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Williams hat Recht und irrt sich Tennis hat ein Sexismus-Problem

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Williams will den Spielabzug nach ihrer dritten Verwarnung nicht akzeptieren.

(Foto: USA TODAY Sports)

Nach dem US-Open-Finale konfrontiert Serena Williams den Tennissport mit Sexismus-Vorwürfen. Williams hat Recht, wenn sie auf die strukturelle Benachteiligung von Frauen hinweist. Nur hat das nichts mit ihrem Fall zu tun.

Serena Williams hat dem Tennissport vorgeworfen, ein Sexismus-Problem zu haben. Getan hat sie das, nachdem sie im Finale der US Open der erst 20 Jahre alten Naomi Osaka aus Japan unterlegen war. Zuvor allerdings leistete sich Williams einen Auftritt, der einer 23-fachen Grand-Slam-Siegerin nicht würdig gewesen war. Die US-Amerikanerin hatte komplett die Kontrolle verloren und den Schiedsrichter beschimpft, nachdem der sie bereits zweimal verwarnt hatte. Die dritte Verwarnung zog schließlich regelkonform einen Spielabzug nach sich, was Williams nicht akzeptieren wollte. Und im Nachhinein als Sexismus des Referees abkanzelte. Nun gibt es wirklich gute Gründe dem Sport vorzuwerfen, Männer und Frauen nicht gleich zu behandeln. Williams Behandlung im Grand-Slam-Finale ist keiner davon.

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Osaka ließ sich bei ihrem ersten Grand-Slam-Finale nicht aus der Ruhe bringen.

(Foto: AP)

Sie sei hier, um für "Frauenrechte, Gleichberechtigung und all das zu kämpfen", hatte Williams auf der Pressekonferenz wissen lassen. Einen Mann hätte Schiedsrichter Carlos Ramos niemals mit einem Spielabzug bestraft, wenn er von ihm als "Dieb" und "Lügner" beschimpft worden wäre. Das ist nicht nur falsch und in höchstem Maße unfair gegenüber Osaka, die das Geschehen auf dem Platz mit bemerkenswerter Souveränität ausblendete. Sondern Williams tut ihrem respektablen Anliegen damit schlicht keinen Gefallen. Sie lenkt vom eigentlichen Problem ab, indem sie die Frustration über ihre Niederlage mit einer Grundsatzdebatte über Gleichberechtigung verknüpft.

Ramos hat sich korrekt verhalten

Der portugiesische Schiedsrichter Ramos hat sich in allen drei Fällen, in denen er eine Strafe gegen Williams aussprach, korrekt verhalten. Jede einzelne Entscheidung war regelkonform - dass ein anderer Schiedsrichter nicht zwangsläufig zum selben Ergebnis gekommen wäre, steht außer Frage. Wo Spielraum für Interpretationen ist, liegt es im Ermessenraum des Schiedsrichters, wie schwerwiegend er ein Vergehen einstuft. Beispielsweise bei der Coaching-Regel. Alle Profis, männlich wie weiblich, erhalten aus ihrer Box Unterstützung in Form vorher abgesprochener Gesten oder Ausrufen. Jeder weiß es, jeder macht es, das ändert nichts daran, dass es bei Grand-Slam-Turnieren verboten ist. Man kann das absurd finden, zumal Coaching in den wenigsten Situationen bestraft wird. Williams hätte ihren aktuellen Fall hervorragend nutzen können, um eine Debatte über deren Abschaffung anzustoßen.

Auch für das Demolieren des Schlägers ist im Regelbuch der International Tennis Federation eine Strafe vorgesehen. Genau wie für "verbal abuse", also Beleidigung des Schiedsrichters und seiner Assistenten auf dem Platz. Anders als beim Coaching werden Respektlosigkeiten durchaus konsequent bestraft, das gilt für Frauen und Männer, und das ist auch gut so. Unvorstellbar, dass der jüngste Arroganzanfall von Alexander Zverev in Wimbledon, als er sich gut hörbar abfällig über einen Linienrichter äußerte, nicht mit einer Verwarnung geahndet worden wäre. Übrigens ebenfalls von Ramos. Nur, dass anschließend niemand an der Richtigkeit seiner Entscheidung zweifelte.

