Fußball-EM

Kimmich, Sturm, Scheindominanz Löw und seine vielen Probleme

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Joachim Löw schwor seine Mannschaft eindringlich auf die kommende große Aufgabe ein.

(Foto: imago images/Hartenfelser)

Joachim Löw muss schleunigst die richtigen Lösungen für drängende Probleme finden, sonst ist seine Ära schneller vorbei, als ihm lieb ist. Der Schlüsselspieler dieser Tage ist dabei nicht Joshua Kimmich, auch wenn der in Bestform viele, viele Sorgen lindern kann.

Nein, das Auftaktspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM brachte keine Punkte und schon gar keine Euphorie. Immerhin war man beim DFB-Team vereinzelt recht zufrieden mit dem Spiel – und das war doch sehr überraschend angesichts der vollkommenen buchstäblichen Chancenlosigkeit gegen den Weltmeister.

Joachim Löw weiß natürlich auch, was die Stunde geschlagen hat. Das Abschlusstraining vor dem Spiel gegen Portugal beginnt er mit einer energischen Rede an seinen Kader. Der Bundestrainer redet mehrere Minuten auf sein Personal ein, bevor das Abschlusstraining beginnt. Die frühmittägliche Sonne, sie knallt gnadenlos auf die Szene: In Herzogenaurach läuft die Einstimmung auf den High Noon am Samstag gegen Portugal.

Gegen den Europameister müssen Punkte her, wenigstens einer. Weil man aus der Partie gegen die Franzosen null Zähler, aber dafür viele Probleme mitnahm. Joachim Löw und seine Mannschaft müssen sie schnell lösen.

Joshua Kimmich kann nicht überall spielen

Hätte Joachim Löw elf Joshua Kimmichs zur Verfügung, mindestens neun davon würden wohl immer spielen. Der Profi des FC Bayern ist allerdings einzigartig in seiner Kombination aus Dynamik, der gewaltigen Qualität im Zweikampf, dem schierem Willen und strategischer Brillanz. Gegen Frankreich verschob Löw seinen vielseitigen Anführer auf die rechte Seite, die Kimmich beackerte – und angesichts des über beinahe die volle Spielzeit arg tief stehenden Weltmeisters kaum effektiv fürs deutsche Team wirken konnte. "Kimmich ist für mich in der Zentrale einfach wichtiger, da kann er sein Potential und seine Art und Weise, wie er Fußball spielt, wie er Fußball lebt einfach mehr in die Mannschaft einbringen als auf der rechten Seite", sagte dann auch Lothar Matthäus im Gespräch mit RTL/ntv.

Das Problem: Mit Jonas Hofmann, der nur um den Platz joggte, während die Kollegen der flammenden Ansprache des Bundestrainers lauschten und Lukas Klostermann, der vorerst ebenfalls ausfällt, fällt reichlich Fachpersonal für die rechte Seite aus. Gut möglich also, dass Kimmich auch gegen die Portugiesen vom Rand aus wirken muss.

Das Risiko mit Leon Goretzka

Leon Goretzka ist einer, der der deutschen Nationalmannschaft ohne Wenn und Aber helfen kann. Die Dynamik, die Wucht, die schiere Offensivpower macht den Bayern-Profi zu einem Ein-Mann-Rollkommando. Das Problem: Der Mittelfeldspieler verletzte sich im Saisonendspurt, eine Muskelfaserverletzung im linken Oberschenkel hemmte ihn lange. Gegen die Franzosen stand er nicht im Kader. Goretzka wollte noch Trainingseinheiten sammeln, erst wieder zu vollem Vertrauen in den eigenen Körper und die eigene Wettkampfhärte gelangen. "Er hat gesagt, er braucht das, um völlig frei zu sein", erklärte Löw.

Ist es jetzt so weit? Goretzka ist längst wieder im Mannschaftstraining. Ist er bei 100 Prozent, muss er angesichts der fehlenden Durchschlagskraft des übrigen deutschen Mittelfelds spielen. Goretzka fühlt sich wohl bereit, doch der Bundestrainer bremst noch. Am Dienstagabend sagte Löw: "Leon kann im Laufe des Spiels sicher eine gute Option sein." Für einen Platz in der Startelf ist der 26-Jährige also wohl noch keine Option, zumindest in den Überlegungen von Löw. Oder blöfft der Bundestrainer?

