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Kretzschmar zur Handball-EM "Wir waren früher schon anders unterwegs ..."

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Stefan Kretzschmar ist eine der großen Persönlichkeiten des deutschen Handballs.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Stefan Kretzschmar ist eine der deutschen Legenden des Handballs. Und einer der größten Fans des Sports. Im Gespräch mit ntv.de spricht der ehemalige Nationalspieler über die anstehende EM, die alte Zeit und neue Chancen und Solidarität in schweren Zeiten.

ntv: Stefan Kretzschmar, Sie gehen als Experte für sportdeutschland.tv in die Europameisterschaft. Aber vor allem sind Sie Handball-Enthusiast. Wie groß ist denn Ihre Vorfreude auf das Turnier?

Stefan Kretzschmar: Ich freue mich natürlich immer auf Turniere, sie sind die Hochzeit für unsere Sportart. Sie sind für uns enorm wichtig, weil wir da für zwei Wochen ganz besonders im Fokus stehen. Ich bin schon aufgeregt, aber klar, die Umstände sind natürlich schwierig. Wie bei Olympia und der WM in Ägypten im letzten Jahr. Alles steht im Zeichen von Corona und das ist, um es vorsichtig zu formulieren, nicht gerade ideal.

Um Corona wird es in den kommenden Wochen bei dem Turnier noch viel zu oft gehen, welchen Einfluss das Virus auf die großen Entscheidungen haben wird, ist nicht absehbar. Wie ist denn Ihre sportliche Einschätzung der deutschen Mannschaft? Die letzten beiden Länderspiele haben schon wieder so ein bisschen Optimismus geschürt, oder?

Das ist Stefan Kretzschmar

Stefan Kretzschmar ist eine der populärsten Persönlichkeiten des deutschen Handballs, für den VfL Gummersbach und den SC Magdeburg spielte er in der Bundesliga, 2002 wurde er mit Magdeburg Champions-League-Sieger. Mit der deutschen Nationalmannschaft, für die der Linksaußen 218 Spiele bestritt und 821 Treffer erzielte, holte er 2004 olympisches Silber. Nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn ist der gebürtige Leipziger als Experte für verschiedene Sender tätig. Seit Januar 2020 ist der zweimalige Handballer des Jahres Sportvorstand des Bundesligisten Füchse Berlin.

Optimismus ist das Motto für die anstehenden Aufgaben. Man sollte keine großen Medaillenziele ausgeben, sondern einfach hoffen, dass die deutsche Mannschaft uns begeistert und tollen Handball spielt. Und ich bin tatsächlich optimistisch, dass das klappt - und das hat Gründe.

Bitte teilen Sie Ihren Optimismus mit uns!

Bei den letzten Turnieren lastete viel Druck auf der Mannschaft, es gab eine hohe Erwartungshaltung. Klar, die gibt es für die deutsche Mannschaft seit Jahrzehnten, aber in den letzten Jahren hatte ich das Gefühl, dass sich eine Angst vor dem Verlieren entwickelt hat und der Druck damit noch mal stieg. Das sehe ich bei dieser Mannschaft jetzt nicht. Diese Mannschaft kann nur gewinnen und ich glaube, das liegt uns von der Mentalität her mehr. Auch wenn man intern sicherlich Ziele formuliert hat.

Die Vorrunde mit Belarus, Österreich und Polen ist nicht ohne.

In den Vorbereitungsspielen hat die Mannschaft gezeigt, dass sie wirklich Bock auf dieses Turnier hat. Alle scheinen sich untereinander gut zu verstehen, die Truppe hat offenbar einen tollen Teamgeist. Die Mannschaft wirkt charakterlich sehr ausgeglichen, das erinnert ein bisschen an die Europameister von 2016. Auch wenn wir das im Vorfeld nicht vergleichen, sondern uns einfach an der Mannschaft erfreuen sollten. Das Ziel muss es natürlich sein, die Vorrunde zu überstehen. Die Gegner sind kein Fallobst, aber zu bewältigen.

Bob Hanning, der bis zum vergangenen Herbst Vize-Präsident des DHB war, war in der Vergangenheit immer bemüht, offensive Zielvorgaben zu machen und die auch nach außen zu kommunizieren, DHB-Präsident Andreas Michelmann folgte ihm da in der Regel. Das hat nicht jedem gefallen. Nun geht man den umgekehrten Weg. Michelmann sagt, die Platzierung sei nicht so wichtig, Timo Kastening will "Erwartungen runterschrauben", Sie und der Bundestrainer sehen die Mannschaft weit weg von Medaillen. Was ist denn nun der richtige Weg?