Williams hätte wissen müssen, dass sie als Folge ihrer Schimpftirade mindestens mit einer Verwarnung zu rechnen hatte. Sie kann sich nicht auf Unwissenheit berufen, schließlich gibt es genügend ähnlich gelagerte Fälle aus ihrer Vergangenheit, allein bei den US Open. Beispielsweise 2009 im Halbfinale gegen Kim Clijsters, als sie nach einer Fußfehlerentscheidung die Linienrichterin mit den Worten anging: "Bei Gott, ich schwöre, dass ich dir einen dieser verdammten Bälle in den Hals schiebe. Ich schwöre es!" Oder zwei Jahre später im Finale gegen die Australierin Sam Stosur, als sie sich mit der griechischen Schiedsrichterin Eva Asderaki anlegte und wissen ließ: "Ich verachte dich. Wenn du mir das nächste Mal begegnest, dann schaust du besser auf die andere Seite. Und gib mir bloß keine Verwarnung, weil ich hier meine Meinung sage. Wir sind in Amerika, soweit ich weiß." Solidarität unter Frauen ist übrigens keine schlechte Grundvoraussetzung für den Kampf um Gleichberechtigung.

Die Doppelstandards sind unerträglich

Zumal der Tennissport tatsächlich nicht immer nett ist zum weiblichen Geschlecht, da hat Williams Recht. Und es ist unbedingt richtig darauf hinzuweisen, dass die unerträglichen Doppelstandards im Umgang mit Männern und Frauen abgeschafft gehören. Jüngstes Beispiel ist der Falle der Französin Alizé Cornet, die dafür bestraft worden war, dass sie sich auf dem Platz umgezogen und exakt neun Sekunden lang ihren Sport-BH gezeigt hat. Ja, auf dem Tennisplatz geht es bisweilen ordentlich sexistisch zu. Bei ihren männlichen Kollegen stört sich auch keiner am Anblick des entblößten Oberkörpers. Dass Frauen zuzutrauen ist, selber zu entscheiden, ob sie der Öffentlichkeit ihre Funktionsunterwäsche zeigen wollen, hat inzwischen auch der US-amerikanische Tennisverband erkannt und die entsprechende Regel abgeschafft. Das ist insofern erfreulich, als dass es zeigt, wie ernst Sexismusprobleme genommen werden.

Leider lässt sich diese Erkenntnis nicht uneingeschränkt auf den Sport übertragen. Ausgerechnet die Women's Tennis Association hat sich in der Vergangenheit verdächtig gemacht, die Anliegen ihrer weiblichen Mitglieder nicht immer bestmöglich voranzutreiben. Beispielsweise wenn es um die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf geht. Als Williams nach der Geburt ihrer Tochter Olympia auf die Tour zurückkehrte, wurde sie genauso behandelt wie Maria Scharapowa nach ihrer Dopingsperre. Sie war bei keinem Turnier gesetzt, war von Nummer eins auf Platz 491 der Weltrangliste abgerutscht.

Und während beispielsweise der Coach von Simona Halep öffentlich forderte, Frauen sollten nicht für ihre Schwangerschaft bestraft werden, schweigt Williams zu dem Thema. Dabei wäre die Pressekonferenz am Samstag ein wunderbarer Anlass gewesen, auf die absurde Benachteiligung von Müttern aufmerksam zu machen. Es wäre ein lobenswerter Schritt im Kampf um Gleichberechtigung gewesen. Stattdessen hat Williams mit ihrem Auftritt das Gegenteil bewirkt.

Quelle: ntv.de