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Experte erklärt das NBA-Phänomen James ist der "Michael Jordan seiner Ära"

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Der Beste seiner Zeit.

(Foto: AP)

Nach dem nächsten Meisterstück von LeBron James drängen sich die Vergleiche zum legendären Michael Jordan immer mehr auf. Basketball-Experte und -Kommentator André Voigt erklärt im Interview, wie er James im Vergleich zu Jordan sieht, wieso der Superstar der Los Angeles Lakers immer noch so stark ist und wieso die "NBA Bubble" in der Disney World gegen jede Wahrscheinlichkeit ein voller Erfolg war.

Die Los Angeles Lakers waren in der vergangenen Saison nicht einmal in den Playoffs, jetzt sind sie wieder Champion. Wie kam es dazu?

André Voigt: Zum einen lag es daran, dass sich LeBron James in diesem Jahr nicht verletzt hat. Im vergangenen Jahr waren die Lakers Dritter im Westen, als er sich in der Weihnachtszeit die Verletzung zugezogen hat. Und natürlich gibt es in dieser Saison jemanden an seiner Seite, der Anthony Davis heißt - ein klarer zweiter MVP-Kandidat. Mit zwei solchen Spielern musst du auch fast schon Meister werden, denn so ein Duo hat kein anderes Team in der Liga.

Kann man die Erfolgsformel auch für die Finals herunterbrechen? LeBron und Davis haben den Unterschied gemacht gegen Miami?

Ja, die beiden besten Spieler dieser Finalserie kamen aus LA - James und Davis. Die NBA ist eine Liga, in der Stars Spiele gewinnen, weil du Fünf-gegen-Fünf spielst. Das war das beste NBA-Duo in diesem Jahr, das haben sie auch in den Finals gezeigt. LeBron war in allen Facetten des Spiels dominant. Davis hat überragend verteidigt, offensiv war er auch immer da, wenn er gebraucht wurde. Das war ein klarer Sieg dieses Star-Duos.

Für die Lakers war es der 17. Titel, damit ziehen sie mit dem Rekordmeister Boston Celtics gleich. Wie wichtig ist das für diesen stolzen Klub?

Das ist schon etwas, wo man mit dem Finger drauf zeigen kann, nach dem Motto: Jetzt sind wir wieder vorne mit dabei. Aber wenn ich ehrlich bin, ist es mehr Marketing als alles andere. Für jemanden wie LeBron oder Spieler wie Davis, Alex Caruso, Kyle Kuzma, die zum ersten mal Meister geworden sind, ist dieser erste Titel wohl wichtiger als der 17. für den Klub. Wichtig war der Erfolg für das Selbstverständnis der Lakers. Dass sie nach dieser langen Durststrecke und nach dem Tod von Kobe Bryant wieder Meister geworden sind. Diese lange Durststrecke war einzigartig in der Geschichte der Lakers, die noch nie mehr als zwei Jahre in Folge die Playoffs verpasst hatten.

Das Jahr der Lakers begann mit dem tragischen Tod von Klub-Legende Kobe Bryant. Neun Monate später haben sie den Meisterpokal zurück nach Kalifornien geholt. Wie emotional ist das für LeBron und Co.?

Es war nach dem Spiel direkt ein Thema. Bei den Reden von Teambesitzerin Jeanie Buss, LeBron oder Davis. Kobe war im Klub auch nach dem Rücktritt omnipräsent, er war bei den Spielen dabei, hat mit den Spielern im Sommer trainiert. Eine absolute Lichtgestalt, es gibt kaum andere Spieler, mit denen man das vergleichen kann - außer vielleicht Dirk Nowitzki in Dallas. Es war ein schwieriges Jahr in vielerlei Hinsicht, für die Lakers hat der Tod die Meisterschaft natürlich unter einen ganz anderen Stern gestellt.

Durch den Triumph bastelt LeBron James weiter fleißig an seinem Legendenstatus und hat nun mit drei unterschiedlichen Teams den Meistertitel geholt. Wie ist diese Leistung einzuordnen?

Es ist grandios und ein Zeichen, der Zeit, in der er spielt. In den 80er und 90er Jahren gab es schon die Free Agency, also dass Spieler zu anderen Teams wechseln können, wenn die Verträge auslaufen, aber damals waren Wechsel von Team A zu Team B noch längst nicht so verbreitet und nicht so leicht wie heutzutage. Aber die Leistung von LeBron ist schon Wahnsinn, wenn man überlegt, wie viel Glück du haben musst, um alleine mit einer Mannschaft Meister zu werden, und dann mit drei Teams, drei Managern, drei verschiedenen Besitzern. Er hat sich natürlich immer auch Teams ausgesucht, die Geld ausgeben konnten und bereit waren, die Luxussteuer zu zahlen, und hatte viel Mitspracherecht, wer noch geholt wird. Er hat sich die Situation genau ausgesucht. Er ist nie zu einer Mannschaft gekommen, wo das Talent-Level komplett weg war.

