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Zum Tod von Kobe Bryant Mach's gut, "Black Mamba"

Amerikas Sportwelt trauert um einen ihrer allergrößten Stars. Ein Hubschrauberunglück reißt die NBA-Legende Kobe Bryant mit 41 Jahren aus dem Leben. Ein Nachruf auf einen überragenden Basketballer mit einem streitbaren Ego.

Das Schicksal hat manchmal ein bizarres Timing: Am Tag nachdem er von LeBron James in der All-Time-Scoring-List der NBA überholt wird, stirbt Kobe Bryant bei einem Hubschrauber-Absturz bei Los Angeles - auf dem Weg zu einem Basketball-Camp. Auch seine 13-jährige Tochter Gianna gehört zu den insgesamt neun Todesopfern des Absturzes. Die Nachricht vom Tod des 41-Jährigen wurde in den sozialen Netzwerken sofort zu einem gewaltigen Flächenbrand. Quarterback-Star Tom Brady, Eishockey-Legende Wayne Gretzky und Shaquille O'Neal, der "Robin" für den "Batman" Bryant, twitterten ihre Fassungslosigkeit.

Auch in der Liga greift die Sprachlosigkeit um sich. In Houston, wo die Rockets gegen die Denver Nuggets spielten, wurde vor dem Tip-Off die Halle verdunkelt - und geschwiegen. In San Antonio, wo die Spurs den amtierenden Meister aus Toronto empfingen, ließen beide Teams ihren jeweils ersten Angriff verstreichen und die 24-Sekunden-Wurfuhr auslaufen. Seit der Saison 2006/07 trug Bryant, der all seine NBA-Jahre für die Los Angeles Lakers spielte, die 24 auf seinem Trikot. Die Dallas Mavericks gaben bekannt, dass kein Spieler des Klubs mehr mit der Nummer 24 auflaufen werde. Einmalig. Mehr Tribut geht nicht. Mehr Emotionen an diesem besonderen Tag auch nicht. Ovationen. Tränen. Die Basketball-Welt steht unter Schock. Sie hat mit Bryant nicht nur einen ihren Besten verloren - sondern auch ihrer Verehrtesten. Einen Liebling. Einen Lieblingsfeind. Überragend. Besessen. Egoistisch.

NBA-Commissioner Adam Silver gab noch am Sonntag ein beeindruckendes Statement ab. "In 20 Jahren in dieser Liga hat Kobe uns gezeigt, was möglich ist, wenn ein bemerkenswertes Talent auf einen absoluten Siegeswillen trifft. Er ist einer der außergewöhnlichsten Spieler in der Geschichte dieses Sports - und was er erreicht hat, ist legendär. Er wird uns aber nicht nur aufgrund seiner sportlichen Erfolge in Erinnerung bleiben, sondern vor allem, weil er Menschen auf der ganzen Welt dazu inspiriert hat, einen Basketball in die Hand zu nehmen, und das Beste aus sich herauszuholen. Es war seine Mission, sein Wissen und seine Fähigkeiten mit folgenden Generationen zu teilen."

"Respekt, mein Bruder"

Zahlen und Fakten zu Kobe Bryant

Spitzname: Black Mamba
Rückennummer: 24 (seit 2006/07, zuvor 8)
NBA-Draft: 1. Runde, 13. Pick, ausgewählt von den Charlotte Hornets (1996) und sofort im Austausch für Center Vlade Divac an die Lakers weitergegeben
Teams: Los Angeles Lakers (1996-2016)
NBA-Titel: 5 (2000, 2001, 2002, 2009, 2010)
MVP der Hauptrunde: 1x (2008)
MVP der NBA-Finals: 2x (2009, 2010)
Allstar: 18x (1998, 2000-2016)
Olympiasieger: 2x (2008, 2012)
Punkte-Rekord: 81 Punkte am 22. Januar 2006 beim 122:104 gegen die Toronto Raptors - nur Wilt Champerlain erzielte in einem Spiel mehr Punkte, 100, am 2. März 1962 beim 169:147 seiner Philadelphia Warriors gegen die New York Knicks.
50-Punkte-Spiele: 25 (Platz 3 der Historie)

