Fußball-WM 2019

Das DFB-Team in der Einzelkritik "Schwedentöter" scheitern "brutal scheiße"

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Tränen und Trost von den Gegnerinnen, mehr blieb den DFB-Frauen um Leonie Maier nach dem WM-Viertelfinale gegen Schweden nicht.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Im Viertelfinale der Fußball-WM ist bereits Schluss für die DFB-Frauen, der seit 1995 währende Mythos vom "Schwedentöter" endet auf bittere Weise. Dabei beginnt die deutsche Elf furios, führt - um dann in der Hitze Frankreichs eklatant einzubrechen und nicht nur das Halbfinale zu verspielen.

Tränen in den Augen, keine Worte für die Niederlage, der Traum vom Halbfinale in Lyon und der Qualifikation für Olympia mit lautem Knapp geplatzt: Die deutschen Fußballerinnen stolpern im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich gegen Schweden mit 1:2 und damit aus dem Turnier. Dabei hatte der "Klassiker", wie Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg die Duelle der beiden Nationen genannt hatte, mit einem ansehnlich aufspielenden DFB-Team begonnen.

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Die große Hitze von Rennes schienen die Deutschen überhaupt nicht zu bemerken, so wie sie sich durch die Reihen der Schwedinnen kombinierten. In der 16. Minute wurden sie dann auch schon belohnt, als Lina Magull artistisch per Seitfallzieher einnetzte und dabei als Schmankerl noch Schwedens Torfrau tunnelte.

Doch die gute Laune hielt nicht lange an, die Schwedinnen glichen durch Sofia Jakobsson fast postwendend aus (22.) und brachten die Deutschen damit völlig aus dem Konzept. Fortan rannte das DFB-Team dem eigenen Können hinterher - und fand es bis zum Abpfiff nicht wieder. Die 2:1-Führung der Schwedinnen tat ihr Übriges. Der Mythos von den "Schwedentötern", wie die DFB-Elf im skandinavischen Land genannt wird, ist dahin. Besiegt sind die Deutschen - und das erstmals seit 1995. Was hatten die Schweden vor dem Spiel getönt, dass nun endlich die Zeit reif sei. Sie sollten Recht behalten."Wir gewinnen als Team, wir verlieren als Team", sagte Voss-Tecklenburg nach der bitteren Niederlage. Ein Satz, der stimmt - und sich auch in den finalen DFB-Einzelkritiken widerspiegelt. Bitteschön:

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Almuth Schult kassierte in fünf WM-Spielen nur zwei Gegentore - die führten aber zum deutschen Aus.

(Foto: dpa)

Almuth Schult: Vier Spiele hatte die DFB-Keeperin bei der WM absolviert, viermal war sie ohne Gegentor geblieben - und trotzdem war sie dann extrem ernüchtert über ihren ersten Gegentreffer in Frankreich, den 1:1-Ausgleich in der 22. Minute. Sie haderte: "Wenn ich den Ball noch halte, läuft das Spiel vermutlich komplett anders." Dabei hatte es die 28-Jährige selbst prophezeit: Es würde ihr nicht gelingen, bei dieser WM ohne Gegentor zu bleiben, wie es ihre Vorgängerin Nadine Angerer beim Turnier 2007 vollbracht hatte. Bitter für Schult: Es blieb nicht beim Tor durch Sofia Jakobsson, in der 48. Minute musste sie auch noch das 1:2 durch Stina Blackstenius hinnehmen.

Beide Treffer sind Schult in ihrem 64. Länderspiel nicht anzukreiden. Jakobsson konnte allein auf sie zulaufen und schoss den Ball perfekt unter Schults linkem Bein hindurch ins Tor. Blackstenius traf aus kürzester Distanz per Nachschuss, nachdem Schult einen Kopfball stark herausgefischt hatte. Ein Trost war das der Wolfsburgerin nicht, sie ärgerte sich dennoch, denn: "Wir hatten es vorher analysiert, wir haben gesagt, dass Schweden schnelle und abschlussstarke Stürmerinnen hat. Es ist einfach blöd, dass es genauso passiert, wie man es analysiert hat." Dabei hatte sie in der 37. Minute eine noch frühere zweite Führung der Schwedinnen verhindert, als sie einen Weitschuss mit der rechten Hand über das Tor lenkte. Dass es also ein gutes Spiel von ihr war, tröstete die Torfrau absolut nicht. Raus ist raus. Und das "schmerzt unglaublich".

