Fußball-EM

Der Eklat nach der EM-Niederlage Englands Nacht der rassistischen Schande

Im Vorfeld des EM-Endspiels stürmen Fans das Wembley-Stadion. Nach den verschossenen Elfmetern brechen sich rassistische Beleidigungen gegen englische Spieler Bahn. Premierminister Boris Johnson versucht zu beschwichtigen. Doch die Kritik richtet sich längst gegen ihn.

Als die Scherben vor dem Wembley-Stadion zusammengefegt und die erste Trauer über die Niederlage durch die drei vergebenen Elfmeter der Schwarzen Nationalspieler Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka im EM-Finale überwunden war, entschuldigte sich der britische Premierminister Boris Johnson. "Dieses England-Team", twitterte er, "verdient es als Helden verehrt und nicht rassistisch beschimpft zu werden. Die Verantwortlichen für diese entsetzlichen Beschimpfungen sollten sich schämen." In England glauben nicht wenige, dass Boris Johnson sich nicht schämen wird. Sie haben ihn als Verantwortlichen ausgemacht.

"Es fängt ganz oben an", sagt ein erzürnter Gary Neville auf Sky News. Der ehemalige Nationalspieler Englands will Johnson nicht davonkommen lassen. "Der Premierminister hat gesagt, es sei in Ordnung für die Bevölkerung des Landes, Spieler auszubuhen, die versuchen, Gleichberechtigung zu fördern und sich gegen Rassismus zu verteidigen." Wie konnte es dazu kommen und was ist überhaupt in Wembley passiert? Wie konnte es zu Englands Nacht der Schande kommen?

Der aufgeputschte Mob stürmt das Stadion

Hoch oben in der Royal Box des Wembley Stadions präsentierte sich Boris Johnson mal wieder volksnah. Anders als die Abgesandten des Königshauses trug der Premierminister das Trikot der Three Lions. Es war sein großer Moment. Erst hatte er England aus der Europäischen Union geführt, dann die Pandemie eigenständig mit seinem Impfprogramm besiegt, dann die Sportstätten wieder für Zuschauer geöffnet und nun würde er sich neben Prinz William, Herzogin Kate und ihrem Sohn Prinz George zum eigentlichen König von England krönen. Die Austragung des Endspiels war zugleich auch Englands Bewerbungsschreiben für die Austragung der WM 2030. Ein Prestigeprojekt für Johnsons Großbritannien.

Vor dem Stadion spielten sich kurz vorher auf dem Wembley Way, dem schmalen Weg zwischen U-Bahn und Einlass, Szenen ab, die von dem Beobachter der "Süddeutschen Zeitung" mit einem Tag Abstand von im Angesicht "eines mit chauvinistischem Pathos und allerlei Rauschmitteln aufgeputschten Mobs" überforderten Sicherheitskräften geschildert werden. Der Mob durchbrach die Absperrungen, stürmte ins Stadion. Von offiziellen Stellen erst bestritten, dann bestätigt, soll es sich nach ntv.de-Informationen um eine vierstellige Anzahl an Fans gehandelt haben, die das ohnehin mit beinahe 70.000 Zuschauern gefüllte Wembley-Stadion ohne Ticket erreichten. In den Verteilerebenen des Stadions prügelten sich bald die Fans untereinander.

Auf der einen Seite standen die mit Eintrittskarte und auf der anderen Seite die ohne. Die Ordnungskräfte wirkten überfordert. Dann traf Luke Shaw, dann glich Italien aus und im Elfmeterschießen vergaben dann genau eben jene Spieler, die Teilen der englischen Fans aufgrund ihrer Hautfarbe ein Dorn im Auge sind. Das Unheil nahm seinen Lauf. Alles hängt mit allem zusammen. Die vor dem Spiel zur Schau gestellte Gesetzeslosigkeit und die Verachtung jedweder Regeln des Anstands überträgt sich ins Netz. In den sozialen Medien kam es zu rassistischen Beleidigungen der schlimmsten Art, auch draußen auf den Straßen des Landes soll es teilweise rassistische Gesängen gegeben haben und gewalttätig geworden sein. Es war absehbar.

Der Kampf um ein neues England

Bereits vor dem Spiel hatte sich der rechtsdraußen Politikdarsteller Nigel Farage mit einer St.-George's-Weste vor dem Stadion ablichten lassen. Es war ein Bild mit Symbolkraft. Ganz England stand also hinter den Three Lions, aber eben nicht, weil sie das Team liebten, sondern weil sie von einer Welle des Nationalismus mitgerissen wurden. Über die Dauer des Turniers hatte sich in England ein Kampf der Ideen entsponnen. Die Nationalmannschaft mit ihrem Trainer Gareth Southgate propagierten einen neuen, weltoffeneren Patriotismus linker Natur während sich die alte Garde an ihren alten Werten festhielt. Ähnlich wie im Brasilien des Jahres 2014 präsentierte sich das Vereinigte Königreich als innerlich zerrissenes Land, das die Verantwortung für die Heilung der Nation nun seinen jungen Fußballern auflastete.

