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Cindy Roleder im Interview "Medaillen werden gerne gezählt, aber ..."

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Cindy Roleder will wieder Wettkämpfe bestreiten.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Seit knapp drei Monaten ist Leichtathletin Cindy Roleder Mutter - in vier Monaten will sie bei den Olympischen Spielen an den Start gehen. Über ihr neues Leben, die Reaktionen auf ihren Plan und warum die 31-Jährige sich allein gelassen fühlt, spricht sie im ntv.de-Interview.

Frau Roleder, herzlichen Glückwunsch zur Geburt. Ihre Tochter kam am 1. Januar zur Welt. Wie ist denn das neue Leben? Hat sich viel verändert?

Cindy Roleder: Natürlich hat sich viel verändert. Die Kleine will unsere volle Aufmerksamkeit und das ist auch gut so. Mein Mann und ich haben uns gut eingegroovt und dadurch, dass ich jetzt wieder trainiere und er ebenfalls beruflich unterwegs ist, ist das Zeitmanagement wichtig für uns. Aber wir haben gute Hilfe von Oma und Opa und ich glaube, die Kleine macht es uns sehr, sehr leicht. Nachts schläft sie einmal fünf Stunden und einmal vier. Sie lacht viel und weint eigentlich nur, wenn sie Hunger hat. Also wir haben echt ein sehr entspanntes Baby. Es macht viel Spaß, es ist einfach was ganz anderes als das Leben davor, als man nur für sich selbst verantwortlich war.

Sie sagten es gerade, Sie sind bereits zurück im Training. Eigentlich haben Sie nie aufgehört, sondern haben bis zur Geburt gemacht, was Ihnen guttat. Wie läuft es jetzt? Funktioniert alles gut?

Ja, es läuft wirklich sehr gut. Ich hätte nicht gedacht, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt schon so weit bin. Ich laufe schon wieder Hürden und es wird wirklich von Woche zu Woche besser. Am Anfang, als ich los gejoggt bin, dachte ich: "Oh mein Gott!" Man träumt, man will schnell laufen, kommt aber nicht vom Fleck. So ungefähr muss man sich das vorstellen. Der Kopf sagt schnell, aber die Beine sagen nö. Aber der Körper erinnert sich recht schnell. Es fühlt sich jetzt wirklich schon wieder an wie Sprinten. Und auf Videos sieht es auch schon wieder ganz gut aus, finde ich.

Sie sagen, Sie verstehen ohnehin nicht, warum so viele der Meinung sind, dass man nicht Mutter sein und gleichzeitig Leistungssport betreiben kann. Gibt es irgendwelche Probleme, die Sie nicht erwartet hätten, die jetzt aufgetreten sind?

Zur Person

Cindy Roleder (*1989) ist Leichtathletin, vor allem im Hürdensprint ist die siebenfache deutsche Meisterin erfolgreich. Sie holte bereits zwei EM-Titel und war Silbermedaillengewinnerin bei der Weltmeisterschaft 2015. Die Norm für die Olympischen Spiele in Tokio hat sie bereits unterboten, nun muss sie die Zeit von 12,98 Sekunden über die 100 Meter Hürden bestätigen. Nach der Geburt ihrer Tochter am 1. Januar möchte sie Mitte Mai wieder ins Wettkampfgeschehen eingreifen.

Bei Instagram berichtet sie als #schnellstemama vom Mutter-Sein und ihrer Karriere.

Das einzige, was ein bisschen problematisch ist, sind meine Füße. Die haben gerade Anpassungsprobleme, sie tun manchmal echt weh. Sprinten ist eine extreme Belastung für die Füße und das merke ich halt schon. Das hätte ich nicht gedacht, dass sich die Füße so krass zurückbilden.

Ihr große Ziel sind die Olympischen Spiele, die in vier Monaten anstehen. Ist es für den Kopf was Neues, so wenig Vorbereitungszeit zu haben? Bisher konnten Sie immer mit einem Olympiazyklus langfristig planen. Ist es etwas anderes zu wissen, dass jetzt in nur wenigen Monaten nach der Geburt alles stehen muss?

