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WM-K.o. für Handballer Harmlos wie die Chorknaben

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Stieß gegen die Kataris an seine Grenzen: Deutschlands scheidender Trainer Sigurdsson

(Foto: picture alliance / Marijan Murat)

Das 20:21 im Achtelfinale der Handball-WM gegen Katar wird für den scheidenden Bundestrainer Dagur Sigurdsson und seine Mannschaft zum Desaster. Eine Niederlage, die gänzlich unerwartet kommt - und vermeidbar ist.

Julius Kühn saß auf dem Podium des Presseraums in der AccorHotels-Arena in Paris und starrte auf den vor ihm liegenden Zettel mit den statistischen Erhebungen des Spiels gegen Katar. Der Gummersbacher schüttelte mit dem Kopf, als könne er nicht fassen, welche Zahlen da vor ihm lagen. Vor allem die beiden wichtigsten: 20 Tore für Deutschland, 21 für Katar. Aus im Achtelfinale der Weltmeisterschaft, diese Nachricht schien noch nicht den Weg ins Bewusstsein des Rückraumschützen gefunden zu haben.

Als Kühn wenig später gebeten wurde, seine Einschätzung zu einem Spiel abzugeben, das für den deutschen Handball einem Desaster gleich kommt, schüttelte der 23-Jährige erneut mit dem Kopf und vergrub das Gesicht in seinen riesigen Händen: "Sorry, ich kann nichts zum Spiel sagen." Als die Reporter an ihm vorbei drängten, um die Statements von Bundestrainer Dagur Sigurdsson einzufangen, erhob sich der baumlange Nationalspieler. Kühn, dieser harte Kerl, hatte Tränen in den Augen.

Ein Weltklasseteam, weit entfernt von seiner Normalform

Wie konnte so etwas passieren, das war die Frage, die sich an diesem schwarzen Abend alle stellten. Unglaublich aber wahr, das deutsche Team hatte fast die gesamte Spieldauer über geführt und sich am Ende von der zusammengekauften Söldnertruppe aus dem Emirat noch abfangen lassen, weil in der hektischen Schlussphase die Nerven komplett versagten.

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Konnte trotz zahlreicher Glanzparaden nichts am Endergebnis ändern: DHB-Torhüter Andreas Wolff

(Foto: picture alliance / Marijan Murat)

Schon zuvor hatten sich Schwächen offenbart, die in dieser Form nicht zu erwarten waren. Nicht nach den Erfolgen von 2016, nicht nach fünf souveränen Siegen in der Vorrunde. Während die Abwehr sicher stand und Torhüter Andreas Wolff mit einer absoluten Weltklasseleistung glänzte, unterliefen der deutschen Auswahl in der Offensive kaum fassbare technische Fehler und mentale Unzulänglichkeiten. 15 Ballverluste durch teilweise anfängerhafte Fehlpässe, 14 Fahrkarten aus dem Rückraum - das sind unterirdische Werte, die viel darüber sagen, wie weit dieses Weltklasseteam an diesem Tag von seiner Normalform entfernt war.

"Ein paar technische Fehler sind ja okay", sagte Rückraumspieler Steffen Fäth von den Füchsen Berlin, "aber in dieser Menge habe ich das noch nicht erlebt." Der nachnominierte Holger Glandorf schüttelte ungläubig den Kopf, "in unserer Mannschaft haben doch alle Spieler Erfahrung aus der Bundesliga und der Champions League." Er wisse selbst nicht, "wie so etwas passieren kann", sagte Patrick Wiencek, "das ist auf jeden Fall ein bitterer Rückschlag für unsere Mannschaft".