Carolin Simon: Das 20. Länderspiel der 26-Jährigen verlief unglücklich. Zwar spielte sie einige öffnende Pässe in die Tiefe auf Svenja Huth, doch in ihrer angestammten Rolle als Linksverteidigerin agierte sie unsicher. Sie vertändelte Bälle oder ließ sie zu weit abprallen, weswegen sie den Ball ein ums andere Mal an die Schwedinnen abschenkte. In der 40. Minute verletzte sie sich dann auch noch ohne offensichtliche Einwirkung des Gegners am linken Oberschenkel. Kam zwar nochmal auf den Platz, wurde aber in der 44. Minute ausgewechselt gegen Leonie Maier. Die 26-Jährige dürfte sich denken: Wenigstens hab ich in diesem Turnier noch mitspielen dürfen. Dank ihrer Einwechslung stand die Verteidigerin, die vom FC Bayern zum FC Arsenal wechselt, zum ersten Mal bei der WM auf dem Platz. Sie kam in ihrem 70. Länderspiel zwar für eine Linksverteidigerin aufs Feld, wechselte aber auf rechts und tauschte damit die Position mit Giulia Gwinn. Sie wirkte oft hilflos, nicht nur einmal zuckte sie mit den Schultern, weil sie keine Anspielpartnerin finden konnte. Beim 1:2 konnte sie den Kopfball von Fridolina Rolfö nicht verhindern, die zwar nicht traf, aber Schult so forderte, dass diese nur abprallen lassen konnte - eben zum Nachschuss von Blackstenius.

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Marina Hegering kämpfte und rackerte, verschätzte sich aber vor dem 1:1. komplett im Stellungsspiel.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Marina Hegering: Am 1:1 ist die 29-Jährige nicht unschuldig. In der 22. Minute verschätzte sie sich fatal bei einer Kopfballabwehr, weil sie wie häufig sehr weit vorn im Feld stand. So kam sie nicht mehr an den Ball und machte damit den Weg frei für Jakobsson. In ihrem achten Länderspiel ließ sie sich immer wieder von diesen langen Pässen der Schwedinnen in die Verlegenheit bringen. Ihr zugute halten muss man, dass sie mit einer Grätsche das womögliche 1:3 verhinderte und so ihr Team im Spiel hielt. Ausflüge der Essenerin in die Tiefe verpufften völlig. In der Schlussphase hätte sie das aber fast alles wieder wett gemacht, als sie einen Kopfball nur knapp über das schwedische Tor beförderte - es wäre der Ausgleich gewesen.

Sara Doorsoun: "Wir hätten es im Verbund cleverer verteidigen müssen", sagte die 26-Jährige nach dem Spiel. "So wir das ganze Turnier über keinen Gegentreffer bekommen haben als Mannschaft, haben wir als Mannschaft heute zwei, drei lange Bälle nicht gut verteidigt." Klare Worte der Wolfsburgerin, die nach ihrem 30. Länderspiel keine Ausreden suchte. Doorsoun war in Laufduellen viel gefordert und wirkte wie das personifizierte Bollwerk, weil sie kaum eine Spielerin an sich vorbei ließ. Nur einmal enteilte ihr Blackstenius, die 26-Jährige fiel im vorangegangenen Zweikampf und forderte einen Pfiff für ein Foul - den sie nicht bekam. In der Schlussphase war sie gefordert, als das Team mehr nach vorne warf. Zum einen startete sie selbst einige Läufe in die Tiefe, gleichzeitig blieb sie aber als letzte Verteidigerin gefordert - und ließ sich nicht überrumpeln.

Giulia Gwinn: Die 19-Jährige bewies in ihrem 13. Länderspiel erneut Flexibilität. In der ersten Halbzeit klärte sie als Rechtsverteidigerin die Angriffe der Schwedinnen ruhig und frühzeitig und veranlasste die Gegnerinnen mit ihrer coolen Abgeklärtheit dazu, mehr über links zu spielen. Dadurch hatte sie dann sogar Zeit, sich mehr um das Spiel in die Offensive zu kümmern. Nach der Einwechslung von Maier tauschte sie mit dieser die Position und spielte fortan auf links weiter. In der 48. Minute war sie im Laufduell dann einmal nicht schnell genug und konnte die Flanke in den Strafraum nicht verhindern, die letztlich zum 1:2 führte. Als Neuling hat sie bei dieser WM alle Spielminuten mitgenommen, die sie bekommen konnte - und wird sicherlich auch für die kommenden DFB-Partien gesetzt sein.

