Fußball-WM

Götze steht auf, Reus am Boden Ewiges Drama um Deutschlands verhinderten Weltstar

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Fiel bislang häufiger, als dass er aufstand: Marco Reus.

(Foto: imago images/eu-images)

Marco Reus wird seine Karriere mit ein paar WM-Spielen in Russland und zwei, vielleicht drei Titeln beim BVB beenden. Die Laufbahn des zweimaligen Fußballers des Jahres ist eine der großen Seltsamkeiten des letzten Jahrzehnts. Ganz anders stellt es sich für Mario Götze dar.

In einem Land vor dem FC Bayern München, da gehörte die Zukunft Borussia Dortmund. Der Verein aus dem Ruhrgebiet war der "heißeste Klub Europas", wie das britische Fußballmagazin "442" titelte und sie waren die "echten Erben von Barcelonas Thron". Lange ist es her. Ziemlich genau zehn Jahre. Der FC Bayern München hat sich die Bundesliga einverleibt, Borussia Dortmund ist nur noch ein fader Abklatsch der damals noch frischen "echten Liebe", die dem Klub bei jeder Gelegenheit um die Ohren gehauen wird. Und auch sonst ist nichts mehr, wie es früher einmal war. Zeit wartet nicht, sie schreitet unnachgiebig voran und die Welt verändert sich.

Marco Reus und Mario Götze waren 2012/2013 der pochende Herzschlag der Mannschaft von Jürgen Klopp. Die beiden ehemaligen BVB-Jugendspieler zauberten auf dem Platz und ließen die Fans im Westfalenstadion für einen kurzen Augenblick träumen. Dann wurden sie zu gut, der BVB zu klein für die als "Götzeus" verehrten Offensivspieler. Die Wege trennten sich. Mario Götze verkündete seinen Abschied noch vor dem Champions-League-Finale 2013. Er beschritt einen Weg, der ihn erst zum WM-Helden machte und dann zu einer Figur des vergangenen Lebens.

Beim FC Bayern München wurde er nie richtig glücklich, seine Rückkehr zum BVB war als kolossales Missverständnis zu verbuchen. Was sollte nach dem Tor in Rio auch noch kommen? 2014, mit gerade einmal 22 Jahren, hatte er etwas geschafft, was deutschen Spielern nur alle paar Generationen gelingen will: Götze hatte Deutschland zum Weltmeister-Titel geschossen. Alles, was jetzt folgte, konnte nur noch Zugabe sein. Götze ging ins Exil nach Eindhoven. Und kam, wie die alte Social-Media-Weisheit der Fußballer immer verspricht und selten einhält, stärker zurück.

Götze kein nostalgischer Rückfall

Bei Eintracht Frankfurt, diesem Klub, der so plötzlich die alten Hierarchien im deutschen Fußball auseinanderwirbelt, gibt er seit dieser Saison den Takt vor, wirkt dabei mit mittlerweile 30 Jahren auf der Höhe seiner Karriere. Aus dem einstigen Versprechen ist einer der stärksten Bundesliga-Spieler geworden und einer, der acht Jahre nach Brasilien eine neue Chance erhält, seinen Legenden-Status zu reaktivieren. Aber seine Teilnahme an der WM 2022 in Katar ist mehr als ein nostalgischer Rückfall des aktuellen Bundestrainers Hansi Flick, er hat längst wieder sportliche Bedeutung erlangt.

"Mario ist ein genialer Fußballer, der Gedankenblitze hat, der alles intuitiv macht", sagte Flick über den Rückkehrer: "Er kann uns das eine oder andere an Überraschung geben." Fünf Jahre hat der 63-malige Nationalspieler Götze nicht mehr für sein Land gespielt, über fünf Jahre hat Götze keinen Titel mehr in Deutschland gewonnen. Zwar gab es im niederländischen Exil einen Pokalsieg, doch die fünf Meisterschaften in der Bundesliga, die vier DFB-Pokalsiege und natürlich der Weltmeistertitel 2014 in Brasilien sind längst Erzählungen aus den Geschichtsbüchern des deutschen Fußballs. Doch jetzt ist er zurück.

Popikone Marco Reus

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Reus und Ronaldo. Für einen kurzen Moment waren sie beinahe auf einer Stufe.

(Foto: picture alliance / Simon Stacpoole / Offside)

Ganz anders als sein Buddy Marco Reus, der das noch größere Versprechen war. Damals, in dem Land vor dem FC Bayern München, war der heutige Kapitän seines Heimatvereins Borussia Dortmund der vielleicht größte Star des deutschen Fußballs. Vor der WM 2014 galt er als ernsthafter Kandidat auf den Titel des Weltfußballers. Real Madrid, der FC Barcelona, die englischen Topklubs - die Welt stand dem Jungen aus Dortmunds Osten offen. Rekordmeister Bayern hatte er erst 2012 verprellt. Da entschied er sich für einen Transfer zurück zum BVB und nicht zu den Bayern. 17,5 Millionen Euro investierten die Dortmunder, eine verrückte Summe in damaligen Zeiten. Der Turbokapitalismus hatte den Fußball gerade erst erreicht.