Es war damals schon richtig von Bob und dem Verband, einen Fünf-Jahres-Plan auszugeben mit Blick auf das große Ziel Olympische Spiele in Tokio. Wenn du dich entscheidest, eine Mannschaft aufzubauen, musst du eine Vision haben. Wir haben in Deutschland so viel Potenzial in der Breite, wir haben eine gute Jugendarbeit. Man muss Zuschauer begeistern, Sponsoren begeistern. Da war die Vision Goldmedaille natürlich richtig, auch wenn alles letztendlich anders kam.

Wie war das zu Ihrer Zeit als Sportler? Haben Ihnen offensive Zielvorgaben geholfen?

Man muss Ziele konkret formulieren, damit die Spieler auch wissen, worum es geht und woran sie sich orientieren können. Ich habe als Sportler die Erfahrung gemacht: Man muss es sich vorstellen können, um es dann erreichen zu können. Wenn man immer nur von Platz fünf oder sechs spricht und das in seine Mentalität aufnimmt, dann wird man auch nie mehr erreichen. Ich bin schon ein Freund davon, Ziele lieber etwas höher zu formulieren. Die Frage ist nur, wie man dann medial bei uns wahrgenommen wird. Formuliert man große Ziele, wird man auch immer radikal daran gemessen - und dann auch brutal kritisiert, wenn es schiefgeht.

Was ist diesmal anders als in den letzten Jahren, in denen man den Zielen hinterherlief?

Man muss sich der Situation anpassen. Diese Mannschaft, die jetzt die EM spielt, musste viele Rücktritte und Absagen verkraften. Von Spielern, die sonst Führungspersönlichkeiten gewesen wären. Hendrik Pekeler, Paul Drux, Steffen Weinhold, Uwe Gensheimer, Fabian Wiede. Neun Spieler gehen in ihr erstes Turnier, das ist die Hälfte des Kaders. Da ist jede Erwartungshaltung einfach vermessen. Es würde der Mannschaft nicht guttun, da einen Ergebnisdruck aufzubauen. Es gehört sich hier schlicht nicht. Das ist die Ausgangslage.

Ist die Weltspitze enteilt?

Natürlich haben wir immer einen Anspruch, auch zu den Top-Nationen zu gehören. Allerdings muss man auch sagen, dass der Unterschied zu den Top-Vier-Nationen der Welt derzeit noch groß ist.

Was muss passieren, dass die Mannschaft die geringe Erwartungshaltung übererfüllen kann?

Entscheidend ist das Auftaktspiel gegen Belarus. Verlieren wir, ist sofort der Druck da. Dann haben die anderen beiden Vorrundenspiele schon Endspielcharakter. Und wir wissen nicht, wie die unerfahrene Mannschaft mit einer solchen Situation umgeht. Ab Freitag gelten andere Regeln, da gibt es andere Nervosität, da wird die Nationalhymne anders gehört. Da weißt du: Jetzt bin ich bei der Europameisterschaft und eben nicht in Wetzlar bei einem Freundschaftsspiel gegen Frankreich. Jetzt schauen hier vier, fünf Millionen Menschen zu. Gibt es einen Sieg, kann die Mannschaft weiter befreit aufspielen.

Und dann ist alles möglich?

In unserem Sport geht es so knapp zu, winzige Parameter können über Sieg oder Niederlage entscheiden. 2016 lagen wir gegen Schweden zur Halbzeit mit vier Toren hinten. Verlieren wir das Spiel, gehen wir mit null Punkten in die Hauptrunde - stattdessen waren wir am Ende Europameister. Wir können versuchen zu analysieren und auch vorauszublicken und Sachen einzuschätzen. Aber niemand weiß, wie so ein Turnier laufen kann. Es gibt ganz viele Szenarien, über die wir spekulieren könnten. In erster Linie hat mir das Auftreten in der Vorbereitung gefallen.

Seit Jahren wird vor jedem Turnier die Erinnerung an 2016 beschworen, wir machen das jetzt auch. Die Voraussetzungen scheinen ähnlich, aber damals haben gleich mehrere Spieler individuell einen großen Schritt nach vorne gemacht. Wer macht ihn diesmal?

