Fußball-WM 2019

"Bin gewohnt, mehr einzustecken" Käpt'n Popp lebt brachialen Fußball-Willen

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Mentalität und Wille zeichnen Alex Popp aus.

(Foto: imago images / Xinhua)

Einfach "perfekt" verläuft ihr 100. Spiel im DFB-Trikot für Alexandra Popp. Die Kapitänin erzielt im Achtelfinale der Fußball-WM die Führung, hilft überall auf dem Platz aus, wird Spielerin des Spiels. Dass die 28-Jährige überragt und überzeugt, hat auch mit Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg zu tun.

"Ich habe langsam keine Worte mehr für Poppi", sagte Teamkollegin Lena Oberdorf nach dem Achtelfinalspiel gegen Nigeria (3:0) bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich über ihre Kapitänin. Und erklärte: "Eine überragende Spielerin, kann vorne spielen, hinten spielen, auf der Sechs, gewinnt jedes Kopfballduell. Beißt auf die Zähne, wenn sie mal einen Schlag abbekommt. Ich glaube ich habe noch nie erlebt, dass sie verletzt rausgegangen ist." Das charakterisiert die 28-Jährige vom VfL Wolfsburg recht gut. Alexandra Popp ist auf dem Fußballplatz ein Allround-Kampfschwein, eine gewiefte Torjägerin ebenso wie eine sehr gute Defensivspielerin. Sie haut sich für ihr Team rein, gibt nie auf.

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So lief auch ihr 100. Länderspiel im DFB-Trikot. Popp startete im Sturm und erzielte in der 20. Minute prompt das 1:0 per Kopf. Es war ihr 48. Treffer im DFB-Team, damit zog sie mit Ex-Bundestrainerin Silvia Neid gleich. Später half sie in der Defensive aus, wechselte auf die Sechserposition und während einer Behandlung von Innenverteidigerin Marina Hegering übernahm sie deren Rolle. "Wenn ich der Mannschaft so helfen kann", sagte Popp nach dem Spiel und fügte mit einem Grinsen hinzu: "Abgesehen davon muss ich gestehen, dass ich auch nicht mehr konnte und ganz froh war, auf der Sechs zu stehen." Für ihren Einsatz, ihre Leistung, ihre Omnipräsenz wurde sie mit der Auszeichnung zur Spielerin des Spiels belohnt. "Ich freue mich sehr für Poppi, für die es ein besonderes Spiel war. Sie hat perfekt für die Mannschaft gearbeitet", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Und die Kapitänin selbst urteilte: "Das war ein perfekter Tag heute."

Als erstes Mädchen in der Fußballklasse

Popp stammt aus dem Ruhrgebiet, wurde am 6. April 1991 in Witten geboren. Sie war das erste Mädchen in der Fußballklasse der Gesamtschule Berger Feld, lernte und trainierte dort mit den Jungs des FC Schalke 04. Diese, etwa der aktuelle Champions-League-Sieger Joel Matip, waren anfangs skeptisch, Popp aber überzeugte sie von ihrem Können - und wohl auch mit ihrer sympathischen Mischung aus Kodderschnauze und Bescheidenheit. Sie kann so herrlich über sich selbst lachen, wenn sie eine Phrase wie "Weißt ja, wer Weltmeister werden will, muss sie alle schlagen" aus dem Hut zaubert.

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Ihren Jubel teilt Popp mit der Bank.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Auf ihr erstes Tor bei dieser WM musste sie zweieinhalb Spiele warten. In der 40. Minute des dritten Gruppenspiels gegen Südafrika war es dann so weit. Und was machte Popp: Rannte schnurstracks übers halbe Feld zur Bank, um mit den Ergänzungsspielerinnen zu feiern. "Mir war ganz, ganz wichtig, dass man auch mal zeigt, dass die Bank ein wichtiger Teil für uns ist", erklärte sie anschließend. Sie hätte Grund genug gehabt, sich selbst zu feiern, schließlich war der Treffer für sie persönlich eine Erlösung, nachdem sie nur holprig ins Turnier gestartet war. Aber sie selbst nimmt sich nicht so wichtig, was zählt, ist das Team.