Er hat das schon sehr clever gemacht in Sachen Karriereplanung. Aber 17 Jahre auf diesem Level zu spielen und in den vergangenen Jahren neun von zehn Finals zu erreichen, das haben wir in der Neuzeit der NBA noch nicht gesehen. Allein die körperliche Belastung ist einfach unglaublich. Er ist und bleibt der überragende Spieler dieser Ära. Der Michael Jordan seiner Ära. Er wird auch zu Recht an die Seite von Jordan, Bill Russell oder Kareem Abdul-Jabbar gestellt, wenn es um die Frage des besten Spieler aller Zeiten geht.

Diese GOAT-Debatte (englisch für "Greatest Of All Times") flammt jetzt natürlich wieder auf. Wie sehen Sie James im Vergleich zu Jordan?

Es ist zu früh. Und man muss sich fragen, ob es richtig ist, diese Debatte aufzumachen. Es gibt keine klaren Kriterien. Interessanterweise gibt es die GOAT-Debatte fast nur im US-Sport. Der Vergleich von ihm und Jordan ist halbwegs standhaft, weil beide in der Neuzeit der NBA gespielt haben. Da es keine klaren Kriterien gibt, gibt es auch keine abschließende Antwort. Sie sind ungefähr auf dem gleichen Level.

Das Totschlag-Argument "Jordan hat mehr Titel" ist schwierig. Da müsste man entgegnen: Russell hat elf, also fast doppelt so viele wie Jordan. Ist er dann der Beste?

James gehört zu den Besten aller Zeiten und auf den Mount Rushmore der NBA. Die GOAT-Debatte wird in den Sozialen Netzwerken verstärkt geführt werden. Es gibt Argumente für Jordan, für Jabbar, für LeBron. Zum Beispiel, dass es noch keinen Spieler gab, der als Star mit drei verschiedenen Teams Meister geworden ist. Die Fans sollen gerne darüber streiten, eine richtige Antwort darauf gibt es nicht.

Wenn man Ihnen eine Pistole auf der Brust legen würde und sich sich für einen der beiden entscheiden müssten, wen würden Sie wählen?

Ich wäre wohl immer noch bei Jordan, weil LeBrons Karriere noch nicht vorbei ist. Wenn wir jetzt in drei Jahren darüber reden und er hat auch sechs Titel, ist es vielleicht wieder etwas anderes. Nach meinen persönlichen Kriterien ist es Jordan, weil er der Held meiner Jugend ist. Man verklärt dann sicher vieles. Er ist eine mythische Gestalt, wie wir auch in der ESPN-Dokumentation "The Last Dance" gesehen haben. Einer mit Ecken und Kanten, der ultimative Gewinner, der nie in den Finals verloren und für unfassbare Momente gesorgt hat. Wobei man dies - bis auf die Final-Geschichte - auch über James sagen kann. Für mich ist es Jordan, aber ich bin mir bewusst, dass es keine objektive Meinung ist, sondern subjektives Empfinden.

Was ist das Geheimnis von LeBron James? Mit 35 hat er seinen athletischen Höhepunkt schon hinter sich. Wie schafft er es, in dem Alter, noch so zu performen?

Er macht es wie die Großen vor ihm, unter anderem Dirk Nowitzki, Bryant oder Jordan. Alles Spieler, die nicht nur auf dem Feld ihren Job gemacht haben. Jabbar zum Beispiel hat sehr früh mit Yoga angefangen und extrem auf seine Ernährung geachtet, zum Beispiel kein rotes Fleisch gegessen. Das sind die Extrameter, die du gehen musst, wenn du zu den ganz Großen gehören willst. Natürlich brauchst du Talent. Auch aus einem schlechten Spieler machst du mit Yoga keinen Superstar. Wenn großes Talent und unfassbare Arbeitseinstellung zusammenkommen und du verstehst, dass du im Spitzensport auf deinen Körper achten musst plus diesen Siegeswillen, dann kann so etwas dabei herauskommen. Trotzdem ist es sehr selten. Bei James kommt das alles zusammen und dazu hat er noch einen unfassbaren Basketball-Intellekt. Er ist nicht der perfekte Spieler, aber sehr nah dran.

Wie viele Titel sind noch drin für James?