Es ist ein heikles Spiel für Löw: Baut er Goretzka zu langsam wieder auf und in die Mannschaft ein, geht ihm wertvolle Qualität verloren. Und dann stellt sich noch die Frage: Wer müsste weichen? Bleibt Kimmich Löws Mann für die rechte Außenbahn, müssten Kroos oder der gegen Frankreich bemühte aber blasse Gündogan zittern. Stellt Löw auf Viererkette um, könnte Ginter auf rechts rücken, Kimmich fürs Mittelfeld frei werden - und mit Vereinskollege Goretzka die so erfolgreiche, eingespielte Doppel-Sechs auch fürs Nationalteam komplettieren. Für Löw wäre das wohl die risikoärmste Variante, allerdings steht der Bundestrainer seit jeher nicht im Verdacht, sich (vor-)schnell von gewachsenen Überzeugungen zu verabschieden. Schon gar nicht auf Druck von außen.

Im Sturm müssen Lösungen her – oder Veränderungen

"Wir waren nicht die schlechtere Mannschaft, hatten die Dominanz im Spiel", sagte Joshua Kimmich und stellte fest: "Es gab auf beiden Seiten relativ wenig Torchancen. Wir hätten ein Tor verdient gehabt. Ein Punkt wäre verdient gewesen." Ob sie ein Tor verdient hätten, die deutschen Nationalspieler, ist diskutabel. Man war ja über 90 Minuten nur einmal nah dran, als Serge Gnabry kurz nach der Halbzeit für Torgefahr sorgte. Es gab Angriffe in diesem wichtigen Spiel, da war kein einziger deutscher Angreifer im Strafraum zu finden. "Es stimmt schon, dass unsere Besetzung in der Box nicht hundertprozentig war", gab Linksverteidiger Robin Gosens zu, der nun wahrlich nicht Teil des Problems war. Am Schluss, als mit Timo Werner, Serge Gnabry, Thomas Müller, Leroy Sané und Kevin Volland fünf nominelle Angreifer für die Schlussoffensive sorgen sollten, kam kein einziger Schuss auf das Tor von Hugo Lloris.

Eigentlich war es der Plan, in Herzogenaurach am Offensivkonzept, an Details und Abläufen zu feilen. Wie Löw und sein Team das machten, kann niemand sagen: Die Einheiten werden im Geheimen abgehalten. Das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen war jedoch ernüchternd, auch wenn der Gegner der "Weltmeister im Verteidigen" war. Ob Löw taktisch oder personell umbaut, ist noch sein Geheimnis, es gibt zahlreiche Varianten. Einen klassischen Mittelstürmer hat er nicht im Kader, daran wird sich nichts mehr ändern im Laufe dieser EM. Warum Kevin Volland, der noch am ehesten für den Posten infrage käme, gegen Frankreich zeitweise von der Linksverteidigerposition nach vorne arbeiten musste, blieb Löws Geheimnis.

Havertz wieder raus – oder?

Es war eine der großen letzten Fragen, die sich für den Bundestrainer vor dem Gruppenauftakt gegen die Franzosen stellte: Darf Kai Havertz, der Champions-League-Held, von Beginn an ran oder doch der gleichfalls hochbegabte, allzu oft aber nicht wettkampfbereit wirkende Leroy Sané? Löw setzte auf den Flow, auf das Momentum, das Havertz im Gepäck haben sollte. Der Bundestrainer wurde enttäuscht, Havertz fand nie ins Spiel, kreierte keine gefährliche Situation – und musste nach gut 75 Minuten raus. Sané kam – und machte ebenfalls keine Werbung für sich. Das wiederum übernahm Ilkay Gündogan und das überraschend offensiv. "Leroy ist ein Spieler, der Rhythmus braucht, der das Gefühl braucht, ständig den Unterschied machen zu können", sagte Gündogan. "Bei Manchester City hat er dieses Gefühl gehabt, da ging kein Weg an ihm vorbei." Was der Bundestrainer nun macht? Völlig offen. Denn die Frage "Havertz oder Sané" ist eben auch Teil der großen "Wie wird es vorne besser?"-Frage. Da ist eine ganzheitliche Lösung entscheidend.

Löw muss sich das Risiko trauen

0:1 gegen Frankreich, dieses Ensemble von Weltklasseleuten - das ist nach 20 Minuten eines Europameisterschaftsspiels keine schöne Situation. Es bedeutet aber auch, dass danach noch 70 Minuten Zeit waren, am Ergebnis noch etwas zu machen. Das gelang nicht, auch, weil die große Schlussoffensive ausfiel. Gebremst durch eigene Ungenauigkeiten, aber auch strukturell bedingt. Das ärgerte Kimmich: "Wir haben verpasst, komplett ins Risiko zu gehen und hinten aufzumachen." Löw wechselte mit Timo Werner, Leroy Sané und Kevin Volland zwar reichlich Offensivpersonal ein, an der Statik des eigenen Spiels änderte sich nichts.

