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Unvergleichlich souverän Warum Steffi Graf die Nummer eins bleibt

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Ihr letzter Grand-Slam-Titel: Kurz vor ihrem Rücktritt gewann Steffi Graf 1999 noch einmal die French Open in Paris.

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

Sie prägt eine ganze Ära, gewinnt alles, was es zu gewinnen gibt, und macht das Tennis auch in Deutschland populär. Und doch vollbringt Steffi Graf ihre größte Leistung nach ihrer sportlichen Karriere. Besser geht's kaum. Nicht nur das unterscheidet sie von Boris Becker.

Sie habe "schon ein wenig Glück gehabt". Aber Druck, nein, den habe sie nicht verspürt. "Ich habe noch so viel Zeit vor mir." Ob die 16 Jahre alte Stefanie Maria Graf an jenem 13. April 1986 wusste, wie richtig sie damit lag? Die deutsche Tennisspielerin hatte in den USA just das Sandplatzturnier in Hilton Head Island gewonnen, im Finale schlug sie Chris Evert mit 6:4 und 7:5. Die Amerikanerin stand ihrerzeit hinter Martina Navratilova auf Platz zwei der Weltrangliste und sagte noch auf dem Platz ein wenig gönnerhaft: "Es ist nett, dass Steffi ihr erstes Turnier gewonnen hat. Unglücklicherweise hat sie es gegen mich getan."

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"Ich habe noch so viel Zeit vor mir."

(Foto: imago images / Ferdi Hartung)

Was beide ihrerzeit nicht wissen konnten: 16 Monate später, am 17. August 1987, stehen weder Evert noch Navratilova ganz oben. Die beste Tennisspielerin der Welt ist Steffi Graf. Und daran sollte sich so schnell nichts ändern. Das schreibt sich so leicht, aber sie hat eine Ära geprägt. Sie ist die Frau, die alles richtig gemacht hat, auf dem Court und auch außerhalb. An diesem Freitag wird sie 50 Jahre alt. Der Komiker Otto Waalkes, in dessen Film "Otto - der Außerfriesische" sie 1989 eine Gastrolle spielte, bringt es auf den Punkt: "Steffi ist das gelungen, was nur wenigen gelingt: ein sanfter Übergang aus einer erfolgreichen Sportlerlaufbahn in ein glückliches Privatleben."

Das macht sie zum Role Model, zum Vorbild für alle, die in ihrem Metier die Besten sind und dann, wenn es vorbei ist, feststellen, dass das Leben nach dem Sport weitergeht. Steffi Graf hatte damit kein Problem. Das ist, ohne ins Hobbypsychologische abzugleiten, mehr wert als ihre so erfolgreiche Karriere. Ihr Mann André Agassi hat früher ebenfalls für Geld Tennis gespielt. Mit ihm lebt sie in Las Vegas in den USA und hat ihre Ruhe. Sohn Jaden Gil ist 17, Tochter Jaz Elle 15 Jahre alt. Agassi hat einmal im Interview mit der britischen Zeitung "The Telegraph" gesagt: "Eltern, die im Tenniszirkus aktiv waren, wollen das nicht für ihre Kinder." Das sagt viel über den Profisport, aber auch viel über Steffi Graf.

377 Wochen die Nummer eins der Welt

Sie selbst spricht sehr wenig mit Journalisten, tritt selten für Sponsoren und ihre Stiftung "Children for Tomorrow" öffentlich auf. Anfang des Jahres erzählte sie der Zeitung "Herald Sun", ihre Kinder hätten nicht nach Australien mitfliegen können, weil sie zur Schule mussten. Der "Gala" sagte sie einmal, sie sei mutiger als ihr Mann, wenn es darum gehe, mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen. Und der "Bild am Sonntag" sagte sie, dass sie sich "nie" mit ihrem Mann streite. Der Rest bleibt privat. Sie stand ja auch lange genug im Rampenlicht. Nachdem sie im Sommer 1987 die Spitze im Welttennis erklommen hatte, blieb sie erst einmal 186 Wochen lang ganz oben, länger als je eine Spielerin zuvor. Insgesamt war sie 377 Wochen die Nummer eins der Welt. Sie gewann zwischen 1986 und 1999 stolze 107 Wettbewerbe. Darunter sind 22 Grand-Slam-Titel bei den vier wichtigsten Turnieren: sieben in Wimbledon, sechs bei den French Open in Paris, fünf bei den US Open in New York und vier bei den Australian Open in Melbourne. Die Statistiker der Women's Tennis Association kommen auf insgesamt 902 Siege und 115 Niederlagen im Einzel und ein Preisgeld von umgerechnet 20 Millionen Euro.

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Steffi Graf im Januar dieses Jahres bei den Australian Open in Melbourne.

(Foto: dpa)

Ihr erfolgreichstes Jahr war 1988, als sie alle vier großen Turniere und die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul gewann. 1986, 1987, 1988, 1989 und 1999 war sie Sportlerin des Jahres, sie hat das Bundesverdienstkreuz bekommen und ist Mitglied in der deutschen Hall of Fame. Diese Zahlen drücken aber nicht aus, wie sehr sie ihren Sport in Deutschland populär gemacht hat, zu einer Zeit, als Tennis noch eine Randsportart und eher etwas für die war, die mehr Geld auf dem Konto hatten.

"Aber sie lebt ihr eigenes Leben"

Das Fernsehen übertrug, in der ARD kommentierte kenntnisreich Hans-Jürgen Pohmann, ihr größter Fan, der stets von Stefanie Graf sprach. Sie war immer da und hat, bis an die Grenze zur Langeweile und bisweilen darüber hinaus, alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Für die einzigen negativen Schlagzeilen in Grafs Karriere sorgte ihr 2013 verstorbener Vater Peter, der sich um die Karriere seiner Tochter kümmerte, 1997 wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde und ins Gefängnis musste.

Es ist aber auch so: Wer an Steffi Graf denkt, ist schnell bei Boris Becker. Wer alt genug ist und sich erinnert, wie die beiden ab Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ihren Sport geprägt haben, der muss einräumen, dass es vielleicht umgekehrt war. Erst kam er, dann sie, zumindest, was die Schlagzeilen betrifft. Über Becker und seine vielen Ähs in den Interviews haben wir schon gelacht, als er 1985 mit 17 Jahren als erster Deutscher das Turnier in Wimbledon gewann. Er hat zwar längst nicht so viel gewonnen wie sie, spielte aber spektakulärer, hat mehr begeistert und vor allem mehr polarisiert.

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Sportler des Jahres 1986.

(Foto: imago images / Pressefoto Baumann)

Becker machte auch nach seiner Karriere mit seinen Affären, seinen Beziehungen und seinen gescheiterten Versuchen als Geschäftsmann von sich reden. Steffi Graf hat einen anderen Weg gewählt. Und sie ist glücklich damit. Und Becker? Gratulierte ihr zum Geburtstag. "Herzlichen Glückwunsch, Stefanie Maria Graf! Es tut kurz weh ...", schrieb er, offenbar ergriffen vom Gedanken an die gute, alte Zeit. Bei den French Open in Paris hatte er in der vergangenen Woche gesagt: "Es würde mich freuen, wenn sie häufiger bei Grand Slams wäre. Aber sie lebt ihr eigenes Leben."

Das tut sie. Sie ist und bleibt die souveräne Frau, die alles richtig gemacht hat.

Quelle: n-tv.de

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