Formel1

Noch kein Vertrag mit Mercedes Hamilton macht sich selbst zum Rätsel

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Hamilton weiß, wie er die Aufmerksamkeit nutzt, die auf ihn gerichtet ist.

(Foto: imago images/Motorsport Images)

Der siebte WM-Titel ist Lewis Hamilton fast unmöglich zu nehmen, damit steigt er in der ewigen Formel-1-Rangliste zu Michael Schumacher auf. Um ihn zu überholen, müsste der Brite einen neuen Vertrag unterschreiben. Allerdings deutet Hamilton auch einen Rücktritt an.

Lewis Hamilton denkt gerne laut. Nicht immer, aber doch oft genug lässt der Formel-1-Pilot die Öffentlichkeit an seinen Gedanken teilhaben. Wie unausweichlich es für jeden Menschen ist, gegen Rassismus und Diskriminierung anzukämpfen. Sich für Diversität und Chancengleichheit zu engagieren. Wie wichtig es ist, sich für den Umweltschutz einzusetzen, auch wenn das vermeintlich paradox klingt für jemanden, der hauptberuflich um die Welt fliegt, um sehr schnell Auto zu fahren. Nachdem sein Mercedes-Rennstall in Imola zum siebten Mal in die Folge den Konstrukteurs-Titel eingefahren hatte, dachte der Brite wieder einmal laut: "Es gibt auch im Leben außerhalb von hier jede Menge, das mich fesselt."

Damit befeuerte der 35-Jährige die Spekulationen, das Jahr 2020 könnte sein letztes in der Formel 1 sein. Sein Sieg beim Grand Prix der Emilia-Romagna rückte fast schon in den Hintergrund, für wesentlich mehr Aufsehen sorgte seine Aussage, er wäre auch in der kommenden Saison zwar "gerne hier, aber dafür gibt es natürlich keine Garantie". Voraussichtlich schon an diesem Wochenende, beim Großen Preis der Türkei in Istanbul, gewinnt Hamilton seine siebte Weltmeisterschaft als Fahrer. Bereits vor dem ersten Rennen der Saison war die Frage nicht, ob der Brite den zum vierten Mal nacheinander den Titel einfährt, sondern wann. Auf ein Arbeitspapier für 2021 haben sich Mercedes und der unbestrittene König der Formel 1 allerdings noch nicht geeinigt - folgt auf die Feier also der Abschied?

Auf gar keinen Fall, sagt ntv-Motorsportexperte Felix Görner, der in den Wortmeldungen des Seriensiegers viel mehr Vertragspoker sieht als ernsthafte Rücktrittandeutungen: "So gut Hamilton auf der Strecke ist, so gut ist er auch am Verhandlungstisch." Dieser Verhandlungstisch steht übrigens wohl wieder einmal in der Küche von Mercedes-Teamchef Toto Wolff, dort besprachen die beiden laut Görner in den vergangenen Jahren wiederholt die wichtigsten Details. Denn Hamilton "macht das ja alles alleine", verhandelt seine Verträge also selbst, statt ein Management damit zu beauftragen. Und weder für ihn noch für Mercedes gibt es einen Grund, die Zusammenarbeit zu beenden.

Niemand verdient so viel

Denn weil die große Regelreform aufgrund der Corona-Pandemie um ein Jahr nach hinten und damit auf 2022 verschoben worden ist, bleiben die Kräfteverhältnisse in der Formel 1 weitgehend unverändert. Heißt: Mercedes stellt das mit Abstand stärkste Auto und Hamilton, der in dieser Saison bislang neun von 13 Rennen gewann, ist auch in der kommenden Saison der haushohe Favorit. Da der siebte WM-Titel ihm fast unmöglich zu nehmen ist, winkt im neuen Jahr die achte Meisterschaft. Damit würde Hamilton auch in dieser Wertung die lange Zeit für uneinholbar gehaltene Bestmarke von Michael Schumacher knacken, den er immer wieder als Inspiration bezeichnet.

