Fußball-WM 2019

Lehren der WM-Gruppenphase Vorn verschwenderisch - hinten hält Schult

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Kampfgeist und Wille leiten die DFB-Elf durch die Gruppenphase.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Drei Spiele, drei Siege, null Gegentore: Die DFB-Elf schließt die Gruppenphase der Fußball-Weltmeisterschaft mit perfekter Statistik ab. Vor dem Achtelfinale gibt es dennoch vieles zu verbessern. Denn während Torfrau Almuth Schult glänzt, zeigt die Offensive noch nicht ihr ganzes Können.

Auf der "Tour de France" - so nennt Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich - wartet im Achtelfinale die erste Bergetappe. Weil das Spiel am Samstag (17.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Wintersportort Grenoble stattfindet. Und weil ein ganz schöner Brocken auf die DFB-Elf zukommen könnte. Das deutsche Team trifft auf einen Gruppendritten, das könnte Brasilien mit Superstar und WM-Rekordtorschützin Marta werden - oder auch Argentinien. Bis Donnerstag müssen die Deutschen wohl abwarten, erst dann ist die Vorrunde beendet.

Das erschwert die Vorbereitung ungemein: "Es ist blöd und vermessen, sich etwas zu wünschen, denn das geht dann meistens nicht in Erfüllung", sagte Voss-Tecklenburg. "Wir müssen jetzt wirklich gucken, wie die Konstellation ist. Ich finde es unfassbar spannend und unfassbar schwierig. Es ist so viel möglich." Verteidigerin Carolin Simon betonte, dass es dem Team letztlich egal ist: "Es bringt auch nichts, wenn wir gegen einen vermeintlich schlechteren Gegner spielen, aber selbst grottig spielen, davon können wir uns auch nichts kaufen."

Gut vorbereitet sein werden sie dennoch: "Es ist beim DFB tatsächlich so, dass wir so gut aufgestellt sind, dass alle Spiele geschaut werden, dass wir ein Scouting- und Analystenteam haben, das sich in Nord und Süd aufgeteilt hat", erklärte Voss-Tecklenburg. Und einen Plan gibt es bis zur Gegnerverkündung auch: "Das heißt jetzt mehr auf uns zu schauen. Mehr auf die Aktionen zu schauen, die wir sowieso als Prinzipien ins Spiel bringen wollen." Auf sich selbst schauen ist ohnehin nie die schlechteste Idee, gerade weil die DFB-Elf noch Luft nach oben hat.

Die Vorrunde in der Analyse:

Almuth Schult ist ein starker Rückhalt

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Almuth Schult hält derzeit alles.

(Foto: imago images / AFLOSPORT)

Erst lebensgefährlich an Masern erkrankt, dann an der Schulter verletzt - und jetzt brillant im WM-Turnier. Torfrau Almuth Schult beweist in Frankreich ihre Klasse. Nach der Vorrunde steht sie mit weißer Weste da. Sie hält - wenn sie denn gefordert wird - so stark, dass manche sich schon an ihre Vorgängerin Nadine Angerer erinnert fühlen, die bei der WM 2007 ohne einen einzigen Treffer hinnehmen zu müssen durchs Turnier marschiert war. "Wir haben Kontakt, aber das ist noch nicht zur Sprache gekommen, davon sind wir noch weit entfernt. Es wären bis zum Finale noch vier Spiele. Es wird auch nicht möglich sein, ich glaube daran nicht", sagte Schult nach dem Spiel gegen Südafrika. "Es sind jetzt auch nicht mehr sechs, es sind sieben Spiele und in sieben Spielen in so einem Turnier mit Weltklasse-Gegnern ohne Gegentor zu bleiben, ist schier unmöglich."

Doch wenn man die 28-Jährige auf dem Platz beobachtet, scheint es vielleicht doch nicht ganz unmöglich. Gegen China, Spanien und Südafrika bekam die Frau vom VfL Wolfsburg nur phasenweise etwas zu tun, war aber immer zur Stelle. Sie pflückte Flanken vor einem möglichen Kopfball ab, schmiss sich ohne Furcht in gefährliche Angriffe, machte sich extrem groß und breit, wenn eine Stürmerin wie im Spiel gegen Südafrika allein auf sie zurannte. Kam kein Ball in ihre Nähe, ordnete sie die Mannschaft vor sich und strahlte extreme Ruhe und Sicherheit aus. Zudem ist sie in der Lage, ihr Team und das Spiel zu analysieren: "Sie ist die erste, die das mit den Spielerinnen bespricht oder uns als Trainerteam immer auch einen Hinweis gibt", erklärte Voss-Tecklenburg. Weil sie im Spiel gegen Spanien merkte, dass ihre Vorderleute zu nervös sind für Kurzpässe, schlug sie weit ab. So eine Torhüterin braucht ein Team, wenn eine Weltmeisterschaft erfolgreich verlaufen soll. Das weiß auch die Trainerin: "Ich bin sehr froh, dass die Almuth bei uns im Tor steht."

Defensive legt Nervosität ab und kämpft zusammen

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Sara Doorsoun bemängelt die vielen "Abspielfehler".