In erster Linie sind es die Arrivierten, die die Kohlen aus dem Feuer holen müssen. Johannes Golla hat sich in den vergangenen Jahren unfassbar entwickelt, auch bei dieser EM sollte er noch mal einen großen Schritt machen. Er ist zurecht Kapitän unserer Mannschaft. Ich freue mich auf Spieler wie Lukas Mertens aus Magdeburg. Total interessant ist auch Julian Köster aus der zweiten Liga vom VfL Gummersbach, der unheimlich viel Talent hat, gerade im offensiven Verteidigen. Und Sebastian Heymann, der im Innenblock verteidigen kann und offensiv sehr schlagkräftig ist. Das sind Spieler, die bei der EM ein Zeichen setzen können. Aber in erster Linie wird diese Mannschaft nicht durch die individuelle Stärke Einzelner Spiele gewinnen. Wir haben keinen Spieler mit der Qualität eines Nikola Karabatic und keinen Dika Mem in unserer Mannschaft.

Wie 2016.

Der Bundestrainer wird viel rotieren müssen, auch aufgrund der unterschiedlichen Systeme. Dann kann und muss jeder Verantwortung übernehmen. Das war ja auch die Stärke des Teams von 2016, dass jeder seine Rolle kannte und die perfekt ausgefüllt hat. Da hat im Halbfinale ein Rune Dahmke auf Linksaußen den entscheidenden Wurf versenkt, im Finale hat Andreas Wolff zusammen mit Finn Lemke das Tor vernagelt und Kai Häfner trifft gegen die Spanier siebenmal. Dieses Turnier hat ja viele Geschichten geschrieben und da waren viele Spieler involviert. Und genau so ist das jetzt auch zu sehen. Es wird nicht der Einzelne über Sieg oder Niederlage entscheiden, sondern jeder kann in bestimmten Momenten einem Spiel hoffentlich seinen Stempel aufdrücken.

Sebastian Heymann kann sowohl im Angriff als auch in der Abwehr auf Schlüsselpositionen spielen. Julius Kühn kann das nicht. Wird das die Spielanteile verschieben und zum Problem für Kühn, den besten Shooter der deutschen Mannschaft?

Ich glaube nicht, dass es zum Problem wird. Auch bei Julius sehe ich eine starke Veränderung und er war es, der am Ende gegen Frankreich den Bock hat mit seinen vier oder fünf Toren in Folge in der zweiten Halbzeit. Da hat man ja gesehen, wozu er in der Lage ist und was er für eine Wurfmaschine ist. Was für eine Waffe, die Alfred Gislason da im Arsenal hat. Aber natürlich ist es für Alfred auf diesem internationalen Niveau, wie es bei einer EM versammelt ist, nicht möglich, dauerhaft mit zwei Abwehr-Angriff-Wechseln zu spielen.

Warum ist das so problematisch?

Du wirst in der Welt keine Rolle mehr spielen, wenn du zwei Spezialisten bringen musst. Dafür sind der Gegenstoß und die zweite Welle zu wichtig. Natürlich ist es ein großer Vorteil von Heymann, dass er Abwehr und Angriff mit großer Qualität spielen kann. Trotzdem wird Julius Kühn ganz wichtig für uns sein, erst recht in der Form, in der er sich gerade befindet. Sowohl Häfner als auch Kühn haben sich in den letzten Wochen noch mal stark entwickelt und werden ein absoluter Faktor für den Bundestrainer sein. Vielleicht hat die Nicht-Nominierung für den letzten Lehrgang geholfen, bei beiden noch mal ein bisschen Motivation rauszukitzeln. Gegen Frankreich haben sie ganz, ganz stark gespielt.

In der deutschen Mannschaft spielen vor allem im Angriff nahezu ausschließlich Spieler, die mit ihren Vereinen nicht regelmäßig oder auch überhaupt nicht auf höchstem europäischen Niveau unterwegs sind. Auch, weil zahlreiche Akteure abgesagt haben, die vom ständigen Wettbewerb zermürbt sind. Kann das ein Vorteil sein?