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Die super Vorarbeit zum deutschen 1:0 kam von Sara Däbritz.

(Foto: REUTERS)

Sara Däbritz: Was für ein feiner Pass der 24-Jährigen auf Lina Magull! In der 17. Minute leitete sie mit ihrem Lauf in die Mitte an die Strafraumgrenze und einem extrem abgepassten Zuspiel das 1:0 ihrer Teamkollegin ein. Während sie zuletzt auf links eingesetzt wurde, spielte sie in ihrem 65. Länderspiel zentral und defensiver als zuvor. Von daher war es nicht verwunderlich, dass sie nicht so viele auffällige Szenen hatte wie etwa in den Spielen gegen Spanien und Südafrika, als sie jeweils zur Spielerin des Spiels gewählt wurde. Auch in ihrer zentraleren Rolle konnte sie den Einbruch der Deutschen nach dem 1:1-Ausgleich nicht aufhalten und so resümierte die Münchnerin, die künftig für Paris Saint-Germain auflaufen wird: "Wir alle sind sehr enttäuscht, haben unser Ziel leider nicht erreicht, unseren Traum nicht erreicht."

Linda Dallmann: Die 24-Jährige von der SGS Essen durfte gegen Schweden zum ersten Mal von Beginn an ran. Das war durchaus überraschend, rückte sie doch statt Melanie Leupolz ins Team und sollte ihr Vorbild Dzsenifer Marozsán ersetzen. In ihrem 23. Länderspiel agierte sie zumeist unauffällig, verteilte die Bälle im Mittelfeld, verlor aber auch einige an die Schwedinnen. In der anfänglichen Druckphase ihres Teams auch mit nach vorn, war allerdings nicht an entscheidenden Situationen beteiligt. Dass sie auf links und rechts spielen kann bewies sie, als sie rund um die 20. Minute mit Huth die Seiten tauschte. Dallmann durfte zur Halbzeit der Hitze auf dem Rasen entkommen - und ihrem Idol Platz machen, denn ...

... für sie kam ab der 46. Minute Dzsenifer Marozsán. Die 27-Jährige hatte ihren ersten Auftritt bereits in der Halbzeitpause, als Co-Trainer Patrik Grolimund sie separat von allen anderen Ergänzungsspielerinnen zum Einzelwarmmachen schickte. Psychologisch ausgeklügelt an der Mittellinie - direkt neben den Schwedinnen. Was war vorher nicht alles über ihren gebrochenen Zeh gesprochen und geschrieben worden, der nur getapet im Schuh steckte. Schmerzen waren ihr auf dem Feld nicht anzumerken, sie schonte sich in Zweikämpfen nullkommanix. Auch die Standards übernahm sie wie vor ihrer Verletzung üblich. Allein, gebracht hat es nichts. In ihrem 92. Länderspiel brachte Marozsán bei ihrem ersehnten Comeback nicht die belebende Wirkung, die sich Bundestrainerin und Mitspielerinnen und Fußball-Deutschland erhofft und die Schweden gefürchtet hatten. Statt triumhierend mit dem Team wird sie nun frustriert allein in ihre Wahlheimat Lyon reisen müssen.

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Lina Magull traf formvollendet, ihr Tor reichte aber nicht gegen spielfreudige Schwedinnen.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Lina Magull: Die 24-Jährige sorgte dafür, dass dieses Viertelfinale so richtig gut startete. In der 6. Minute nahm sie sich selbstbewusst den ersten Freistoß des Spiels, schoss ihn aber zu direkt auf Schwedens Torfrau Hedvig Lindahl. Doch in der 17. Minute euphorisierte die Münchnerin dann sich, ihr Team und die Fans. In ihrem 36. Länderspiel sorgte sie nämlich sehenswert für die Führung. Nach einem feinen Pass von Däbritz zog sie per Seitfallzieher mit rechts ab - und tunnelte dabei noch Lindahl. Nach dem Einbruch ihres Teams arbeitete sie sich zwar weiter durch das Mittelfeld, konnte aber auch nichts Belebendes mehr beitragen. "Wir haben uns nach dem Gegentor aus der Ruhe bringen lassen, was total unnötig war", sagte Magull enttäuscht. "Da rennst du dann bekloppt hinterher und bist insgesamt zu unruhig, zu ungeduldig", erklärte sie die Situation nach dem Rückstand. "Vielleicht hapert‘s bei uns einfach auch an der Erfahrung. Wir haben als Team noch nicht so die Erfahrung, was aber keine Ausrede sein soll." Für sie sei es einfach "brutal scheiße", dass mit dem Ausscheiden aus dem Turnier auch die Olympia-Qualifikation verpasst ist.

