar, ob die 28-Jährige vom VfL Wolfsburg zur WM reisen kann. Wer jetzt Parallelen zu Manuel Neuer ausmacht, bitte sehr. Schließlich bewies auch er bei der WM 2014, dass ein guter Torwart Spiele entscheiden kann. Und am Ende wurde er Weltmeister. Bei einer solchen Prognose würde Schult sicherlich nicht Nein sagen.

3. Gruppensieg verhindert frühes Duell mit USA

Hätte, wäre, wenn - zwar hat die DFB-Elf noch nicht einmal den Einzug ins Achtelfinale sicher. Doch dank des zweiten Sieges im zweiten Spiel der Gruppe B ist das letzte Quäntchen Unsicherheit mehr theoretischer Natur. Zumal nicht nur die Gruppenersten und -zweiten in die K.-o.-Phase einziehen, sondern auch noch die vier besten Gruppendritten. Klingt kompliziert? Dann vereinfachen wir die Sache und lehnen uns an dieser Stelle doch mal ganz weit aus dem Fenster. Wir prophezeien: Deutschland wird sich als Gruppenerster für das Achtelfinale qualifizieren. Warum? Weil es so gut und wichtig wäre für den weiteren Turnierverlauf. Denn der Zweite der Gruppe B trifft auf den Ersten der Gruppe F - und das sind höchstwahrscheinlich die USA. Das kann das DFB-Team nicht wollen. Schließlich sind die US-Amerikanerinnen mit drei Titeln Rekordsieger und Titelverteidiger und fegten dann auch noch in ihrem ersten Gruppenspiel Thailand vom Platz. Mit 13:0, autsch. Das DFB-Team dürfte also gewarnt sein und im letzten Gruppenspiel gegen den mutmaßlich leichtesten Gegner Südafrika alles dafür geben, drei Punkte zu holen und damit den Gruppensieg zu holen. Dann ginge es gegen einen der Gruppendritten. Das wird auch schwer, aber nicht so sehr wie gegen die USA.

4. Auf siegreichen Start kann DFB-Elf aufbauen

*Datenschutz

"Da war für den ein oder anderen der Gruppeneinstieg sicherlich einfacher", bilanziert die Bundestrainerin. "Für uns war er sehr kompliziert. Aber wir haben ihn gelöst." Das Team habe die ganze Zeit gewusst, dass es wegen starker Gegnerinnen ein schwerer Turnierstart werden wird. Immerhin, nun werde der Druck nach den zwei Siegen wohl geringer, mutmaßt die Bundestrainerin. "Wir können durchatmen, wir haben es selbst in den Füßen." Nun sei der nächste Schritt dran. "Wir werden Südafrika in keinster Weise unterschätzen."

Nach zwei Spielen hat das Team sechs Punkte auf dem Konto, führt die Gruppe B an. Und das ist ein gutes Zeichen. Die Mannschaft kämpft sich ins Turnier und zündet gerade erst den WM-Turbo. Sie spielt vielleicht nicht schön, dafür aber mit viel Willen. Das sagen die Spielerinnen auch selbst. Von einer "Energieleistung" ist die Rede oder etwa von einem "Sieg des Willens". Und dennoch wissen alle, dass sie besser spielen können, das auf den Platz bringen müssen. Mutmacher: Es ist letztlich ein gutes Zeichen, dass auch durchwachsener Fußball zu sechs Punkten reicht.

5. Geht es weit, kommt Marozsán womöglich zurück

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Schock fürs DFB-Team: Dzsenifer Marozsán bricht sich im Auftaktspiel gegen China einen Zeh.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Sie sollte der große Star der WM werden, so war es aus deutscher Sicht geplant. Nun fällt Dzsenifer Marozsán verletzt aus. Bruch des mittleren Zehs nach gut zehn Minuten im Spiel gegen China. Die 27-Jährige biss auf die Zähne, absolvierte die Partie bis zum Ende. Aber danach war klar: Vorerst geht nichts mehr. An einen Einsatz in der Gruppenphase ist nicht zu denken. Vielleicht kann sie noch in Frankreich wieder spielen, aber eine genaue Prognose wollte Voss-Tecklenburg nicht abgeben. Es ist eine weitere Verletzung in Marozsáns langer Verletzungsliste. 2011 konnte sie an der WM in Deutschland nicht teilnehmen, weil sie sich kurz vorher das Innenband im Knie riss. Bei der WM 2015 knickte sie noch vor dem ersten Spiel auf dem ungewohnten Kunstrasen in Kanada um und schleppte sich mit Mühe durchs Turnier. Eine anschließend notwendige Operation setzte "Maro" monatelang außer Gefecht. Im vergangenen Sommer dann der wohl schlimmste Schock: beidseitige Lungenembolie. Schneller als erwartet kämpfte sie sich zurück und konnte schon im Oktober wieder spielen.

Alles schien perfekt für diese WM, die eine so besondere für Marozsán ist. Seit drei Jahren spielt sie bei Olympique Lyon, sie liebt Frankreich, das für sie längst zur Wahlheimat geworden ist. Passenderweise finden auch noch die Halbfinals sowie das Finale in Lyon statt. "Der Titel wäre natürlich ein Traum", hatte sie vor WM-Start gesagt. Nun muss die Spielmacherin alles darauf setzen, dass ihre Teamkolleginnen es auch ohne sie weit bringen. "Das ganze Team weiß, wie sehr Dzseni davon träumt, ein Halbfinale oder Endspiel in ihrer zweiten Heimat Lyon zu erleben", sagte Torfrau Almuth Schult. "Gerade deswegen spielen alle nun ein Stück weit auch für sie - und ihren großen Traum." Und wer weiß, vielleicht ist Marozsán rechtzeitig zum möglichen Halbfinale in Lyon genesen. Sie ist die Spielerin, von der Voss-Tecklenburg sagt, sie sei nicht zu ersetzen. Es wäre fast schon zu kitschig, würde sie in einem knappen Spiel als wiederkehrende Regisseurin den Unterschied machen.

Quelle: n-tv.de

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