Was die fehlende Belastung angeht, ist das eher ein Vorteil, natürlich. Das hat Timo Kastening auch mit Blick auf die vielen Absagen, wie zum Beispiel von Hendrik Pekeler, so gesagt. Dass er sie bei Leuten verstehen kann, die so ein heftiges Pensum absolvieren. Irgendwann kann man dann nicht mehr. Das gilt für ihn und auch die anderen Melsunger wie Häfner und Kühn nicht. Und Kastening sagt, und das ist eigentlich exemplarisch für dieses Team, dass er Handball nicht als Job, sondern immer noch als Hobby versteht und es eine absolute Ehre ist, für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen. Das macht unheimlich viel Spaß. Wenn du nicht international spielst, hast du natürlich weniger Spiele und demzufolge bist du frischer.

Aber?

Auf der anderen Seite sind Andreas Wolff, Johannes Golla und Patrick Wiencek die einzigen im Team, die international wahrgenommen werden und vor denen ausländische Spieler Respekt haben. Weil sie sie Woche für Woche in der Champions League sehen. Sich ständig auf höchstem internationalen Niveau im Wettkampf zu messen, ist natürlich extrem. Da ist es eher schade, dass wir weniger Spieler dabei haben, die Champions League spielen. Denn in den entscheidenden Phasen eines Turniers hilft es dir schon, wenn der Gegner Respekt vor dir hat.

Die Absagen im Vorfeld waren ein großes Thema, weil zahlreiche Spieler aus persönlichen Gründen nicht zur Verfügung stehen oder pausieren oder sich Regenerationszeit erbaten. Sie kennen den Bundestrainer seit Jahrzehnten, in Ihr Buch steigen Sie mit einer Anekdote ein, wie Gislason den schmerzhaft verletzten Stefan Kretzschmar in die entscheidende Phase eines Champions-League-Spiels getrickst hat. "Mann oder Maus" habe er Sie gefragt, als es darauf ankam. Was glauben Sie, wie Gislason die verschiedenen Absagen aufgenommen hat?

Ich glaube es nicht nur zu wissen, ich weiß wirklich, was er davon hält. Wir sprechen ab und zu miteinander. Aber es nützt ja nichts. Jede der Absagen hat ihre Berechtigung. Wenn man jede für sich nimmt und sich die Begründung anhört, kann man das schon nachvollziehen. Trotzdem sind wir - und Alfred ist ja noch mal eine Generation älter als ich - früher anders unterwegs gewesen. Auch wenn mir davor graut, über die guten alten Zeiten zu reden oder sie zu glorifizieren. Aber für mich hätte es persönlich nie zur Debatte gestanden, für die Nationalmannschaft abzusagen. Zu unserer Zeit hat Freundschaft eine große Rolle gespielt. Wir haben uns immer gefreut, zur Nationalmannschaft zu kommen. Wir haben aber auch eine Mannschaft gehabt, in der jeder wusste, dass wir bei jedem Turnier um die Medaillen spielen konnten. Das ist natürlich auch ein Faktor. Auch die Belastung war noch eine andere.

Was ist heute noch anders?

Das Thema Familie spielt, gerade in dieser schwierigen Zeit, eine viel größere und ganz andere Rolle als noch vor 20 Jahren oder vor 15 Jahren. Das wird ganz anders gelebt von Profis heutzutage. Zu meiner Zeit stand der Mannschaftsgedanke, auch mal mit der Mannschaft zusammen etwas zu unternehmen, noch viel mehr im Vordergrund, als es heute der Fall ist. Das ist heute alles professioneller geworden. Der Sport an sich ist professioneller geworden. Man geht nach Hause, man bereitet sich vor, man ruht sich aus, man kümmert sich um Frau und Kind. Für Aktivitäten mit der Mannschaft ist da dann beinahe keine Zeit mehr. Und während der Pandemie gab es auch wenig Möglichkeiten dafür. Da haben sich die Prioritäten dann so ein bisschen verschoben und da hat sich schon einiges in der Mentalität geändert. Ich will aber gar nicht bewerten, was besser ist oder was besser war.

Es haben sich also alle mit den Absagen arrangiert?

Es gab viele Gespräche und alle haben diese Absagen akzeptiert. Aber begeistert ist natürlich niemand. Jeder Trainer und jeder Verantwortliche will immer mit der bestmöglichen Mannschaft ins Turnier gehen.

Glauben Sie, beim Bundestrainer bleibt trotz der Akzeptanz etwas hängen für künftige Turniere?

Es kommt auch darauf an, wie diese EM läuft und wie sich die Nachrücker präsentieren: Tritt da jemand aus dem Schatten und macht sich direkt unentbehrlich für die Nationalmannschaft? In der Nationalmannschaft, das ist meine persönliche Meinung, müssen immer und zu jeder Zeit die besten Spieler des Landes spielen.