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Alex Popp: In ihrem 100. Länderspiel spielte die 28-Jährige beim Achtelfinalsieg gegen Nigeria überragend, nun, in ihrem 101. wieder so unglücklich wie zuvor bei diesem Turnier. Als Allrounderin agierte sie diesmal nicht in der Spitze, sondern im defensiven Mittelfeld. Dort konnte die Wolfsburgerin anfangs viele Bälle abfangen und verteilen und sorgte so für den Drang nach vorn. In der 32. Minute half sie bei einem Angriff der Schwedinnen sogar als letzte Frau aus und löste die Situation souverän, weil sie die Gegnerin so weit nach rechts drängte, dass dieser nur der Pass in den Rücken übrig blieb. Popps Niveau aber ließ mit dem aller Deutschen merklich nach. Spielte nach der Auswechslung von Schüller dann wieder auf ihrer angestammten Position im Sturm. Dort tauchte sie einmal gefährlich vor Lindahl auf, wurde von der abgeräumt und bekam nach Überprüfung des Videoschiedsrichters nach einer kurzen Behandlungspause mitgeteilt, dass sie im Abseits stand. Mehr aufregende Szenen gibt es für die Kapitänin nicht zu verbuchen.

Svenja Huth: Die 28-Jährige hatte nach der bitteren Niederlage noch lange Tränen in den Augen. "Mir fehlen ehrlich gesagt die Worte", sagte sie nach ihrem 49. Länderspiel. Die Noch-Potsdamerin und Bald-Wolfsburgerin startete gewohnt kämpferisch, jagte vielen Bällen nach und bekam aufgrund ihrer Schnelligkeit entsprechend viele Pässe in die Tiefe zugespielt. Nur: Verwerten konnte Huth die nicht nennenswert und so blieb lediglich ihr Wille. "Letztendlich hat Schweden in der Defensive gut gestanden, hat auch gut gearbeitet", sagte Huth nach dem Spiel: "Die Enttäuschung ist riesengroß."

Lea Schüller: In ihrem 17. Länderspiel musste die 21-Jährige Nehmerqualitäten beweisen. Ein ums andere Mal lag sie mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden, hielt sich den Bauch, den Knöchel und weitere Körperteile, schlug sich aber tapfer. Auch weil sie in der Anfangsphase früh die Schwedinnen attackierte, mussten diese tief stehen und konnten ihr Spiel zunächst nicht richtig aufbauen. In der 19. Minute kam Schüller zum Kopfballabschluss, doch Schwedens Keeperin Lindahl konnte den Ball problemlos festhalten. Wurde in der 69. Minute schließlich von weiteren Schmerzen erlöst ...

... von Lena Oberdorf. Das Küken des DFB-Teams war der letzte Joker, den die Bundestrainerin zog. Die 17-Jährige von der SGS Essen hatte kurz vor Schluss sogar noch eine Kopfballchance, nutzte sie aber nicht. Positiv bleibt für sie: Als eine der Überraschungen hat sie bei diesem Turnier auf sich aufmerksam gemacht. Ob sie das tröstet? "Nicht wirklich, ich wollte bei meinem ersten Turnier natürlich sehr weit kommen. Gerade auch mit dieser Mannschaft, denn es ist wirklich eine überragende Mannschaft", sagte Oberdorf nach dem Spiel. Gebracht hat es ihr dennoch etwas: "Die ganzen Erfahrungen, die ich auch aus dem Training machen konnte. Dass ich zum Beispiel mit einer Dzsenifer Marozsán auf dem Platz stand, das ist schon eine schöne Erfahrung."

Quelle: n-tv.de

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