Formel1

Zoff zwischen Vettel und Ferrari Nur noch ein Funke reicht zur Explosion

Der völlig frustrierte Sebastian Vettel geht nun sogar in die offene Konfrontation mit Ferrari. Der ungebremste Formel-1-Absturz nervt den 33-Jährigen gewaltig. Wie eine Erlösung dürfte die Scheidung zum Ende dieser Saison sein. Oder ist gar früher Schluss?

Für Sebastian Vettel gibt es eine gute Nachricht. Und sie kommt tatsächlich aus Italien. Für das Rennen in Barcelona am kommenden Wochenende bekommt der 33-Jährige von Ferrari ein neues Auto gestellt. Falls sein aktueller Wagen also einen (bisher nicht bekannten) Schaden hatte, so ist das Problem (vielleicht) aus der Welt. Und damit womöglich die Diskussion um eine Ungleichbehandlung bei der Scuderia wieder befriedet. Ob der neue Bolide auch die extrem angespannte Stimmung zwischen dem Fahrer und seinem Team wieder lockern kann? Es wäre dringend nötig, um das GAU-Szenario zu verhindern: Ein vorzeitiges Ende der Zusammenarbeit noch vor dem Saisonende.

Am Wochenende, nach dem zweiten verbockten Rennen in Silverstone, war der Konflikt erneut eskaliert. So weit gar, dass womöglich nun nur noch ein Funke zur Explosion reicht. Eine Woche nach der Funkstille von Vettel ging dieser sein Team nun öffentlich über das Team-Radio an. Eine aus seiner Sicht nicht nachvollziehbare Strategie machte den Heppenheimer wütend. Der Konter der Scuderia, von Teamchef Mattia Binotto, kam schnell und ebenfalls deutlich. Nicht die Wahl der Strategie haben das Rennen seines einstigen Starpiloten ruiniert, sondern er selbst. Mit seinem kapitalen Fehler zum Start, einem Dreher. Für beide Interpretationen gibt es gute Argumente. Fakt ist: Vettel kam nach dem frühen Boxenstopp in gewaltigen Verkehr, am Ende standen ein zwölfter Platz - und keine Punkte.

Auch nach dem Rennen gab der viermalige Weltmeister gegenüber RTL keine Ruhe, schimpfte weiter über die Entscheidung. Und so ploppte plötzlich die Diskussion auf, ob Vettel tatsächlich an einem vorzeitigen Rauswurf beim italienischen Traditionsrennstall arbeite - was eigentlich nicht in seinem Interesse sein kann, weil er nach seinem Ferrari-Ende der Formel 1 ja erhalten bleiben möchte. Nun, eine seriöse Tendenz wie es weitergeht gibt es in Wahrheit nicht. Lediglich ein paar Indizien, die sowohl die eine These stützen (Rauswurf) als auch die andere (kein Rauswurf).

Die Fahrfehler nerven

Mit seinen Fahrfehlern, schon zwei fatale in den bisherigen fünf Saisonrennen, nervt er die Scuderia jedenfalls gewaltig. Sie kosten das Team wichtige Punkte für die Konstrukteurs-WM, wo es in diesem Jahr wohl nur noch um Rang drei geht - zu weit enteilt sind Mercedes und Red Bull. Und selbst McLaren und Racing Point drohen Ferrari zu überholen, üben auf jeden Fall mächtig Druck aus.

Allerdings macht auch Teamrivale Charles Leclerc bisweilen schwere Fehler. Er schoss in Spielberg beide Ferraris aus dem Rennen. In der Kritik an Vettel geht das regelmäßig unter - vor allem in den italienischen Medien. Der sehr fokussierte Blick auf den Deutschen hat indes auch eine lange Vorgeschichte. In der vergangenen Saison hatte sich Vettel bereits einige heftige Aussetzer geleistet. Die geringe Einsicht eigener Fehler, sie zementiert das Bild des Sturkopfs. Mit seiner zuletzt destruktiven Kommunikation hat Vettel das weiter befeuert.

Die zweite Seite der Medaille sieht derweil ganz anders aus. Denn die ungewohnten Fehler hängen auch eng mit dem Selbstvertrauen des Piloten zusammen. Und mit dem Vertrauen, das er von seinem Team spürt. Eine positive Umgebung, die gibt es für den 33-Jährigen derzeit nicht. Wie schwierig, wie unmöglich es sein kann, in so einem Umfeld Topleistungen zu bringen, wurde einst bei Fernando Alonso und Kimi Räikkönen deutlich, die den Rennstall frustriert verlassen mussten. Dass Vettel derzeit so wenig Vertrauen spürt, liegt auch an der Art und Weise seines Abgangs. Der war ganz und gar nicht so einvernehmlich, wie Ferrari das zunächst verkündet hatte. Nach langem Schweigen erklärte der Heppenheimer Anfang Juli bei RTL, dass das Ende der Zusammenarbeit für ihn "ein Schock" gewesen sei.

Traumehe droht krachend zu scheitern

Aus dieser Abwärtsspirale konnte und kann Vettel sich offenbar nicht befreien. Zudem lastet der unerfüllte Lebenstraum schwer auf ihm. Ein zweiter roter Weltmeister nach Michael Schumacher, das war das Ziel, als er 2015 zur Scuderia kam. Es sollte eine Traumehe werden, sie droht aber nun krachend zu scheitern. Auch, weil es eine Überhöhung des Teams gegenüber dem Fahrer gibt. Anders als bei Mercedes, wo Lewis Hamilton, der überragende Pilot der vergangenen Jahre, absolut auf Augenhöhe mit dem Rennstall agiert. Bei Ferrari zählt vor allem Ferrari. Für die sensible Seele der Equipe sind heftige Attacken, wie die aktuellen von Vettel, kaum zu verkraften. Eine Fehlerkultur, sie existiert nicht. Zumindest nicht öffentlich. So entsteht Frust.

Die Schuldfrage stellt sich nicht. Fehler, es sind nur nicht die Sichtbaren. Ein Dreher, ein falsches Manöver, ein geplatzter Reifen. Sie stellen fast immer den Fahrer an den Pranger. Über Strategie und Technik wird geschwiegen - ein Ansatz mit Tradition. Eine gefährliche Mischung aus falschem Stolz und ungesunder Arroganz. Es ist ein Mangel an Professionalität, der titelentscheidend ist. Ferrari, das ist wieder eine Burg, die sich gegen äußere Einflüsse wehrt. Anders als damals bei Schumacher. Damals wars erfolgreich. Und harmonisch. Bis zum Ende.

Quelle: ntv.de