Auch wenn es in Deutschland selten registriert wurde, wurde er im Ausland kultisch verehrt. Seine Lama-Frisur macht ihn für kurze Zeit zu einer Popikone, seine Fangemeinde war weltweit und wählte ihn 2017 auf das Cover der internationalen Version des EA-Sports-Spiels FIFA. Im Jahr zuvor war Lionel Messi dort zu sehen, und im Jahr drauf Cristiano Ronaldo. Bis heute hat es kein anderer deutscher Spieler auf das Cover geschafft, nicht einmal ein anderer Bundesliga-Spieler.

Doch all das hätte Reus liebend gerne gegen den WM-Titel 2014, die Teilnahme an der EM 2016 eingetauscht. Sein Körper aber raubte ihm die besten Jahre seiner Karriere, seine Entscheidung für den BVB im Jahr 2015, als der Klub am Ende der Bundesliga-Tabelle stand, die Chance auf eine Welt-Karriere im Ausland. Er wollte den Weg mit seinem Verein weitergehen. So wie es bei Bayern München Normalität ist, und doch bei anderen Klubs in Deutschland als Talentverschwendung angesehen wird. Jede Entscheidung gegen die Bayern oder einen Wechsel ins Ausland ist eine Entscheidung gegen ein prall gefülltes Trophäen-Kabinett am Ende einer Karriere.

Vom Pech verfolgt

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Der Moment, der Reus die WM kostete.

(Foto: IMAGO/Team 2)

Was ist am Ende mehr wert? Ein Meistertitel mit dem Heimatklub oder zehn mit den Bayern? Ein Philosoph war Reus nie. Aber einer, der diese Frage klar für sich beantwortete. Allein die Vorstellung vom Meistertitel mit dem BVB bedeutete ihm mehr als die Realität der Bundesliga. Mit Dortmund gewann er zweimal den DFB-Pokal. 2017 verletzte er sich dabei am Kreuzband, die Tuchel-Krise vermieste die Feier zusätzlich. Vier Jahre später, 2021 also, jubelte er im menschenleeren Olympiastadion. Die Pandemie raubte ihm die Fahrt um den Borsigplatz. Es blieb bei einer Andeutung, was hätte sein können. Es war ein Wunder, dass ihm die herbsten Kritiker nicht fehlende Mentalität bei der Überwindung der Pandemie vorwarfen.

Anfang dieser Saison war klar: Marco Reus ist mal wieder in beeindruckender Form. Er gab dem wankelmütigen BVB-Team so etwas wie Stabilität und einen Sinn. Doch dann im Derby gegen Schalke schlug das Schicksal wieder zu. Die Borussia hoffte, Reus kämpfte, doch zwei Comeback-Versuche scheiterten und die Gewissheit, dass er ein weiteres Turnier verpassen wird. "Ein großer Traum von mir ist damit leider geplatzt", erklärte er auf Instagram und wünschte "seinem" Team "allen erdenklichen Erfolg" in Katar. Für ihn bleibt wieder nur die Rolle des Zuschauers. Wie so oft, wenn es zu einem Turnier geht. Am Ende seiner Karriere werden, so er sich nicht doch noch zur Heim-EM 2024 schleppt, ein paar Einsätze bei der verhunzten WM 2018 und einige Minuten bei der EM 2012 stehen.

"Was wäre, wenn"

Verletzungen, Verletzungen, Verletzungen. Dazu das ewige Gerede von der fehlenden Mentalität. Selbst in Dortmund will man sich auf der Süd nicht einig sein. Ist Reus Teil des Titel-Problems des BVB oder ist er einer, ohne den die Borussia nicht einmal das Hochplateau des letzten Jahrzehnts hätte verteidigen können? Hat er sein Versprechen eingelöst oder in Dortmund einfach nur dick abkassiert? Die Jury fällt immer noch ihr Urteil. Wenn sie dann mit dem Abstand von Jahren zur Verkündung zurück in den Gerichtssaal kehrt, wird sie ihn von allen Vorwürfen freisprechen und Reus in die Reihe der Dortmunder Legenden aufnehmen.

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Auch international wird man sich an ihn erinnern, seinen Namen raunen, wenn wieder einmal die großen Fragen aufgeworfen werden. "Was wäre passiert, wenn Reus sich 2014 vor der WM nicht verletzt hätte? Was wäre passiert, wenn sein Körper nicht jedes Gebrechen aufgesogen hätte?" Der Weltfußball hätte liebend gerne mehr Marco Reus gesehen. Es sollte ihm nicht vergönnt sein. In einem Land vor dem FC Bayern München deutete nichts darauf hin. Damals als Mario Götze und Marco Reus den "heißesten" Fußball Europas spielten.

"Jeder ist auch nur ein Mensch", sagte Reus in einem Interview im Jahr 2021. Und das kann ihm nicht einmal eine Verletzung nehmen. Doch es gab eine Zeit, in der der 33-Jährige noch viel mehr hätte sein können. Sogar mehr als Mario Götze. Und der ist immerhin WM-Held.

Quelle: ntv.de

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