Auch, wenn alles im Zeichen des Umbruchs steht?

Ich halte überhaupt nichts von sogenannten Umbrüchen. Bei der Nationalmannschaft sollte es nicht darum gehen, ob man jetzt auf jüngere Spieler setzt oder die Mannschaft irgendwie umbaut. Das kannst du im Verein machen. In der Nationalmannschaft ist es eine ganz andere Situation: Da geht es nicht um jung oder alt, da gibt es nur gut oder nicht gut genug. Die Franzosen und die Spanier machen das seit Jahren sehr erfolgreich vor, auch die Kroaten. Da hörst du erst auf für die Nationalmannschaft zu spielen, wenn es wirklich nicht mehr geht. Solange du gut genug und in der Lage bist, dein Niveau abzurufen, bist du Nationalspieler. Es geht immer um das Zusammenbringen der besten Spieler eines Landes. Wer nächstes Jahr im Januar der beste Spieler ist, sollte spielen. Alles andere halte ich für einen großen Fehler.

Unter den Spielern, die Alfred Gislason fehlen, ist Juri Knorr ein ganz besonderer Fall. Der ist als Regisseur eine große Hoffnung des deutschen Handballs, könnte mangels internationaler Belastung ausgeruht zum Team stoßen, fehlt aber, weil er sich nicht impfen lassen möchte. Akzeptieren Sie das auch?

Man sollte persönlich Entscheidungen respektieren und nicht vorverurteilen. Wer bin ich, irgendwie in das Leben oder in die Entscheidungsfindung eines anderen Menschen eingreifen zu wollen? Persönlich bin ich ein absoluter Impfbefürworter und gehe gerne jederzeit mit gutem Beispiel voran. So handhaben wir das auch bei uns in Berlin, wo alle geimpft sind. Aber wenn jemand Bedenken hat, höre ich mir die gerne an und spreche mit ihm darüber.

Wenn sich aber die Mehrheit der Menschen nicht impfen lassen würde, dann hätten wir nicht mal annähernd einen Zustand erreichen können, wie wir ihn in der Bundesliga derzeit haben, dass wir auch vor Zuschauern spielen können. Da sehe ich dann schon das Solidaritätsprinzip im Vordergrund, natürlich auch als Zeichen an die Gesellschaft. Es geht um Solidarität und man hat die Pflicht, sich mit der Sache zu beschäftigen. Ich habe mit vielen Ärzten gesprochen, die mir alle ihre ehrliche Einschätzung zum Impfen gegeben haben. Dadurch war die Impfung dann schnell keine Frage mehr.

Noch vor Weihnachten hat der Verband wichtige Weichen in Richtung der Heim-EM 2024 gestellt, indem er den Vertrag mit Alfred Gislason bis dahin verlängert hat. Eine gute Entscheidung? Immerhin hat auch Gislason nach der kurzen Ära von Christian Prokop die Wende noch nicht herbeiführen können.

Ich finde das gut. Alfred ist ein sehr, sehr erfahrener Trainer und ich weiß, was für eine Aura seine Ausstrahlung hat, was er für einen Erfahrungsschatz hat. Das ist für jede Mannschaft wertvoll, erst recht für eine relativ unerfahrene Mannschaft. Von daher finde ich es toll, dass wir so eine Galionsfigur an der Spitze unserer Nationalmannschaft haben.

Ihr ehemaliger Mitspieler Henning Fritz, Weltmeister von 2007, hat die Verlängerung zuletzt eher kritisch kommentiert, zu einem jungen Team im Umbruch, so sagte er, passe vielleicht auch ein junger Trainer besser.

Die Nationalmannschaft ist das Premiumprodukt unseres Sports. Das heißt, in allen Bereichen, auf allen Gebieten müssen die Besten der Besten arbeiten, egal ob Spieler oder Trainer. Und Alfred ist ohne Zweifel einer der besten Trainer der Welt. Bei der Nationalmannschaft geht es nicht um ein Konzept, sondern dafür muss man sich qualifizieren. Dafür muss man sich Meriten erarbeiten. Dafür muss man einen gewissen Standard erfüllen und im Leben auch eine Menge hinter sich gebracht haben. Dafür braucht man Erfahrung und all das hat Alfred. Einen der besten Trainer der Welt als Nationaltrainer zu haben, kann nicht schaden. Da sind wir für meine Begriffe ideal besetzt. Noch mal: Ich bin kein Freund von Umbrüchen, sondern will in der Nationalmannschaft jederzeit Premium, Premium, Premium - und deswegen finde ich das völlig richtig, dass wir einen besten Trainer als Nationaltrainer haben.