Noch wenige Stunden vor seinem Tod hatte Bryant seine menschliche Größe gezeigt. Er, der sich selbst einst zur "Black Mamba" ernannte, weil er fand, dass die Gewandtheit und die Aggressivität der Giftschlange "eine perfekte Kombination dessen sei, was mein Spiel sein soll", gratulierte James zu dessen Erfolg. In der Liste der besten NBA-Werfer aller Zeiten hatte der aktuelle Superstar der Los Angeles Lakers den einstigen Superstar überholt und sich auf Rang drei vorgeschoben. "Bring das Spiel weiter voran, LeBron. Respekt, mein Bruder", schrieb Bryant bei Twitter. Und auf Instagram ergänzte er: "Los, schnapp dir Platz zwei. Entwickle das Spiel weiter und bereite den Weg für den Nächsten." Das waren und sind die letzten Worte, die von Bryant in Erinnerung bleiben werden.

Entwickle das Spiel weiter. Das war auch sein Antrieb. Seine Motivation. Sie half ihm, auch die kritischen Phasen zu überstehen. Zu Beginn seiner Karriere. Mittendrin. Gerade einmal 17 Jahre war Kobe Bryant alt, als er von den Charlotte Hornets 1996 an 13. Stelle des NBA-Drafts ausgewählt wurde. Nur wenige Tage später, am 1. Juli 1996, wurde der Teenager aus Philadelphia im Tausch mit Vlade Divac zu den Los Angeles Lakers geschickt. Für Bryant wurde ein Traum wahr. Schon als kleines Kind hatte er davon geträumt, die Farben der Lakers zu tragen. Gold und Lila.

Das größte Talent seiner Generation musste in seinem ersten Jahr auf der Bank schmoren. Ein Junge, der es ohne College-Erfahrung in der Elite-Liga wissen wollte. Irgendwie war das ein Unding. Aber Bryant war trotz seiner unglaublichen Fähigkeiten auch ein harter Arbeiter. Die Halle war sein Zuhause. Nicht nur in seiner Rookie-Saison, sondern über seine gesamte Karriere hinweg. Und wie er in seinem Liebesbrief "Dear Basketball" schreibt, war das schon in frühester Kindheit so. "Von dem Moment an, als ich angefangen habe, die Schlauchsocken meines Vaters anzuziehen und imaginäre, spieleentscheidende Würfe im Great Western Forum (die frühere Heimspielstätte der LA Lakers, Anm. d. Red.) zu nehmen, war mir eine Sache klar: Ich hab mich in dich verliebt", schrieb Bryant zu seinem Karriereende.

Mein Verstand. Mein Körper. Mein Geist. Meine Seele.

Für Bryant war der Basketball eine Liebe, der er alles unterordnete. "Eine Liebe, die so tief ist, dass ich ihr alles gegeben habe. Meinen Verstand und meinen Körper. Meinen Geist und meine Seele", schrieb er: "Du hast einem sechsjährigen Jungen einen Traum gegeben. Und dafür werde ich dich immer lieben. Aber ich kann das nicht länger unter Zwang. Diese Saison ist alles, was ich dir noch geben kann. (…) Wir haben uns alles gegeben, was wir uns geben konnten. Und wir beide wissen: Ich werde immer der Junge mit den hochgerollten Socken sein, der versucht, den spielentscheidenden Wurf zu versenken."

Spätestens mit dieser Hymne hat sich die "Mamba" in den Herzen und Köpfen aller Basketballer dieser Welt verankert. Selbst bei denen, die einst mit ihm fremdelten. Das taten viele Menschen auch, weil er im Sommer 2003 verhaftet wurde. Eine 19-jährige Hotelangestellte hatte ihm vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Bryant gab die Affäre zu, bestritt aber die sexuelle Nötigung. Das Gerichtsverfahren wurde nach knapp einem Jahr eingestellt, weil die Frau ihre Aussage verweigerte. Ein Zivilprozess endete mit einer außergerichtlichen Einigung und einer Verschwiegenheitserklärung. Bryant bat öffentlich um Entschuldigung. Werbepartner zogen sich zurück, bis das Verfahren endete.