Keine Gnade mit sich selbst

Eine filigrane Ballstreichlerin wird Popp nicht mehr werden, keine Schönspielerin, wie die derzeit verletzte Spielmacherin Dzsenifer Marozsán, von der sie die Kapitänsbinde übernahm. Aber das muss sie auch nicht. Auf ihrer Habenseite stehen Wille, Wucht, Kampfkraft und Mentalität. "Ich bin es gewohnt, das ein oder andere Mal mehr einzustecken", sagte sie zu den Nickligkeiten der Nigerianerinnen. Ihre Krankenakte spricht eine deutliche Sprache: Im Winter zog sie sich beim Spiel ihres VfL gegen die SGS Essen einen Jochbeinbruch zu - und spielte die Partie noch zu Ende. "Da dachte ich mir: krass", kommentierte die Essenerin Oberdorf.

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Jochbeinbruch? Popp spielt weiter.

(Foto: imago/regios24)

Im Halbfinale der WM 2015 in Kanada ließ sich Popp eine Platzwunde auf dem Feld tackern, das anschließende verlorene Duell um Platz drei absolvierte sie mit Schutzhelm. Während der erfolglosen Jagd nach einer Medaille hatte sie gar nicht mitbekommen, dass sie sich vermutlich schon in der Vorrunde einen Meniskuseinriss zugezogen hatte. Bei der EM 2017 fehlte sie aufgrund eines Meniskusrisses, die EM 2013 verpasste sie, weil sie im Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon mit einem Bänderriss im Sprunggelenk bis zum Abpfiff weitergespielt hatte.

"Die beste Trainerin"

Die Bundestrainerin weiß, was sie für eine Kämpferin im Team hat. Die beiden kennen sich schon aus ihrer gemeinsamen Zeit beim FCR 2001 Duisburg, Popps erster Station in der Bundesliga. Sie hätte 2008 auch zum Topklub Lyon wechseln können, doch die 17-Jährige entschied sich für die Bodenständigkeit. Voss-Tecklenburg war es, die die damalige Schülerin in Trainingslagern beaufsichtigte, wenn sie Klausuren schreiben musste. Es gibt da diese eine Geschichte von einer Deutsch-Klausur über "Effie Briest", die Ex-Nationalspielerin Nia Künzer bei der "NWZ" ausplauderte: Popp hatte das Buch nie gelesen, Voss-Tecklenburg schaute dezent weg, als die Schülerin ihren Laptop auspackte. Geholfen hat es wohl nichts, sie bekam eine Fünf. Doch es sagt viel aus über das Verhältnis der beiden. Die Trainerin verhalf ihrem Schützling zu ihrem Bundesligadebüt - und zum Start einer herausragenden Karriere. Heute ist sie wieder ihre Trainerin und das Band weiterhin eng. "Sie ist die beste Trainerin, die ich je hatte - und jetzt wieder habe", hatte Popp der "Süddeutschen Zeitung" vor der WM gesagt.

Erfolgreich ist sie aber auch mit anderen Trainern: 2010 schoss Popp das U20-Nationalteam mit zehn Treffern zum Weltmeistertitel im eigenen Land, schon ein Jahr später stand sie im Kader für die WM bei den Frauen. 2012 wechselte sie zum VfL Wolfsburg und räumte sämtliche Titel ab. Bis heute ist Popp fünfmalige Deutsche Meisterin, sechsmalige DFB-Pokalsiegerin und zweimalige Champions-League-Siegerin sowie Olympiasiegerin.

Der Weltmeistertitel fehlt der ausgebildeten Tierpflegerin noch. Die 100 Länderspiele hat sie dagegen jetzt voll gemacht. Wie viele sollen es denn noch werden? Die 28-Jährige stapelt tief: "Ich habe vorhin 115 gesagt." Sie wisse ja schließlich nicht, wie lange ihr Körper noch mitmache - "ich gehe schließlich auf die 30 zu", sagte sie mit einem Grinsen. "Aber erst einmal hoffe ich, dass wir hier weit kommen." Dann würde "Poppi" sicherlich als Kapitänin vorangehen - beim Feiern. Noch sagt sie nämlich nach Siegen: "Da ist nicht viel mit Feiern. Außerdem bin ich Käpt'n, da muss ich Vorbild sein."

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Quelle: n-tv.de

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