Kroos ließ sich immer wieder zwischen die Innenverteidiger fallen, um Bälle nach vorne zu schleppen. Das bedeutet Wege für den Regisseur und ein dezimiertes Mittelfeld. Wo doch mit Mats Hummels, Matthias Ginter und Antonio Rüdiger drei Verteidiger auf dem Rasen standen, die einen konstruktiven Spielaufbau garantieren. "Das war taktisch ganz sicher nicht die klügste Entscheidung. Ich verstehe Absicherungen, aber wenn man 1:0 zurückliegt muss ich mehr riskieren", sagt Lothar Matthäus im Interview mit RTL/ntv.

Und sie wollen ja wirklich: "Ich weiß nicht, was im Kopf des Trainers vorgehen wird, ob sich formationstechnisch etwas ändern wird oder nicht", sagte Ilkay Gündogan. "Aber ich erhoffe mir, dass wir gegen Portugal mehr nach vorne spielen und mehr Chancen kreieren. Weil wir es können. Weil wir eine Mannschaft sind, die auch offensiv denken sollte."

Gegen Portugal, das wohl ganz anders als die Franzosen deutlich offensiver am Spiel teilnehmen wird, muss Löw sich gut überlegen, wie couragiert er die Begegnung angeht. Es geht um Punkte, aber auch um ein bisschen Euphorie. Die Ansprache von Herzogenaurach war vielleicht ein Fingerzeig.

"Gut gespielt, aber ..." ist gefährlich - und vorbei

Sogar Toni Kroos ließ sich einwickeln: "Wir haben ein gutes Spiel gemacht, hatten nicht weniger Chancen als die Franzosen. Ein unglückliches Tor hat das Spiel entschieden." Ein bisschen schnippisch sagte er am "ZDF"-Mikrofon lapidar: "Ich habe aber auch wenig Konter von Frankreich gesehen. Uns hat einfach ein Tor gefehlt. Kroos ist ein großer Spieler, der alles gewonnen hat (außer der Europameisterschaft) und ein sehr reflektierter Sportler. Der Profi von Real Madrid machte selbst kein schlechtes Spiel, die Passmaschine wurde aber allzu oft in kräftezehrende Duelle mit den französischen Mittelfeldspielern verwickelt. Mit seiner Analyse nach dem Spiel lag Kroos falsch falsch.

Auch seine Kollegen gingen zu wohlwollend mit dieser Partie um, in der sich die DFB-Truppe gegen die geballte französische Offensivbrillanz tatsächlich erstaunlich gut zur Wehr setzte. "Auf jeden Fall auf Augenhöhe" hatte Robin Gosens seine Mannschaft gesehen. Ilkay Gündogan fand, "dass wir dem Weltmeister ebenbürtig waren" und dass dieses Spiel "keinen Sieger verdient" gehabt hätte. Denn die Franzosen hatten sich in diesem Spiel komfortabel eingerichtet und der deutschen Mannschaft eine Scheindominanz zugebilligt, mehr nicht. Viel Ballbesitz hatten sie, rund 60 Prozent. Die entscheidenden Zweikämpfe aber gewannen der überragende Paul Pogba oder der umsichtige N`Golo Kanté. Nun geht es um entscheidende Punkte, nicht mehr um "Bonuspunkte".

"Wenn du das erste Spiel verlierst und drei Gruppenspiele hast, dann ist der Druck groß. Darüber müssen wir uns nicht drüber unterhalten", sagte Kroos. Löw fand dagegen nicht die richtigen Worte. "Klar sind wir enttäuscht, aber es ist ja nichts passiert. Wir müssen den Blick nach vorne richten. Wir haben noch zwei Spiele, da können wir alles geradebiegen", kommentierte der scheidende Bundestrainer den misslungenen Anfang von seinem unwiderruflichen Ende. Gelingt gegen Portugal wieder nur ein vermeintlich gutes Spiel, aber nicht mehr, kann es schon früh vorbei sein. Alles.

Erkenntnisse, wie der Bundestrainer die Probleme angehen wird, welche Lösungsstrategien er taktisch oder personell entwickelt, ließen sich aus den sonnigen Momenten von Herzogenaurach nicht gewinnen: Nach 15 Minuten, das ist die Absprache, müssen die Journalisten das "Adi-Dassler-Stadion" verlassen, der DFB-Tross arbeitet für sich. Ergebnisse der vielen Überlegungen sollen dann morgen sichtbar werden.

Quelle: ntv.de

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