(Foto: imago images / PanoramiC)

Im Auftaktspiel gegen China waren die Innenverteidigerinnen Marina Hegering und Sara Doorsoun noch sehr nervös, ihnen unterliefen gleich mehrere Fehler, die nur dank Glück und der Stärke von Schult kein Gegentor verursachten. Doch gegen Spanien und Südafrika haben sich die beiden stabilisiert. "Momentan ist es, dass ich meine Aufgabe defensiv sehr gut erfülle, dass ich meine Zweikämpfe hinten gewinne, dass ich aber auch weiß, dass der Spielaufbau noch besser sein kann", sagte die 24-jährige Doorsoun nach dem Südafrika-Duell. Vor allem "doofe Abspielfehler" ärgerten die Wolfsburgerin, "die es uns dann in der Vorwärtsbewegung schwer machen". Diese Kritik gilt allen Spielerinnen, nicht nur denen in der Abwehr. Doorsoun verkündete aber auch: "Ich sage selten, dass ich zufrieden bin und wenn ich nichts hätte, woran ich arbeiten müsste, wäre es ja langweilig."

Zur Stärke der DFB-Defensive gehört, dass sie variabel und flexibel ist. Da half auch schon mal Mittelfeldspielerin Melanie Leupolz aus, da blockte auch mal Kapitänin und eigentlich Stürmerin Alexandra Popp einen gegnerischen Angriff ab. Schult äußerte dennoch Kritik: "Solche Fehler, dass wir die Bälle leichtfertig verdaddeln, werden im Achtelfinale hart bestraft." Also das, was vor allem in der Schlussphase des Südafrika-Spiels passierte, als das Team mit dem 4:0 auf der Habenseite die Konzentration nicht mehr so recht hochhielt. Popp aber betonte etwas, das von Turnierstart an gut war: "Der Kampfgeist passt."

Ungenauigkeit und Chancenwucher im Angriff

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Die Passquote von Leupolz war gut.

(Foto: imago images / PanoramiC)

"Eine Trainerin ist nie zufrieden", sagte Voss-Tecklenburg und führte aus: "Ich finde wir haben immer noch Momente und Phasen im Spiel, in denen wir es zu kompliziert oder zu schnell lösen wollen und das ist sicherlich etwas, das wir noch viel besser machen können. Wenn ich nicht das Vertrauen hätte, dass die Mannschaft das kann, dann würde ich das auch nicht einfordern." Dieses Besser machen gilt vor allem für das Passspiel. 75 Prozent der deutschen Pässe im Spiel gegen Südafrika kamen an - eine Steigerung gegenüber den Spielen gegen China (70) und Spanien (62). Doch noch immer wurden zu viele Angriffschancen bereits früh im Keim erstickt. Svenja Huth etwa lief sich über rechts mehrmals frei, der Ball aber kam nicht bei ihr an. Auch Klara Bühl musste ein ums andere Mal beidrehen.

Es gibt aber bereits jetzt Spielerinnen, die hervorstechen. So hatten etwa Sara Däbritz und Melanie Leupolz Passquoten von über 80 Prozent. Und auch insgesamt zeigten die Deutschen im dritten Vorrundenspiel einen Aufwärtstrend. "Es war wichtig, dass wir wieder Fußball gespielt haben. Dass wir den Ball haben laufen lassen. Dass wir den Gegner haben laufen lassen und dann wirklich zu guten Torchancen gekommen sind", sagte Kapitänin Popp erleichtert. Auch Bühl sagte: "Wir haben als Team mehr zusammengespielt, viele Pässe gespielt, den Gegner laufen lassen."

Und so stehen aus drei Spielen sechs Tore zu Buche - das ist per se keine schlechte Bilanz. Davon stammen aber allein vier Treffer vom Südafrika-Spiel. Und selbst da hatten die Deutschen weit mehr Chancen als sie nutzten. Das bestätigte auch Popp: "Es hätte das ein oder andere Tor mehr fallen müssen." Auch Lea Schüller sagte: "Wir hatten noch einige Chancen" - eine davon vergab sie selbst in der Schlussphase. Das bestätigt auch die Statistik: Von 23 Torschüssen führten letztlich nur vier zu Toren.

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Carolin Simon ist zufrieden - und auch nicht.

(Foto: imago images / HMB-Media)

"Ich habe noch keine Spielerin in diesem Turnier erlebt, die gesagt hat: Ich bin zufrieden mit mir. Im Gegenteil. Manchmal sind sie sogar überkritisch", hatte Voss-Tecklenburg bereits nach dem Spanien-Spiel gesagt. Und daran hat sich bislang nichts geändert. Auf jeden Fall noch verbessert werden müsse der spielerische Aspekt, sagte Linksverteidigerin Carolin Simon: "Ja, wir haben einen Schritt nach vorn gemacht, aber dennoch sind wir noch nicht zufrieden." Alle seien sich einig, dass es noch Luft nach oben gibt. Lina Magull ergänzte: "Wir sind in einem Turnier und ich finde es jetzt schon einmal positiv, dass der Trend nach oben geht und nicht nach unten." Es gelte natürlich weiterhin für jede Einzelne, im nächsten Spiel das Beste aus sich herauszuholen. Und obwohl es noch nicht perfekt läuft, sagte Schult: "Die Gegner haben Angst vor uns." Und Voss-Tecklenburg hob hervor: "Wenn mir vorher jemand gesagt hätte, ihr geht mit neun Punkten durch die Gruppe - ich glaube das ist nicht selbstverständlich. Wir haben uns das auf die unterschiedlichste Art und Weise verdient."

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Quelle: n-tv.de

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