"Eine erwachsene, stabile Demokratie verliert ein Fußballspiel, putzt sich den Mund ab und geht am nächsten Morgen wieder zur Arbeit. Eine erwachsene, stabile Demokratie benimmt sich nicht so wie England sich gestern benommen hat", sagt der in Berlin lebende Autor Musa Okwonga im Gespräch mit ntv.de. Gemeinsam mit dem ehemaligen Musiker Ryan Hunn betreibt er Stadio, einen der besten Podcasts über Fußball. Sein in diesem Jahr erschienenes Buch "One of Them" setzt sich mit seinen Jahren am Eton College und dem englischen Klassismus auseinander. Mit Blick auf die Beleidigungen im Netz kommentiert er nüchtern: "Menschen haben die sozialen Medien und sie tragen Hass in ihren Herzen. Eine fatale Kombination."

Die Kritiker kaufen Johnson seine Reue nicht ab

Die Ereignisse in London waren so vorhersehbar wie überflüssig. Den Tag über wurden aus der englischen Hauptstadt immer wieder Bilder der überbordenden und teils unheilverkündenden Vorfreude in die Welt transportiert. Verstärkt wurden die vom Leicester Square, aus den U-Bahnen und aus dem Stadionumfeld in die Welt transportierten Bilder noch durch die Ungewissheit über die Auswirkungen für die Gesundheit der Bevölkerung im Angesicht der auch im Vereinigten Königreich ansässigen Delta-Variante. Die macht dort landesweit einen Anteil von 98 Prozent an allen Neuinfektionen aus.

All das war befremdlich, doch eben auch zu erwarten. Ganz England ist aktuell ein gigantisches Testlabor. Der Fußball, der Traum, die Jahre des Schmerzes zu beenden, war da das geeignete Feld und England schlussendlich sogar recht souverän ins Finale der Europameisterschaft eingezogen. Das machte etwas mit dem Land. Sogar Trainer Southgate verfiel am Vorabend des Finalspiels in alte Weltkrieg-Rhetorik. Die Erinnerung daran habe im Spiel gegen Deutschland für den entscheidenden Schuss Motivation gesorgt, sagte er.

"Die letzten Tage vor dem Spiel konnte man beobachten, wie das Gefühl der Vorfreude in eines der Überlegenheit, der Dominanz und der Erniedrigung des Gegners kippte", sagt Okwonga, der Boris Johnson, wie eben auch Gary Neville, seine Reue nicht abkauft. Schon beim Halbfinalspiel gegen Dänemark und beim Achtelfinale gegen Deutschland war die Hymne der Gäste von Teilen der England-Anhänger niedergebuht worden. Der Nationalismus existierte schon vorher, nach dem Elfmeterschießen richtete er sich als Rassismus auch gegen die eigenen Spieler. "Es ist leider so: In England ist diese Art von Rassismus nie weit entfernt. Was sich gestern Bahn gebrochen hat, wurde jahrelang von der Regierung aber auch Teilen der englischen Medien vorbereitet", sagt er. "Dass sie jetzt alle zurückrudern, zeigt nur, wie geschockt sie selbst von ihrer eigenen Kampagne sind. Wir reden hier von einer Regierung, die noch vor wenigen Monaten eine Studie vorlegte, in der die Existenz von strukturellem Rassismus im Vereinigten Königreich schlichtweg geleugnet wurde."

Kritik auch an den Medien

Auch der Soziologe Mark Doidge von der Uni Brighton ist von dem Verhalten der englischen Fans nicht überrascht. "Das alte England wird nie verschwinden", sagt er im Gespräch mit ntv.de. "Es hat eine starke Stimme und es ist keine Überraschung, dass es der Teil der Wählerschaft ist, den Johnson und seine Regierung aktiv umworben haben, seit sie an die Macht gekommen sind, um einen extremen Brexit durchzusetzen." Wie so viele an diesem Tag nach dem englischen Tag der Schande weist er auf die fehlende Führungsstärke der englischen Regierung hin.

Brexit und die aktuellen Streitigkeiten mit der EU um das Nordirland-Abkommen, das Hin und Her in der Pandemie mit den verspäteten Lockdowns, das Kuschen vor der UEFA, der Umgang mit den Spielern, die auf die Knie gegangen waren: Doidge hält nichts zurück. Der Unmut, auch über die Abwesenheit jeder Opposition, klingt bei jedem Wort durch. "Und dann kommt da noch das Versagen der Social-Media-Firmen hinzu. Sie machen nichts gegen diesen Missbrauch. Es ist auch die Untätigkeit der Regierung. Und es ist ein Medienumfeld, das darin zu schwelgen scheint, Unzufriedenheit und Spaltung zu schaffen, während es Klicks auf ihren Webseiten fördert."

Am Tag nach dem Finale, nach dem Tag der Schande, ist England zerrissener denn je. Von Englands 2030er-WM-Träumen ist vorerst nichts übrig geblieben. Die interne Aufarbeitung der Ereignisse hat gerade erst begonnen. "Wenn England heute gegen Italien antritt, werden Mr. Rashfords England und Mr. Johnsons England unter derselben Flagge vereint sein; wenn mein Land gewinnt, werden sie in ihrem Jubel nicht zu unterscheiden sein", schrieb Okwonga am Tag des Endspiels in einem Beitrag für die "New York Times". Seine daran anschließenden Worte hätten prophetischer nicht sein können. "Aber am Morgen nach dem Spiel und in den kommenden Jahren weiß ich, für welche Vision von England ich die Daumen drücken werde."

Quelle: ntv.de

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