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Sport erwartet McLaren-Nachbeben IOC gerät unter Druck, Russland spottet

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IOC-Präsident Thomas Bach ist ein Freund von Russlands Präsident Wladimir Putin. Ein Freund von Kollektivstrafen ist er selbst im Fall von erwiesenem Staatsdoping nicht.

dpa

Tausende Beweise zum russischen Staatsdoping liegen dank Richard McLaren auf dem Tisch, nun müssen die Vorwürfe geprüft werden. Erwartet wird eine Strafen-Lawine. Vor einem Olympia-Aus für Russland dürfte sich das IOC wieder drücken.

Richard McLaren hat geliefert, Thomas Bach muss nun handeln - und Russland ist sich keiner Schuld bewusst. Trotz der hämischen Kommentare zur Arbeit von McLaren dürfte die Indizienflut des Wada-Sonderermittlers zum gigantischen russischen Dopingskandal aber bald weitere Nachbeben auslösen. Zwei Berichte mit fast 200 Seiten hat der kanadische Rechtsprofessor inzwischen vorgelegt, mehr als 1000 russische Athleten aus 30 Sportarten sollen in das staatlich dirigierte Manipulations- und Betrugssystem involviert gewesen sein.

Wie vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro ist nun das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit seinem deutschen Präsidenten Bach gefragt. Der sagte zwar: "Für mich als Olympia-Teilnehmer sollte jeder Athlet oder Offizielle, der sich aktiv an einem solchen Manipulationssystem beteiligt hat, lebenslang von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden - in welcher Funktion auch immer." Andererseits ist der Jurist aber strikt gegen den kompletten Bann eines gesamten NOK und setzt wie vor Rio auf Einzelfallprüfungen. 

Entgegen kommt ihm und dem IOC, dass McLaren in seinem Bericht eine Verstrickung des russischen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) Russlands in den Skandal verneinte, obwohl er schon in seinem ersten Bericht hohe Funktionäre aus dem NOK namentlich genannt hatte. In einem Fall handelt es sich um den mittlerweile entlassenen stellvertretenden Sportminister Juri Nagornich, bei dem alle Stricke zusammenliefen. "Ich habe keine klaren Hinweise auf Beteiligung des russischen NOC", sagte McLaren am Freitag. Das passte dem IOC gut in die Karten, denn so scheint keine Komplett-Strafe nötig.

Internationale Kritik am IOC

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Das russische Dopingkontrollsystem wurde auf staatliche Anweisung jahrelang ausgehebelt.

(Foto: dpa)

Für viele andere ist das Maß hingegen längst voll und ein Olympia-Ausschluss des russischen Teams für die Winterspiele 2018 in Pyeongchang/Südkorea alternativlos, sollte sich der Skandal in diesem Ausmaß bestätigen. Im Visier kritischer Kommentare der internationalen Presse stand vor allem das IOC. Es zeichne sich vor allem "durch seine Unschlüssigkeit und seine Verschleppung der Sache aus", urteilte der britische "Guardian".

Das IOC-Statement enthalte "keine Verurteilung, keine Reue, keine Entschuldigung, lediglich 300 Worte leeren Geschwafels". Der "Daily Telegraph" befand: "Solange der Fünf-Ringe-Zirkus keine ernsthaften Maßnahmen gegen das Doping unternimmt, sollten sich die Metropolen der Welt der "größten Show der Welt" verweigern."

McLaren hatte in seinem am Freitag vorgestellten Bericht von einer "institutionellen Verschwörung" im russischen Sport gesprochen mit mehr als 1000 gedopten Sportlern. Namen nannte er nicht, zudem müssen diese Fälle nun einzeln geprüft werden. Die Welt-Anti-Doping-Agentur hat deshalb bereits angekündigt, die Erkenntnisse aus dem Report und die entschlüsselten Namencodes an das IOC, die betreffenden internationalen Fachverbände und an das Internationale Paralympische Komitee weiterzugeben.

Fünf Deutsche könnten nachrücken

In seiner Reaktion auf Teil 2 des Reports kündigte das IOC an, alle 254 Urinproben russischer Athleten von den Winterspielen 2014 in Sotschi erneut zu analysieren. Zudem wurde das Mandat der IOC-Kommission, die nun die Einzelfallprüfungen vornehmen soll, erweitert. Somit können auch sämtliche Dopingproben russischer Athleten, die bei den Olympischen Spielen 2012 in London genommen wurden, von den IOC-Experten untersucht werden. Die Disziplinarkommission wird vom Schweizer Denis Oswald geleitet.

Der McLaren-Bericht enthält Beweise dafür, dass Dopingproben von insgesamt zwölf Medaillengewinnern der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 manipuliert worden seien - in vier Fällen handele es sich um Olympiasieger. Namen wurden in dem Bericht nicht genannt. Die Gastgeber hatten in Sotschi die Nationenwertung mit 33 Medaillen klar gewonnen: 13 Mal gab es Gold, 11 Mal Silber und 9 Mal Bronze.

Würden Russen ihre Plaketten wegen Dopings nach Verfahren und entsprechenden Sanktionen tatsächlich verlieren, könnten in fünf Fällen deutsche Athleten auf Medaillenplätze vorrücken.

"Das ist nichts als Müll"

Davon geht man in Russland allerdings nicht aus, die ersten Reaktionen zeugen von wenig Einsicht. Für die Vorwürfe im McLaren-Report gebe es keine Beweise, sagte der Anwalt des russischen Paralympischen Komitees, Alexej Karpenko. Der Jurist verglich das Vorgehen gegen Russland gar mit dem Stalin-Terror 1937: "Man wird vorgeladen, angeklagt, Beweise werden nicht vorgelegt, und schon geht man für zehn Jahre ins Lager."

Assistiert wurde ihm von Witali Mutko, in den fraglichen Jahren Sportminister. "Es gibt kein staatliches Programm zur Unterstützung von Doping im Sport", behauptete Mutko nun. Natalia Gart, Präsidentin des russischen Rodel-Verbandes, sagte sogar: Der "veröffentlichte McLaren-Report wird durch nichts bestätigt. Wo sind die Fakten? Man kann sagen, das ist nichts als Müll."

Quelle: n-tv.de, cwo/dpa/sid

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