Jegliche Kontrolle über das Spielgeschehen verloren

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Hatte einen furchtbaren Tag: Steffen Fäth (Mitte)

(Foto: picture alliance / Marijan Murat)

Das Ausscheiden gegen Katar traf die deutsche Mannschaft, die im vergangenen Jahr mit dem Triumph bei der Europameisterschaft und dem Gewinn der olympischen Bronzemedaille für so viel Begeisterung und Aufbruchstimmung gesorgt hatte, wie ein Keulenschlag. Es war auch eine herbe Niederlage für Sigurdsson, der in Paris sein letztes Spiel als Bundestrainer erlebte und in den 60 Minuten deutlich an seine Grenzen stieß. Dem Erfolgstrainer, der in der Vergangenheit zurecht dafür gerühmt wurde, ein ausgewiesener Taktikfuchs zu sein, der immer einen Plan B oder gar einen Plan C in der Tasche hat, gingen gegen die Katarer die Ideen aus. Als seine Mannschaft ins Trudeln geriet und selbst einfachste Abläufe nicht mehr klappten, die Spieler internationalen Formats normalerweise im Schlaf beherrschen, stand der Bundestrainer ratlos an der Seitenlinie und konnte seinem taumelnden Ensemble keinen Halt geben.

Nach dem Ausscheiden räumte Sigurdsson ein, auch er selbst habe Fehler gemacht. Auf die Nachfrage, welche Versäumnisse er sich konkret vorwerfe, verwies der Isländer darauf, er habe es in der letzten Spielminute, als die deutsche Mannschaft längst jegliche Kontrolle über das Spielgeschehen verloren hatte, versäumt, eine Auszeit zu nehmen und sein verunsichertes Kollektiv noch einmal neu einzustellen: "Da habe ich gezögert."

Bei seiner Analyse behielt der 43-Jährige allerdings für sich, dass dies eines seiner geringeren Versäumnisse war. Viel schwerer wog die Entscheidung, den völlig indisponierten Steffen Fäth bis zum bitteren Ende im Spiel zu lassen. Dabei hatte Sigurdsson doch immer wieder die vielen Alternativen gerühmt, die sein Kader biete. Warum er dann jedoch einem Spieler vertraute, der für jeden erkennbar einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, wird ein Geheimnis bleiben, das Sigurdsson mit zu seinem neuen Arbeitgeber nach Japan nehmen wird.

"Bad Boys" zahm wie die Chorknaben

Auch das Chaos, das in der deutschen Deckung ausbrach, als Wiencek das Spielfeld zehn Minuten vor dem Ende nach seiner dritten Zeitstrafe verlassen musste, vermochte Sigurdsson nicht zu regulieren. Rafael Capote, den die Abwehr so lange neutralisiert hatte, erzielte vier der letzten fünf Tore und wurde damit zum Matchwinner. Niemand hielt ihn auf, dabei waren die Deutschen in der ersten Hälfte noch so erfolgreich damit, den wurfgewaltigen Rückraumspieler kurz zu decken und ihm so den Spaß am Spiel zu nehmen. Doch als es um alles ging, waren die Spieler, die sich selbst so gerne als "Bad Boys" bezeichnen, zahm wie Chorknaben.

Torhüter Wolff, der den Untergang trotz einer Quote von 44 Prozent gehaltenen Bälle nicht verhindern konnte, ging hernach mit seinen Kollegen hart ins Gericht. Einige seien gedanklich nicht auf der Höhe gewesen, "vielleicht waren sie mit dem Kopf schon beim Halbfinale gegen Frankreich". Da wird also einiges aufzuarbeiten sein in einer Mannschaft, die bis dato einen Teil ihrer Stärke aus dem gelebten Teamgeist gezogen hat. Es wird sich weisen, ob diese noch junge Gemeinschaft an diesem Rückschlag wächst, oder ob das bislang so stabile Gefüge nachhaltig aus dem Gleichgewicht gerät.

Auf den neuen Bundestrainer, der aller Voraussicht nach Christian Prokop heißen wird, wartet also ein anspruchsvoller Job. Routinier Holger Glandorf wird das von außen beobachten. Der Flensburger glaubt trotz des Rückschlags an eine glorreiche Zukunft: "Ich hoffe, die Jungs lernen daraus und kommen gestärkt wieder."

Quelle: n-tv.de

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