2019 waren Sie missverstanden und von rechter Seite instrumentalisiert worden, weil Sie in einem Interview sagten, die Meinungsfreiheit für Sportler sei eingeschränkt. Der neue Kapitän Johannes Golla sagte jüngst, er werde "alles dafür tun, dass bei uns jeder seine Meinung sagen darf" im Hinblick auf politische und gesellschaftliche Missstände. Das muss Sie doch eigentlich begeistern, oder?

Timo Kastening sagte ja kürzlich etwas ähnliches wie ich damals. Es gibt immer den Ruf nach Typen. Wenn aber einer was sagt, dann gibt es sofort eins aufs Dach. Sei es von den Fans oder von den Medien oder von wem auch immer. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Aber natürlich, mich begeistert das, wenn Johannes so was sagt. Und wenn er Verantwortung übernehmen und Haltung zeigen will, bitte, ich würde niemals jemanden dafür kritisieren, weil ich es mutig finde und weil ich es nötig und gut finde. Ich hoffe aber, dass ihm kein Strick daraus gedreht wird, das ist die Gefahr der heutigen Zeit. Aber klar ist auch: Wir brauchen mehr solche Persönlichkeiten, die sich dafür einsetzen, woran sie glauben.

Sie haben damals auch gesagt, dass Ihre Erfahrungen in der Hausbesetzerszene nicht nur politisch geprägt, sondern auch vom Sport abgelenkt hätten. Ablenkung kann doch leistungsfördernd sein, oder?

Sehe ich genauso. Mir hat es immer sehr geholfen. Diese Angriffe, Sportler sollen sich doch bitte auf den Sport konzentrieren und auf sonst nichts, kommen ja auch immer nur, wenn es mal nicht läuft. Solange du Leistung bringst, solange du gut spielst, solange du ablieferst, hast du deine Ruhe. Aber wehe, du scheiterst einmal. Dann kommt es natürlich doppelt und dreifach zurück. Und wenn du solche Eskapaden lieferst wie ich, dann kommt das zehnfach zurück.

Der Handball dreht sich aber noch nicht so sehr um sich selbst wie andere populäre Sportarten, oder?

Ich halte den Ausgleich für ganz, ganz wichtig. Dass man sich neben dem Handball auch mit anderen Dingen beschäftigt, die mit dem Sport überhaupt nichts zu tun haben. Im Handball ist es noch lange nicht so schlimm wie im Fußball, aber auch wir sind auf dem Weg, uns in eine Blase zu bewegen. In der sich alles nur noch um Handball dreht und man die Bedeutung des Ganzen einfach überdimensioniert. Wenn man weiß, dass Handball nicht alles im Leben ist, hilft dir das ungemein. Es ist wichtig, auch mal normale Gespräche zu führen und nicht immer nur über die letzte Niederlage zu quatschen oder welche Kombinationen man im nächsten Spiel spielen möchte. Wenn man in Berlin in ein Café geht, merkt man schnell, dass es wirklich wenige Menschen interessiert, wie du am Wochenende gespielt hast und dass du eben nicht der Größte bist, um den sich alles dreht.

Zum Abschluss: Was darf man denn nun von dieser deutschen Mannschaft erwarten, unabhängig von Platzierungen?

Ich würde gerne einen attraktiven Handball von dieser Mannschaft sehen, dass sie sich zerreißt, dass sie sich da voll reinhaut und sich freut auf dieses Turnier. Dass sie jedes einzelne Länderspiel ambitioniert und mit viel Einsatz angeht. Rein vom Ergebnis erwarte ich von der Mannschaft, dass sie sich für die Hauptrunde qualifiziert, dass sie diese Vorrunde also auch ergebnisorientiert erfolgreich gestaltet. Und was dann in der Hauptrunde passiert? Da warten Norwegen und Spanien, wer noch?

Mutmaßlich Schweden und Russland.

Natürlich brauchen wir da nicht weiter zu spekulieren, das ist das Nonplusultra des Welthandballs.

Mit Stefan Kretzschmar sprach Till Erdenberger.

Quelle: ntv.de

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