Sport

Erste Sperre im Dopingskandal Olympia droht "Stress" mit Russland

524706b88b8fab514134f006fd9f2053.jpg

Alexander Legkow wurde lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen. Auf welcher Grundlage dies geschah, ist bislang offen.

(Foto: dpa)

Die erste Dopingsperre für einen russischen Sotschi-Olympiasieger löst heftige Kontroversen aus. Russland protestiert, der deutsche Anwalt des Athleten attackiert das IOC, Sportrechtler sind skeptisch. Tatsächlich lässt das harte Urteil sehr viele Fragen offen.

Ein Urteil, viele offene Fragen: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) setzt ein starkes Zeichen, doch nach der lebenslangen Dopingsperre für den russischen Skilanglauf-Olympiasieger Alexander Legkow droht drei Monate vor den Winterspielen in Pyeongchang ein juristisches Hickhack und ein Wettlauf mit der Zeit. Von deutschen Sportverbänden wird das Urteil gegen Legkow und dessen Teamkollegen Jewgeni Below begrüßt. Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), spricht sogar von einem "deutlichen Signal an alle Betrüger im Sport".

In Russland setzt man indes auf das Prinzip "Weiter so!" Die Disqualifikation der Skilangläufer "darf kein negativer Präzedenzfall für die Teilnahme der russischen Mannschaft" bei den Winterspielen vom 9. bis 25. Februar in Pyeongchang werden, sagte Sportminister Pawel Kolobkow der Agentur R-Sport und erklärte: "Dies ist ein schrecklicher emotionaler Schock." Legkow habe ihm in einem Telefonat beteuert, nie verbotene Substanzen verwendet zu haben.

Forensische und analytische Belege

d23ed81db8cde1d21a365b73e24d7534.jpg

Seine in Sotschi gewonnene Goldmedaille muss Legkow wieder abgeben.

(Foto: dpa)

Sergej Krjanin, Vizepräsident des Skilanglauf-Verbandes, wischte den Dopingverdacht kurzerhand vom Tisch. Es gebe keine konkreten Beweise gegen Legkow und Below, sagte er: "Das ist alles Stuss". Der russische NOK-Chef Alexander Schukow sicherte den Athleten Unterstützung bei einer Klage zu.

Beim IOC sieht man Doping hingegen als erwiesen an. Begründet wurde die Sperre mit "forensischen und analytischen Dopinguntersuchungen" der Kommission unter dem Vorsitz des Schweizers Denis Oswald. Sie untersucht insgesamt 28 Fälle, in denen Athleten im Zuge der Ermittlungen des kanadischen Rechtsprofessors Richard McLaren im Auftrag der Welt-Antidoping- Agentur Wada der Manipulation beschuldigt werden. Alle stehen im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Staatsdoping-Affäre.

Legkow wurden als Konsequenz die olympische Goldmedaille über 50 Kilometer und Silber mit der Staffel aberkannt, Teamkollege Below war medaillenlos geblieben. Weniger als 100 Tage vor den Spielen in Pyeongchang bleibt aber noch vieles im Unklaren. Eine dezidierte Urteilsbegründung lieferten die Entscheidungsträger nicht mit und damit auch keinen Hinweis auf die zentrale Frage, um die sich auch im Fall Legkow/Below alles dreht: Darf Russland an den Spielen teilnehmen? Ohne Urteilsbegründung könnten beide Athleten sogar beim Saisonstart in drei Wochen im Weltcup antreten.

"Am Boden zerstört"

Im Lager Legkows herrscht Unverständnis und Betroffenheit. "Mein Mandant ist am Boden zerstört", sagte Legkows deutscher Anwalt Cristof Wieschemann und attackierte das IOC. Demnach seien Beweismittel einfach ignoriert worden. Der vom IOC beauftragte forensische Experte habe gesagt, es gebe "überhaupt keine Beweise für die Manipulation der Proben dieses Athleten". Auch Wada-Sonderermittler McLaren hätte erklärt, "ich habe keine Erkenntnisse über die individuelle Schuld, und auch die vorliegenden Dokumente liefern sie nicht", sagte Wieschemann. "Und was macht das IOC? Es sagt: Wir verurteilen dich trotzdem." Der Anwalt ist überzeugt: "Das ist doch ein politisches Urteil!"

Legkows deutscher Trainer Markus Cramer zeigte sich ebenfalls überrascht und enttäuscht: "Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass das IOC so eine harte Strafe verhängt." Legkows rund 200 Dopingtests seien "allesamt negativ" gewesen. "Ich lege für beide meine Hand ins Feuer - tausendprozentig", sagte Cramer.

DOSB-Präsident Hörmann wertete die lebenslangen Sperren hingegen als "klare und mutige Entscheidung" des IOC. "Der Tag wird kommen, an dem eure Vergehen geahndet werden. Solche Tage machen Mut im Hinblick auf das Fair Play im Sport", betonte der DOSB-Chef.

Der deutsche Ski-Präsident Franz Steinle geht davon aus, dass nun auch vom Weltverband Fis gewissenhaft mögliche Konsequenzen geprüft werden. "Die beiden Athleten sind auch von der Fis gesperrt worden. Allerdings zunächst einmal nur vorläufig." Er könne "aktuell nicht sagen, wie die finale Entscheidung der Fis ausfallen wird", sagte er. Die Fis hatte zuvor mitgeteilt, dass eine Entscheidung im Fall der weiteren vier vorläufig suspendierten russischen Langläufer, darunter der dreimalige Sotschi-Silbermedaillengewinner Maxim Wylegschanin, kommende Woche erwartet wird.

Der Cas soll entscheiden

Zunächst geht der Fall erneut vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas. "Wir legen heute Berufung beim Cas ein", kündigte Wieschemann an. Das Urteil des IOC sei "überhaupt nicht wasserdicht". Russlands Vize-Premierminister Witali Mutko, in dessen Amtszeit als russischer Sportminister das staatlich orchestrierte Massendoping gefallen war, bezeichnete den Gang vor den Cas als "korrekte und natürlichste Reaktion" auf das Urteil. Beiden Sportlern würde nun "sämtliche Unterstützung zukommen, die sie brauchen".

Der deutsche Sportrechts-Experte Michael Lehner zeigte sich überrascht über die Härte der Strafe. "Lebenslang geht nur bei Vorsatz. Ich bin jetzt gespannt, welche Beweise das IOC vorlegt", sagte er und fügte hinzu: "Der Zeitplan bis Olympia wird jetzt ganz eng. Das wird juristischer Stress."

Quelle: ntv.de, cwo/dpa/sid