Naja, ich nehme das wirklich entspannt, entweder es klappt oder es klappt nicht. Klar will ich, dass es klappt, aber selbst wenn nicht, merke ich, dass alle um mich herum es einfach krass finden, dass ich schon angefangen habe und daran glaube, dass ich das schaffe. Also bin ich der festen Überzeugung, dass ich das hinbekomme. Und auch mein Trainer - und mein Trainer ist wirklich starker Realist. Wenn der dabei ist und sagt "Okay, wir gehen das an", dann weiß ich, es kann funktionieren. Er hat sehr viel Erfahrung, er hat einen Plan, von daher bin ich entspannt. Mehr als Trainieren kann ich nicht.

Jetzt sprechen wir über Olympia. Und eigentlich sprechen wir damit über etwas, wo keiner so recht weiß, was passiert. Wie ist Ihr Blick auf das Ziel Tokio? Ist es Vorfreude, ist es Skepsis, vielleicht sogar Sorge?

Prinzipiell muss ich sagen, ich will einfach wieder laufen. Unabhängig von Olympia, ich will wieder Wettkämpfe bestreiten. Natürlich habe ich die Hallen-EM der Leichtathleten verfolgt und auch das von den Fechtern, den Handballern und den Fußballern mitbekommen, dass es ständig positive Tests gibt. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn es schon bei diesen Veranstaltungen Schlupflöcher gibt, obwohl alle in dieser "Bubble" sind, dann bin ich ja mal wirklich gespannt, wie es bei Olympia laufen soll. Wenn nicht nur eine Sportart, sondern wenn alle Athleten aus aller Welt anreisen. Wenn es schon bei diesen kleinen Veranstaltungen nicht funktioniert, muss das Hygienekonzept bei Olympia hervorragend sein.

Gibt es Bedingungen, die Sie an Ihre Teilnahme knüpfen? Sollten zum Beispiel alle Athleten, Helfer, Funktionäre usw. geimpft sein, was ja zur Diskussion steht?

Ich sage, die Funktionäre, Wissenschaftler etc. sind in einer Bringschuld. Sie müssen ein hervorragendes Hygienekonzept aufbauen. Ich meckere jetzt quasi und sage "Hier, Achtung!" Ich möchte nicht, dass sich gegenseitig der Schwarze Peter zugeschoben wird. Zuletzt kam ja die Aussage von Herr Hörmann (DOSB-Präsident, Anm.d.Red.), dass einige Athleten damit vielleicht zu luschi umgegangen sind. Das ist halt einfach, wir geben den Athleten die Schuld. Da hab ich, muss ich ehrlich sagen, keinen Bock mehr drauf. Es ist deren Job, ein gutes Konzept aufzubauen, was uns Athleten sicher macht. Und mein Job ist es, schnell zu laufen. Davor müssen die es aber schaffen, dass wir eine sichere Anreise haben und auch gesund wieder zurückkommen. Wir wissen noch zu vieles nicht von diesem Virus: Was sind etwa die Folgeschäden? Da denke ich an den deutschen Ringer Frank Stäbler, der extrem lange gebraucht hat, wieder gesund zu werden. Ich habe das verfolgt bei Instagram, dass er echt viel gearbeitet hat, was Atemtechnik und so angeht.

Und ich meckere, um zu sagen "Hey, so geht's halt nicht". Alle, die Olympia umsetzen wollen, müssen sich mit den anderen Veranstaltern austauschen und herausfinden, was war denn der Fehler? Warum gab es Ansteckungen? Das müssen sie dann besser machen. Und zu den Impfungen: Ja, natürlich würde ich mich sicherer fühlen, wenn ich geimpft wäre. Aber ich will auch keinem, der es nötiger hat, der Risikopatient ist, die Impfung wegnehmen.

Bereits entschieden ist, dass die Spiele ohne ausländische Zuschauer stattfinden sollen. Wie schwer wiegt es für Sie, dass Ihre Familie nicht mit fliegen darf?

Wir hätten die Kleine jetzt sowieso nicht mitgenommen, sie ist viel zu klein dafür. Diesen langen Flug wollen wir ihr gar nicht zumuten. Aber es werden natürlich andere Spiele als in Rio oder in London, das ist ganz klar. Man hört auch immer, dass die Bevölkerung in Japan nicht richtig dahinter steht. Es ist so ein Zwiespalt, so ein hin und Her. Auch hier in Deutschland, von der Regierung, aber auch vom Olympischen Sportbund. Natürlich ist es für alle eine Ausnahmesituation, ganz klar. Aber die Verantwortlichen müssen jetzt Entscheidungen treffen, weil es ihre Arbeit ist.

Sie wollen also eine Entscheidung vom DOSB, ob das Team Deutschland sorgenfrei in Tokio antreten kann?