Gute Frage, weil er eben schon 35 ist. Davis wird im Sommer Free Agent. Gestern hat er schon gesagt, dass er sich momentan keine Gedanken machen wolle, sondern dann in Wochen oder Monaten schauen wolle, wie seine Möglichkeiten aussehen. Eine bemerkenswerte Aussage - im besten Fall für die Lakers war es unglücklich formuliert. Aber wenn er bleibt, und davon gehe ich aus, können die Lakers mit diesem Duo jedes Jahr Meister werden. Der Rest des Teams wird halbwegs zusammenbleiben. LA hat immer den Vorteil, dass die Spieler gerne in dieser Stadt leben möchten - gerade in Zeiten von Corona. Ich würde schon voraussagen wollen, dass die Lakers ein bis zwei hochkarätige Spieler bekommen, die für ein Jahr in LA spielen werden. Dann sind die Lakers im kommenden Jahr wieder unter den großen Favoriten.

Die NBA-Saison war alles andere als gewöhnlich. Anfang des Jahres starb Kobe Bryant, der frühere Boss David Stern ist ebenfalls verstorben, dann kam die Pandemie, der Restart in der abgeriegelten "Bubble", die Black-Lives-Matter-Proteste. Was bleibt für Sie von dieser denkwürdigen Spielzeit in Erinnerung?

Ich denke Corona und Black Lives Matter sind die beiden großen Sachen, gefolgt von Kobes Tod. Bei Kobe fühlt es sich fast so an, als sei es schon zwei Jahre her. Was die "Bubble" angeht, darf man nicht vergessen: Die Saison stand kurz vor dem Abbruch. Die Lakers waren eines von zwei Teams, die dafür gestimmt haben, die Saison nicht zu Ende zu spielen. Gott sei Dank hat die ruhigere Seite die Oberhand gewonnen und die Saison wurde zu Ende gespielt. Die NBA hat viele Maßnahmen etabliert, damit mehr Menschen wählen gehen, das ist eigentlich das Wichtigste überhaupt. Am Ende wird wohl wirklich die "Bubble" in Erinnerung bleiben. Wenn wir in 20 Jahren zurückblicken, werden wir wohl nicht als erstes auf Kobe gucken oder den Streik, sondern darauf, dass die NBA ein halbes Jahr wegen Corona pausierte, nach Disney World gefahren ist, eine hermetisch abgeriegelte "Bubble" aufgebaut hat und gegen alle Wahrscheinlichkeit, die Saison über drei Monate zu Ende gespielt hat - ohne einen einzigen positiven Corona-Test!

Das war eine infrastrukturelle Leistung, die man nicht hoch genug bewerten kann. Wir fällt spontan keine andere Sportart ein, in der es keine Probleme mit Infektionen gibt. Was die NBA geschafft hat, war eigentlich unmöglich. Eigentlich sollte man NBA-Boss Adam Silver und den Verantwortlichen ebenfalls einen Pokal dafür geben.

Ihr Fazit für die "NBA Bubble" und den Restart lautet also: voller Erfolg?

Es war ein Erfolg. Ich hatte selbst arge Bedenken. Nicht weil ich dachte, die Spieler infizieren sich oder weil es an nötiger Disziplin mangele. Ich habe mir mehr Sorgen gemacht, ob der Druck von Außen zu groß wird wegen des Infektionsgeschehens in den USA. Als die "NBA Bubble" begann, waren die Zahlen in Florida auf Rekordniveau. Man musste sich schon fragen: Macht es Sinn, hier Basketball zu spielen, wenn draußen die Kühlwagen für die Toten stehen. Soweit ist es zum Glück nicht gekommen. Da hatte die NBA sicher auch Glück. Sie hat ihren Job perfekt gemacht, viele Sportligen weltweit können sich davon etwas abgucken.

Mit Blick auf die kommende Saison: Wann und wie wird es weitergehen mit der Saison 20/21?

Das ist eine Frage, die aktuell keiner wirklich beantworten kann. Der Saisonstart wurde schon mehrfach nach hinten geschoben. Jetzt wird es darauf ankommen, was mit den Schnelltests passiert. Die NBA hat das deutlich gemacht: Sie werden nicht anfangen, ohne Tests und ohne Zuschauer, wenn am Horizont zu sehen ist, dass es auf absehbare Zeit möglich ist. Die Liga hat enorme finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Deswegen werden sie alles tun, nächstes Jahr jeden Dollar durch Ticketingeinnahmen mitzunehmen. Das Problem für den Weltbasketball wird sein, dass die Olympischen Spiele ein Opfer davon sein werden. Wenn die NBA spät anfängt und ihren normalen Spielplan durchzieht, dann muss man davon ausgehen, dass es bei den Olympischen Spielen in Tokio - wenn sie denn stattfinden - keine NBA-Stars geben wird. Zumindest keine, die in den Playoffs dabei sind. Das wäre schade, aber die NBA wird darauf keine Rücksicht nehmen. Aus dem Bauchgefühl würde ich inzwischen auf den Februar als NBA-Starttermin setzen.

Mit André Voigt sprach Emmanuel Schneider

Quelle: ntv.de