"Natürlich reizen ihn die Rekorde", sagt Görner, "über die er immer erst spricht, wenn sie gebrochen sind." Neben dem Titel-Rekord deutet alles darauf hin, dass Hamilton in der Saison 2021 als erster Fahrer in der Formel-1-Geschichte sein 100. Rennen gewinnen wird. Aktuell steht er bei 93, vier Grands Prix' sind in dieser verkürzten Saison noch zu fahren. Damit würde sich der Brite zum erfolgreichsten Piloten der an großen Helden gewiss nicht armen Historie der Serie machen. Und auch wenn Hamilton in der Vergangenheit immer wieder betonte, dass diese Statistiken "nicht mein Antrieb" sind: Sein Innehalten, nachdem er Schumachers 91 Erfolge egalisiert hatte, zeigte, wie viel ihm diese Meilensteine bedeuten.

Görner deutet Hamiltons angedeuteten Abschied daher als Teil seiner Vertragsverhandlungen, "das ist eindeutig ein Poker um eine höhere Gage." Der 35-Jährige ist längst der bestbezahlte Fahrer im Feld, Medienberichten zufolge verdient er mehr als 40 Millionen Euro pro Saison, nur Sebastian Vettel bei Ferrari und Max Verstappen bei Red Bull sollen vergleichbare Überweisungen ihrer Teams erhalten. Hamilton kann seine Position auch deshalb ausreizen, weil er das Duell mit der Konkurrenz so nachhaltig dominiert, sagt Görner: "Auch in diesem Jahr gelingt es ihm besser und konstanter als jedem anderen, auf Knopfdruck seine Leistung zu bringen."

Wie spielt Hamilton seine Hand aus?

Zwar hat auch Mercedes aufgrund der Corona-Krise mit Mindereinnahmen zu kämpfen und das Formel-1-Team erwirtschafte laut Teamchef Wolff zwar keinen unmittelbaren Gewinn, der Marketingwert der jahrelangen Dominanz für den Daimler-Konzern ist aber wohl nur schwer zu überschätzen. Der Österreicher, der mit dem Briten ein herausragendes Duo bildet, taxierte diesen Ende Juli im Gespräch mit "Auto, Motor und Sport" auf "eine Milliarde Euro". Dazu kämen, wenn Hamilton wie erwartet weiter fährt und weiter gewinnt, laut Görner "zusätzliche Einnahmen", denn "diese Zahlen - acht Titel und 100 Siege - lassen sich herausragend vermarkten."

Wolff war es auch, der Hamiltons vermeintliche Rücktrittsgedanken in Imola ganz nüchtern einsortierte: "Ich denke, dass es gerade einfach der Moment ist, die Emotionen. Wir sind alle happy, aber auch sehr müde. Ich kann dieses Gefühl, dass du dich selbst hinterfragst, voll und ganz nachempfinden." Kein Karriereende also, sondern nur die Auswirkungen eines nachvollziehbaren Spannungsabfalls, nachdem ein großes Ziel erreicht ist. Und schließlich wäre auch Mercedes schlecht beraten, Hamilton einfach so ziehen zu lassen.

Neun Siege in 13 Rennen sprechen eine deutliche Sprache, sein Vorsprung von 85 Punkten auf Valtteri Bottas ebenfalls. Und selbst ohne den Finnen läge Mercedes nur dank Hamiltons Ergebnissen in der Konstrukteurswertung deutlich in Führung. Er ist nicht nur der herausragende Fahrer dieses Jahres, sondern mindestens seiner Generation, womöglich sogar der Beste in 70 Jahren Formel 1. Deshalb halte der Brite eben auch "alle Trümpfe in der Hand", sagt Görner. Und es besteht kaum ein Zweifel daran, dass Lewis Hamilton diese auch auszuspielen weiß.

Quelle: ntv.de