Keine Frage, Bryant war streitbar. Sein Talent, unbestritten! Seine Art: nicht immer kompatibel mit dem Mainstream. Schon in jungen Jahren war Bryants Arroganz gefürchtet. Bei Fans und Mitspielern. Sein Ego sei zu groß für ein Team, hieß es. Seine Spielweise zu sehr auf sich fokussiert. Immer wieder gab es heftige Reibereien mit Trainern und Mitspielern. Vor allem mit Shaquille O'Neal.

Acht lange Spielzeiten liefen die beiden Topstars gemeinsam für Los Angeles auf, gewannen in den Jahren 2000, 2001 und 2002 drei Titel in Serie. Doch was auf dem Court in der Regel gut funktionierte, eskalierte daneben mehr und mehr. So sehr, dass selbst die Mitspieler fürchteten, das Duo spiele irgendwann nicht mehr mit- sondern gegeneinander. Immer wieder beklagte sich der Center bei den Lakers-Bossen über den maximalen Egoismus der "Mamba". Die Luft zwischen den Alphariesen wurde immer dicker, schließlich unerträglich. So zogen die Verantwortlichen nach der brutal demütigenden Final-Niederlage in der Saison 2003/2004 - ein 0:4 gegen die Detroit Pistons - die Bremse. O'Neal musste gehen. Der Egozentriker Bryant hatte sich durchgesetzt. Mal wieder.

Das beste Spiel seiner Karriere

Diese Egozentrik machte ihn auf den 420 Quadratmetern zwischen beiden Körben indes zur Legende. Im Glauben an sich selbst unerschütterlich, spielte das Bewegungstalent oft für sich, aber immer aggressiv, spektakulär, erfolgreich. Am 22. Januar 2006 demütigte er die Toronto Raptors mit unglaublichen 81 Punkten. Die zweithöchste Punkteausbeute in einem NBA-Spiel aller Zeiten. Es war das beste Spiel der "schwarzen Mamba" in einer Reihe von Hunderten Herausragenden. Und dennoch ist seine Karriere mit einem Makel behaftet: Nur einmal, im Jahr 2008, wurde er als MVP, als bester Spieler einer Saison, ausgezeichnet. Für einen, dem die eigene Leistung immer das Wichtigste war, wie ein ehemaliger Mitspieler mal gesagt haben soll, ist das eine persönliche Niederlage.

In seinem Abschiedsbrief, den er zur Bekanntgabe seines Rücktritts in seiner Heimspielstätte, dem Staples Center, auslegen ließ, wurde derweil ein völlig neues Bild des viertbesten Scorers der NBA-Geschichte gezeichnet: "Ihr habt erlebt, wie aus meinen Ängsten Stärke wurde. Eure Ablehnung hat mir beigebracht, mutig zu sein. Egal, ob ihr mich als Held oder Feind gesehen habt, ihr sollt wissen, dass ich jede Emotion gespürt habe, jedes bisschen Leidenschaft - alles, damit mein Ich ein echter Laker sein kann. Was ihr für mich als Mensch und Sportler getan habt, ist soviel mehr als das, was ich für euch habe tun können. Jede Minute, jeder Moment, in denen ich das Trikot der Lakers getragen habe, war eine Ehre für mich. Danke für diese unglaubliche, gemeinsame Reise!" Körperlich unter den Leiden von 20 Jahren NBA-Basketball ächzend trat er ab. Wie eine Legende. Mit 60 Punkten gegen die Utah Jazz. Die Basketballwelt erhob sich vor einem der Allergrößten. Und jubelte.

Nun erhebt sie sich noch einmal. Und weint.

Quelle: ntv.de