Formel1

Die Formel-1-Lehren aus Sotschi Mercedes trägt die Schuld für die Peinlichkeit

Zum zweiten Mal in kurzer Zeit kassiert Lewis Hamilton eine Strafe, weil sein Mercedes-Team ihm falsche Anweisungen gibt. Aber der Formel-1-Dominator ist nicht unschuldig - und demonstriert zugleich, wie überlegen sein Auto ist. Sebastian Vettel freut sich auf ein Ende und Protest ist schwierig.

Mercedes zeigt schon wieder ungewohnte Schwäche: Er will niemals in die Lage kommen, nicht mehr sehr gut, sondern nur noch gut zu sein. Das hat Mercedes-Teamchef Toto Wolff in Sotschi gesagt. Ein starker Spruch, der dem Österreicher wenige Stunden später auf die Füße fiel. Der zweite Patzer der Boxencrew innerhalb eines Monats kostete den WM-Führenden Lewis Hamilton zum zweiten Mal den sicheren Sieg. In Monza winkten sie Hamilton in die Boxengasse, obwohl ein rotes Licht deutlich sichtbar die Einfahrt verbot. In Sotschi ließen sie den Weltmeister Starts üben an Stellen, die dafür nicht vorgesehen sind. Toto Wolff sollte seine Leute schnellstens wieder auf "sehr gut" einschwören.

Wobei der Aussetzer auf dem Weg in die Startaufstellung und die daraus folgenden Zeitstrafen unfreiwillig auch deutlich machten, wie chancenlos die Konkurrenz ist. Denn dass Hamilton trotz der zehn Sekunden Wartezeit beim Boxenstopp souverän aufs Podium fuhr, zeigte einmal mehr eindeutig, dass sich Mercedes nur selbst schlagen kann. Wenn die Silbernen ihre Aufgaben fehlerfrei - so wie es Wolff verlangt - erledigen, fahren sie in einer eigenen Welt. Dieser Drang zur Perfektion, den Wolff verkörpert, ist es, der Mercedes zum Seriensieger gemacht hat.

Hamilton trägt eine Mitschuld: Der Weltmeister war leicht verkrampft bemüht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Hamilton vergaß trotz aller Frustration nicht den Dank an die russischen Fans ("Spasiba"), er gratulierte seinem Teamkollegen zum Sieg, aber er wollte nicht so richtig viel reden. Kein expliziter Vorwurf an sein Team, kein Gejammer, kein Wort über den verpassten Rekord von Michael Schumacher. Hamilton weiß, dass er diesen Rekord von 91 Grand-Prix-Siegen einstellen und übertreffen wird, er weiß auch mit einiger Sicherheit, dass er am Ende der Saison die sieben Titel in seiner Vita haben wird, die Schumacher bislang zum alleinigen Rekordweltmeister machen.

Und Hamilton weiß bestimmt, dass er an dem Desaster zumindest eine kleine Mitschuld trägt. Das rote Licht in Monza hätte auch er sehen müssen, und nur, weil man sechsmal Weltmeister ist, darf man entlang einer Rennstrecke eben nicht stehenbleiben, wo man will. Immerhin die Strafpunkte nahmen die Regelhüter wieder zurück, weil Hamilton auf Anweisung seines Teams gehandelt habe - eine gute Nachricht für den 35-Jährigen, dem sonst bei einem weiteren Vergehen eine Rennsperre gedroht hätte.

Vettel fährt freudig dem Ferrari-Ende entgegen: Es war sein 250. Rennen in der Formel 1, und es endete erneut alles andere als erfreulich für den viermaligen Weltmeister. Der rote Ritter von der traurigen Gestalt macht sich gar nicht mehr die Mühe, seinen Frust irgendwie zu verbergen. Ja, Vettel freut sich auf den Nürburgring, es ist immerhin sein Heimrennen, aber er wird es mit einem nicht konkurrenzfähigen Auto bestreiten müssen. "Das Rennen wird sehr besonders", sagte er in Sotschi, "aber das Auto ist leider dasselbe wie in den vergangenen Monaten." Man kann es kaum erwarten, einen der anerkannt besten Fahrer im Feld im kommenden Jahr endlich wieder in einem wettbewerbstauglichen Dienstwagen zu sehen. Dann bei Aston Martin in gediegenem "British Racing Green".

Bottas' Freude verpufft: Auch wenn er das Rennen gewonnen hat, ist der Finne einfach kein Siegertyp. Das drastische "F*** you" an die Adresse seiner Kritiker, unmittelbar nach der Zieldurchfahrt in den Boxenfunk geblafft, war weder souverän noch der Situation angemessen. Bottas sollte einen Sieg wie diesen nicht feiern, als habe er Hamilton im direkten Duell auf der Strecke bezwungen, das nämlich hat er nicht. Das hat er in der Vergangenheit so gut wie nie, wenn er ganz oben auf dem Podest stand, hatte Hamilton oft entweder Probleme mit dem Auto, mit den Reifen oder mit seiner Boxencrew. Bottas ist ein Wingman, ein Helfer, daran ändern auch abgestaubte Siege nichts. Und die Art, mit der er sich in Sotschi gegen Kritik zur Wehr setzte, unterstreicht nur seine Rolle als klassische Nummer zwei.

Protest ja, aber bitte nur so, wie es der Formel 1 gefällt: Es war eine vermeintlich unwichtige Mitteilung, die Renndirektor Michael Masi wenige Stunden vor dem Großen Preis von Russland verschickte. Darin wird eine neue Richtlinie erläutert, die die Piloten bei der Siegerehrung dazu verpflichtet, nur ihre Rennanzüge zu tragen und diese bis zum Hals zu schließen. Auslöser, auch wenn nicht explizit genannt, dürfte das T-Shirt von Lewis Hamilton nach seinem Sieg in Mugello gewesen sein. Der einzige schwarze Pilot der Formel-1-Historie forderte mit diesem: "Verhaftet die Polizisten, die Breonna Taylor getötet haben."

Hamilton hatte offenbar mit einer solchen Reaktion gerechnet, als er schon vor dem Rennwochenende im russischen Sotschi sagte: "Über die Jahre haben sie eine Menge Regeln meinetwegen erfunden, aber das hält mich nicht auf." Es bleibt abzuwarten, wie die Piloten, allen voran Hamilton, mit dieser neuen Anweisung umgehen.

Quelle: ntv.de, tsi/sid

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