Herr Hörmann hat neulich gesagt, die Athleten könnten ja auch zu Hause bleiben, es wird keiner gezwungen zu fahren. Als ich das gehört habe, war ich sauer, uns Athleten so allein dastehen zu lassen. Medaillen und Platzierungen werden gern gezählt und gemeinsam gefeiert, aber wenn es so eine brenzlige Situation gibt, dann sind die Athleten für sich selbst verantwortlich. Da wünsche ich mir mehr Rückhalt.

Für Sie hängen von der Olympia-Teilnahme auch Sponsorenverträge, die Sporthilfe-Förderung und mehr ab.

Genau, Kaderzugehörigkeiten, Olympiastützpunkte, also wie viele Kader sind an einem Olympiastützpunkt, je nachdem kommt die Förderung. Das meine ich damit: Medaillen werden gern gezählt. Aber wenn dann ein Thema kommt, das nicht so schön ist, sind die Athleten plötzlich selbst verantwortlich. Das ist mir negativ aufgestoßen.

Wie wäre es für Sie, wenn die Olympischen Spiele doch noch abgesagt werden? Ist das ein Ansporn auf jeden Fall bis 2024 weiterzumachen?

Wichtig ist, dass es einfach irgendwann wieder zur Normalität übergeht, unabhängig vom Sport. Ich glaube, wir alle, also die gesamte Bevölkerung ist mittlerweile müde. Ich wünsche mir einfach, dass es wieder Wettkämpfe gibt. Wenn ich an die Leichtathletik-EM 2018 in Berlin zurückdenke, an 80.000 Zuschauer im Olympiastadion, das würde ich gern wieder haben. Und da denke ich dann auch an München 2022, die EM im eigenen Land - das sind dann so Fernziele. Aber ich bin mittlerweile sehr, sehr müde von dieser ganzen Situation. Ja, ich glaube, das spreche ich nicht nur für uns Sportler, sondern für alle, dass es langsam sehr anstrengend wird.

Sie hatten bereits angesprochen, dass Sie viel Feedback von anderen Frauen bekommen. Das gibt es, weil Sie den Instagram-Kanal "Schnellste Mama" haben, wo Sie seit Beginn Ihrer Schwangerschaft viele Einblicke geben. Ist das etwas, das Ihnen einfach Spaß macht oder könnte diese Art Beratung und Austausch etwas für die Karriere nach dem Sport werden?

Also erstmal macht es mir Spaß. Ich habe in der Schwangerschaft gemerkt, dass man ein bisschen alleine dasteht. Keiner kann dir sagen, was kannst du machen? Was kannst du nicht mehr machen an Sport? Ich wollte da einfach nur zeigen, was möglich ist. Mir ist klar, ich kann nur beratend zur Seite stehen. Ich kann nur sagen, das habe ich gemacht, das hat mir gut getan. Vielleicht tut es dir auch gut, aber wenn nicht, dann lass es weg, jede Schwangerschaft ist anders. Zudem will ich aufräumen mit Mythen. Stillen zum Beispiel ist so ein Thema, da machen sich manche Frauen so irre mit. Jede soll das individuell für sich entscheiden. Ich glaube, die Kinder werden alle groß, egal welchen Weg man geht. Jeder hat sein Kind, ob stillen oder nicht stillen, lieb.

Ich hab jetzt auch gemerkt, es sind ein paar ganz junge Athletinnen dabei, die haben vielleicht auch irgendwann mal den Wunsch ein Kind bekommen.

Sie sind damit zu einem Vorbild geworden. Ist Ihnen das bewusst?

Also war mir am Anfang nicht so bewusst, dass es so eine krasse Leistung ist. Da ich halt schon einige kenne, die nach der Schwangerschaft zurückgekommen sind. Christina Schwanitz (Kugelstoßerin, Anm.d.Red.) zum Beispiel, Jenny Oeser (ehemalige Siebenkämpferin, Anm.d.Red.), Christina Obergföll (ehemalige Speerwerferin, Anm.d.Red.) hat nochmal angefangen. Aber sie haben es nicht so publik gemacht. Ich hab mit meinem Managment zusammen gearbeitet, mit Robert Harting, der ja selbst Zwillinge hat. Wir haben gemerkt, es ist ein Thema, das viele interessiert, weil viele allein dastehen. Es scheint gut anzukommen.

Mit Cindy Roleder sprach Anja Rau

Quelle: ntv.de

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